zur Navigation springen

Sprache im Wandel : Vom „Jammerossi“ bis zur „Zone“

vom
Aus der Redaktion der Zeitung für die Landeshauptstadt

Wer sagt heute noch „Jammerossi“ und „Besserwessi“? Oder fährt nach Brandenburg und spricht von der „Zone“? Viele Wörter, die um die Zeit des Mauerfalls in Mode waren, sind heute fast vergessen, andere haben sich tief ins kollektive Gedächtnis eingegraben. Sprachwissenschaftler forschen zu Fragen nach dem Aufkommen und Verschwinden von Wörtern rund um die deutsche Teilung.

Die „Zone“ zum Beispiel geht auf die Besatzungszonen nach dem Zweiten Weltkrieg zurück. „Aus der russischen Besatzungszone wurde eben die DDR, die der Westen nicht anerkennen wollte. Bei den Ostdeutschen kam das Wort gar nicht gut an“, sagt Sprachwissenschaftlerin Doris Steffens vom Mannheimer Institut für Deutsche Sprache (IDS).

Die jahrzehntelange Teilung hinterließ ihre Spuren, auch im Vokabular. „Ossi“ und „Wessi“ seien zum Beispiel Inbegriffe für die Schwierigkeiten des Vereinigungsprozesses, erläutert die Forscherin. Ihren negativen Zungenschlag haben die beiden Begriffe aus ihrer Sicht inzwischen weitgehend eingebüßt. Wie Ostdeutsche von einigen Westdeutschen nach der Wende gesehen wurden – zeigt der Ausdruck „Jammerossi“.

Andersherum war es nicht besser: Das Klischee vom besserwisserischen, arroganten Westler brachte den „Besserwessi“ hervor. Beide Begriffe sind heute seltener zu hören als direkt nach dem Mauerfall. Andere Wörter aus dem Dunstkreis der deutschen Teilung sind hingegen noch immer sehr präsent, mit am stärksten wohl die „Wende“: „Wenn wir heute ‚Wende‘ hören, denken wir sofort an 1989“, sagt Steffens. „Das Wort hat also ganz schön Karriere gemacht. Es steht sogar mit dieser Bedeutung im Duden.“ Der letzte Staatschef der DDR, Egon Krenz, gelte als der Erstverwender des Wortes. „Er sprach im Oktober 1989 davon, eine Wende einzuleiten.“ Heute habe sich die „Wende“ eingebürgert als relativ neutraler Ausdruck für ein sehr emotionales Ereignis. „Das Wort Wende hat sich so weitgehend durchgesetzt, weil es so wenig aussagt über die politische Einstellung des Sprechers.“ Manchen Begriffen ist hingegen ihr ideologischer Gehalt stark anzumerken. „Die Bürgerbewegung sprach von revolutionärer Erneuerung, später von Umbruch oder demokratischem Aufbruch“, erläutert Hellmann. „Die Westzeitungen sprachen vom Zusammenbruch des SED-Regimes.“ Friedliche oder sanfte Revolution, Wandel, Umsturz, Wiedervereinigung – neben „Wende“ gibt es viele Möglichkeiten, das zu benennen, was 1989 passierte.

Bis zum Mauerfall wurde in Westdeutschland sogar diskutiert, ob die Teilung am Ende auch die deutsche Sprache teilen würde, wie der Mannheimer IDS-Forscher Albrecht Plewnia erzählt. „Es war der Ausdruck einer politischen Sorge: Wenn nicht bald etwas passiert, bekommen wir sogar zwei unterschiedliche Sprachen.“ Doch das habe wohl niemand ganz ernsthaft geglaubt.

zur Startseite

Gefällt Ihnen dieser Beitrag? Dann teilen Sie ihn bitte in den sozialen Medien - und folgen uns auch auf Twitter und Facebook:

Kommentare

Leserkommentare anzeigen