zur Navigation springen

Dreifache Erfolgsgeschichte : Vom Flüchtling zum Elitestudenten

vom
Aus der Redaktion der Zeitung für die Landeshauptstadt

Mojtaba, Masoud und Milad Sadinam sind 1996 nach Deutschland geflohen - Für ihre neue Heimat mussten sie 16 Jahre kämpfen

von
erstellt am 28.Okt.2015 | 21:00 Uhr

Sie haben es geschafft. Die Brüder Mojtaba, Masoud und Milad Sadinam kamen als Flüchtlinge nach Deutschland. Inzwischen sprechen die gebürtigen Iraner nicht nur perfekt Deutsch, sondern besitzen die Staatsbürgerschaft, haben Einser-Abiture und sind wahre Vorzeige-Immigranten. Jedoch wider Willen. Mojtaba und Masoud besuchten Schwerin, um bei einer Lesung Interessierten ihre Geschichte näherzubringen.

Teheran 1996. Seit drei Monaten halten sich die drei Brüder und ihre Mutter Madar im Haus einer Freundin versteckt. Nach einer verbotenen Flugblattaktion war Madar aufgeflogen und fürchtete, verhaftet zu werden. Für die elfjährigen Zwillinge Mojtaba und Masoud sowie den neunjährigen Milad heißt das: kein Kontakt zur Außenwelt und bloß nicht das Haus verlassen. Mitten in der Nacht werden die drei unsanft geweckt. Der Schlepper ist da. Die Flucht beginnt. Es ist verglichen mit heutigen Verhältnissen eine bequeme Flucht. Mit dem Flugzeug. Der Schlepper gibt sich als Vater der Jungen aus, hat alle nötigen Papiere dabei. Etwa 15  000 Dollar verdient er mit dem Schmuggel.

Nach der Landung in Hannover geht es zunächst in ein Auffanglager. Dort stellt die Familie ihren Antrag auf politisches Asyl. Er wird ein Jahr später abgelehnt. Mutter Madar erhebt Einspruch beim Verwaltungsgericht. Auf den Termin müssen sie und ihre Söhne ganze vier Jahre warten. Vier Jahre, in denen die Familie im Auffanglager Münster untergebracht und mit Verboten begrüßt wird. Es ist verboten, viel Geld zu besitzen. Es ist verboten zu arbeiten. Es ist verboten, direkt zum Arzt zu gehen. Verboten, Schmuck und wertvolle Dinge zu besitzen. Schließlich wird die Familie in einer Wohnung in Lengerich untergebracht und die Jungs finden in der Schule Anschluss. Vor allem Milad, der Jüngste, lernt schnell die neue Sprache. „Madar hat uns für jede gelernte Vokabel fünf Pfennige gegeben, um uns zu motivieren“, erklärt Masoud.

Über all dem Lernen und Anpassen hängt jedoch die drohende Abschiebung. Immer wieder wird ihr Antrag abgelehnt. Dann hieß es: Erneut Einspruch erheben. Ein neuer Gerichtstermin. Und neue Schulden, die sich immer weiter anhäuften. Auch die Ausländerbehörde wollte die Familie abschieben. Dabei war Deutschland bereits zur neuen Heimat geworden. „Ich sprach inzwischen besser Deutsch als meine Muttersprache“, sagt Masoud. Er und seine Brüder waren Musterschüler. Sie dachten, Bildung wäre ihr Ticket nach Deutschland.

Rechtlich gesehen hatte die Familie alle Schritte getan. Bis zum Europäischen Gerichtshof hatten sie sich durchgeklagt. Trotz all ihrer Bemühungen und ihres Fleißes wollte sie in Deutschland niemand haben. Bis 2005. Da trat ein neues Zuwanderungsgesetz in Kraft, das eine Übertragung der Aufenthaltsgenehmigung von Elternteilen auf Kinder möglich machte. Der Vater der Jungen, der seine eigene Flucht damals getrennt organisieren musste, brauchte zwei Jahre, um genug Geld dafür zusammen zu bekommen. Seinen Asylantrag bekam er bewilligt. Und mit ihm dank des neuen Gesetzes automatisch auch Mojtaba, Masoud und Milad. Nach neun Jahren Wartezeit. Auch ihre Mutter bekam ein Jahr später die Bleibegenehmigung.

Doch dieser große Schritt war für die Sadinams nur eine der Hürden auf dem Weg zur deutschen Staatsbürgerschaft. Um endlich vollwertige Mitglieder der Gesellschaft zu werden. Neben Nachweisen über die Kenntnis der deutschen Rechtsordnung, der Sprache sowie der Lebensverhältnisse sollten sie auch bereits acht Jahre rechtmäßig in Deutschland verbracht haben. „Kein Problem. Wir waren ja schon neun Jahre hier“, erinnert sich Mojtaba. Doch rechtmäßig hieß in diesem Fall mit positivem Asylantrag. Also acht weitere Jahre warten. Da die Familie allerdings als „besonders integrationswillig“ eingestuft wurde, konnte die Wartezeit verkürzt werden. 2011 erlangten die Brüder endlich das Recht, Deutsche zu werden. 16 Jahre hatten sie gekämpft.

Die Brüder studieren mit Erfolg Philosophie, Geschichte und Wirtschaftsinformatik. Sie sagen: „Flüchtlinge sollten vom ersten Tag an Gleichberechtigung erfahren. Den gleichen rechtlichen Status bekommen wie Deutsche, um sich unabhängig ihre Zukunft aufzubauen“, wünscht sich Mojtaba. „Bisher ist das Asylverfahren nur ein großer Verwaltungsakt, bei dem die Menschen auf der Strecke bleiben.“

In ihre Heimat wollen die Brüder nie mehr zurück, auch wenn sie sich hier manchmal noch fremd fühlen. „Den Iran und unser altes Leben haben wir für immer aufgegeben.“ Die einzige Erinnerung stammt aus der Zeit im Versteck. Aus alten Holzbohlen hatten sich die Brüder Seifenkisten gebaut. Mit eigenen Namensschildern. Die Schilder konnten sie bis nach Deutschland retten. Sie sind die letzte Verbindung zu ihrer einstigen Heimat.

 

Alles rund um die aktuelle Flüchtlingsdebatte lesen Sie in unserem Dossier.

zur Startseite

Gefällt Ihnen dieser Beitrag? Dann teilen Sie ihn bitte in den sozialen Medien - und folgen uns auch auf Twitter und Facebook:

Diskutieren Sie mit.

Leserkommentare anzeigen