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Ärztemangel: fatale Folgen für Patienten : Vom Augenarzt ausgeladen

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Ein Augenarzt teilt seinen Patienten mit, dass er auf Grund von Veränderungen in der Praxis ihre Betreuung nicht länger übernehmen kann. "Alle bereits vergebenen Termine fallen ersatzlos weg", schreibt der Mediziner.

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erstellt am 13.Feb.2012 | 07:32 Uhr

Schwerin/Rostock | Zwei Fälle werfen ein bezeichnendes Licht auf die medizinische Versorgung im Land. Fall eins: Ein Augenarzt teilt seinen Patienten mit, dass er auf Grund von Veränderungen in der Praxis ihre Betreuung nicht länger übernehmen kann. "Alle bereits vergebenen Termine fallen ersatzlos weg", schreibt der Mediziner - ein Schock für die Patienten, haben sie doch oft schon ein halbes Jahr oder noch länger auf Termine gewartet.

Fall zwei: Sieben Ärzte nacheinander geben einer Familie einen Korb, die für die in ein Pflegeheim in ihrer Nähe übergesiedelte Mutter einen neuen Hausarzt sucht. Begründung: Man könne nicht noch mehr alte Menschen betreuen.

Kein Wunder angesichts im Land fehlender Ärzte

Beide Fälle ereigneten sich in den letzten Wochen in der Landeshauptstadt- beides könnte aber auch in jedem anderen Landesteil passieren. "Wir beraten immer wieder Patienten , die in Arztpraxen abgewiesen wurden", erklärt Selma Lindner von der Unabhängigen Patientenberatung Deutschland (UPD) in Rostock. Wenn man sich anschauen würde, wie viele Ärzte im Land fehlten, sei das auch kein Wunder.

In der Tat: Im Land sind mehr als 160 Hausarztstellen nicht besetzt. In jedem der letzten Jahre haben durchschnittlich 16 Hausarztpraxen im Land geschlossen, ohne dass es einen Nachfolger gibt. Selbst in Schwerin und Rostock suchen Hausärzte erfolglos Nachfolger. Die Folge: Die verbleibenden Praxen müssen die Patienten der ausscheidenden Kollegen mit aufnehmen - soweit sie dazu überhaupt noch in der Lage sind. Denn auch für einen Hausarzt hat der Tag nur 24 Stunden.

So ist es für viele Patienten im Land Realität, wochen- oder sogar monatelang auf einen Facharzttermin zu warten oder beim Hausarzt im völlig überfüllten Wartezimmer zu sitzen. Dennoch gelte für jeden, der hier als Kassenarzt praktiziert, dass er sich um gesetzlich Krankenversicherte zu kümmern habe, betont die Sprecherin der Techniker Krankenkasse (TK) im Land, Heike Schmedemann. "Da ist es nicht zulässig zu selektieren." Die Kasse biete, wie mittlerweile auch mehrere andere, einen Arzttermin-Service an. Darüber hinaus aber rate sie allen, die von Ärzten abgewiesen werden, dringend, sich bei der Kassenärztlichen Vereinigung (KVMV) zu beschweren. "Denn die hat einen Sicherstellungsauftrag und muss die notwendige Versorgung garantieren", betont Heike Schmedemann.

Dieser Verpflichtung ist sich Oliver Kahl, Hauptabteilungsleiter Sicherstellung bei der KVMV, auch bewusst. Von einem Fall wie der eingangs geschilderte n Odyssee bei der Hausarzt-Suche habe er allerdings noch nie gehört. Seine Abteilung würde sich in derartigen Einzelfällen aber vermittelnd einschalten, wenn Patienten dies wünschten. So könne die KV aus den ihr vorliegenden Abrechnungsdaten ableiten, welcher Arzt vergleichsweise wenige Patienten und also eventuell noch freie Kapazitäten haben könnte. Generell gelte allerdings: "Der Arzt ist ein Freiberufler, die Organisation seiner Praxis ist also allein seine Sache." So wolle die KVMV den - ihr auch ohne unsere Anfrage bereits bekannten - Fall des Schweriner Augenarztes auch nicht bewerten. "In der Gesetzlichen Krankenversicherung darf man Patienten nur aus wichtigem Grund ablehnen", so Kahl. Ein solcher könne aber sein, dass die Kapazitäten einer Praxis ausgelastet sind und man gegebenenfalls sogar Patienten abbauen müsse, um die sachgerechte Versorgung der verbleibenden zu garantieren.

Mit Dringlichkeits-Überweisung ohne Wartezeiten zum Termin

Extrem lange Wartezeiten bei Augenärzten seien nicht nur in MV, sondern bundesweit ein Problem, betont Kahl. Das habe einerseits damit zu tun, dass immer mehr Augenärzte ambulant operierten - dies sei politisch gewollt, binde aber enorme Kapazitäten. Die KVMV würde dem entgegenzusteuern versuchen, indem sie Sonderbedarfszulassungen nur für die konservative Augenheilkunde genehmigen würde - in Schwerin, aber auch in Rostock und Ludwigslust sei das bereits der Fall gewesen. Denn auch in diesem Bereich sei angesichts der demografischen Entwicklung der Bedarf in den letzten Jahren deutlich gestiegen: "Beim Augenlicht nehmen die Probleme nun mal im Alter besonders zu", weiß Kahl. Dennoch seien Wartezeiten angesichts begrenzter finanzieller Kapazitäten bei der Ärztevergütung unvermeidbar. In dringenden Fällen könnten Ärzte aber durch Kenntlichmachen auf der Überweisung klar machen, dass jemand unverzüglich einen Termin beim Augenarzt braucht - "dann bekommt er ihn auch", betont Kahl. Mit der AOK Nordost habe die KVMV darüber unlängst sogar einen Versorgungsvertrag abgeschlossen, wonach solche dringlichen Überweisungen sogar gesondert honoriert werden können.

Auf solch eine Dringlichkeits-Überweisung müssen nun wohl auch die "ausgeladenen" Augenarztpatienten setzen. Denn dass ihr ehemaliger Behandler ihnen eine Liste aller Facharzt-Kollegen im Umkreis von 30 Kilometern mitgeschickt hat, ist zwar eine nette, aber letztlich bedeutungslose Geste: Auch dort wartet man auf einen neuen Termin mehrere Monate lang.

Die KVMV bietet im Internet eine Arztsuche an: www.kvmv.info/aerzte/60/index.html

Die Unabhängige Patientenberatung Deutschland in Rostock berät unter Telefon: (0381) 208 70-45 oder 208 70-50, Ein bundesweites kostenloses Beratungstelefon der UPD erreichen Sie montags bis freitags von 10 bis 18 Uhr (donnerstags bis 20 Uhr) unter der Rufnummer 0800 0 11 77 22.

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