Die Scheune Bollewick : Vom Kuhstall zum Besuchermagneten

10 000 Quadratmeter Nutzfläche verbergen sich im Innern der größten deutschen Feldsteinscheune.
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10 000 Quadratmeter Nutzfläche verbergen sich im Innern der größten deutschen Feldsteinscheune.

„Die Scheune“ in Bollewick ist heute Arbeitsort für 70 Frauen und Männer – dabei drohte ihr nach der Wende der Abriss

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27. November 2015, 19:46 Uhr

Mit einer Länge von 125 und einer Breite von 34 Metern ist sie genau genommen nicht zu übersehen – und doch wird es dem Ortsunkundigen nicht leicht gemacht, Deutschlands größte Feldsteinscheune in Bollewick zu finden. Zwar weisen an der Autobahn 19 kurz vor der Abfahrt Röbel Schilder auf den Müritz Nationalpark, die Schlossinsel Mirow und den Bärenwald in Plau am See hin. Einen Hinweis auf das nur sechs Kilometer entfernte Baudenkmal aber sucht man vergeblich. „Dabei haben wir schon 2010 einen entsprechenden Antrag an das Wirtschaftsministerium gestellt“, erinnert sich Scheunenmanagerin Silvia Hoffmann. Doch das Ministerium lehnte ab, und auch eine Klage vor dem Verwaltungsgericht blieb erfolglos. Dagegen wurde das Müritzeum in Waren schon beworben, bevor es geöffnet hatte… „Ich gönne jedem so ein Schild“, sagt die Scheunenmanagerin diplomatisch, „aber enttäuscht bin ich schon…“

Dabei hat sie dazu genau genommen gar keinen Grund. 150 000 Besucher verzeichnet „Die Scheune“ in Bollewick – was die Einheimische übrigens mit langem E Bolleeewick sprechen – pro Jahr. Wo bis 1991 noch 650 Kühe standen, empfangen heute auf 10 000 Quadratmetern Nutzfläche 13 Geschäfte und Werkstätten Schau- und Kauflustige. Ein Hotel mit 67 Betten gibt es unter dem Scheunendach ebenso wie eine Regionalausstellung, in der sich Sehenswürdigkeiten aus der Mecklenburgischen Seenplatte präsentieren. Drei Veranstaltungsbereiche bieten Raum für Konzerte und Aufführungen, Märkte und Ausstellungen. In der Bollewicker Scheune kann geheiratet, getagt und getafelt werden.

Dabei stand der 1881 im Auftrag des Barons von Langermann zu Erlenkamp und Spitzkuhn errichtete Bau schon einmal kurz davor, dem Erdboden gleichgemacht zu werden. „Die Scheune war zuerst als Schaf- und später als Kuhstall genutzt worden – bis 1990“, so Silvia Hoffmann. Dann ging die LPG (Landwirtschaftliche Produktionsgenossenschaft) in Liquidation, „nicht, weil sie pleite war, sondern weil die Eigentümer nach und nach ihr Land herauszogen“. In dieser Zeit wurde laut über den Abriss der Scheune nachgedacht. Doch Bürgermeister Bertold Meyer, damals schon und heute immer noch im Amt, stellte sich dagegen. Der eigens gegründete Verein Arbeits- und Ausbildungsinitiative Röbel e.V. mühte sich zweieinhalb Jahre lang, das Gebäude und das Grundstück drumherum instandzusetzen. „Bezahlt wurde das über den zweiten Arbeitsmarkt, wie das damals üblich war“, erinnert sich Silvia Hoffmann, die nach Meyer Geschäftsführerin des Vereins wurde. „So fanden vor allem die ehemaligen Melker der LPG in den ersten Jahren nach der Wende eine Weiterbeschäftigung im Dorf.“

Im Sommer 1994 fand in Bollewick dann die erste Verkaufsmesse statt. „Unter dem Motto ,Made in Mecklenburg‘ sollte sie Kunsthandwerkern und Handwerkern aus der Region, die nach der Wende ihre Produkte nicht mehr losgeworden waren, eine Plattform bieten“, so Silvia Hoffmann. „Nach Bollewick, das damals 380 Einwohner hatte, kamen spontan über 6000 Leute“, erinnert sie sich. Dabei hätte damals nur das Grundgeschoss zur Verfügung gestanden, vieles sei noch improvisiert gewesen.

Inzwischen gibt es auch im Obergeschoss Läden und Werkstätten – und mehrere Mieter, die der Scheune schon länger als ein Dutzend Jahre die Treue halten. Ralf Dumstrey mit seiner Mecklenburger Kerzenmanufaktur produziert und verkauft sogar schon im 17. Jahr in Bollewick – und seit 15 Jahren wohnen seine Frau und er auch im Dorf. „Unser Hauptgeschäft machen wir im Juli und August, wenn die meisten Besucher hier sind“, erzählt er. Es seien vor allem Urlauber, die seine Manufaktur besuchten. Und demnächst, so Dumstrey, kämen möglicherweise auch Interessenten an alternativen Energieversorgungskonzepten. Schließlich sei Bollewick Bioenergiedorf – zwei Biogasanlagen und eine hochmoderne Wärmezentrale versorgten den Ort zu 90 Prozent mit erneuerbarer Energie. Davon will auch Ralf Dumstrey profitieren – und nach der Umrüstung seiner Manufaktur gleichzeitig 90 Prozent der bisherigen Energiekosten einsparen.

Keramikerin Elisabeth Kämmerer betreibt ihren energieintensiven Brennofen dagegen zu Hause in Jarchow, einem Ortsteil von Marnitz. Seit 15 Jahren würde sie schon in Bollewick „überleben“, erzählt sie augenzwinkernd, während ihre geschickten Hände auf der Töpferscheibe in ihrem kleinen Geschäft einen Krug drehen. So nutzt sie die Zeit, in der kaum Kunden kommen, effektiv - vor allem im November und im Januar sei Besucherflaute, erklärt sie.

Diejenigen, die sich auch in der trüben Jahreszeit nicht abhalten lassen, „Die Scheune“ zu besuchen, machen fast immer bei Wolfgang Hofrichter Station. In seiner Drechselstube kann man miterleben, wie er Lampenschirme, Schalen oder Figuren aus dem Holz schält. Dass ihm mancher dabei ganz genau und mitunter stundenlang auf die Finger schaut, stört den Malchower schon lange nicht mehr – „ich mache das hier schließlich schon seit 2004, da bin ich das gewohnt“.

70 feste Arbeitsplätze gibt es mittlerweile in der Feldsteinscheune. Darauf verweist Silvia Hoffmann vor allem dann, wenn sie sich Kritik wegen der Eintrittspreise anhören muss, die sie für Sonderveranstaltungen erhebt. „Wir versuchen, Kultur auf dem Land auch ohne Förderung hinzukriegen“, betont sie. Andere Veranstalter hätten durchaus Vorteile, wenn sie Strukturfördermittel in Anspruch nähmen. „Aber nachhaltig kann man so nichts aufbauen“, ist die Scheunenmanagerin überzeugt.

Letztlich gibt ihr der Erfolg Recht. Ein besonderer Besuchermagnet ist dabei seit Jahren die Ausstellung der weltweit besten Naturfotos, die in Deutschland nur an vier Standorten gezeigt wird. Bollewick ist der einzige nördlich von Hannover. „Wir haben viele Besucher, die im Sommer nur wegen dieser Ausstellung hierher kommen“, weiß Silvia Hoffmann. In diesem Jahr konnte sie sogar ein Ehepaar begrüßen, dass die Schau im Urlaub in Sydney gesehen hatte und sie sich hier in Deutschland unbedingt noch einmal ansehen wollte. „Solche Erlebnisse vergisst man so schnell nicht wieder“, meint Silvia Hoffmann.

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