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Ostdeutsche Vogelstatistik : Vogelfrei für zwei Wochen auf der Insel

vom
Aus der Onlineredaktion

Ornithologen beringen bundesweit jeden Herbst Tausende Zugvögel . Langenwerder bei Poel in der Wismarbucht ist Mecklenburgs ältestes Seevogelschutzgebiet

svz.de von
erstellt am 05.Okt.2017 | 12:00 Uhr

Der frühe Vogel fängt den Wurm – das gilt besonders für Ornithologen, die Zug- und Rastvögel mit Ringen kennzeichnen. Auf der am 28. September 1937 unter Naturschutz gestellten Insel Langenwerder arbeiten Ehrenamtliche derzeit von Sonnenauf- bis Sonnenuntergang.

Horst Zimmermann (77), promovierter Veterinärmediziner, Vogelfreund und pensioniert, hilft seit 1957 auf der Insel. Seit 40 Jahren nimmt der jeden Herbst „vogelfrei“ und wird zwei Wochen zum Aussteiger. Mit seiner Frau Margrit kehrt er der Zivilisation den Rücken und zieht als Beringer auf den Langenwerder.

Aufstehen. Im Morgengrauen dreht Zimmermann seine erste Runde über das 21 Hektar große Eiland. Es entstand vor tausend Jahren aus Sandbänken und wird seit 1997 von einem Verein betreut. Von März bis November leisten Freiwillige hier Dienst. Im Frühjahr hüten sie die Brutkolonie der Sturmmöwen. Im Herbst werden die nach Süden ziehenden Wat- und Wasservögel beim Rasten gezählt und Tausende Jungtiere beringt. Zum Einfangen sind acht Reusen am Ufer aufgestellt und Kleinvogelnetze gespannt. Mindestens stündlich kontrollieren die Vogelwarte das Revier und holen die „Fänge“ ein.

Samuel Mühlichen (18), Bundesfreiwilligendienstler, bringt einen Stoffbeutel. „Zwei Rauchschwalben“, verkündet er. Zimmermann nimmt einen der Lütten sacht in die Hand, spreizt die Flügel, misst die Schnabellänge, wiegt den Winzling und klemmt ihm einen nummerierten Ring ums Bein – den Reisepass der Zugvögel sozusagen. Das Metall muss glatt verschlossen und am Bein beweglich sein, damit nichts scheuert.

„Hiddensee Germania“ ist neben einer Kennzahl in den Ring gestanzt, ein Hinweis auf die zuständige Beringungszentrale. Sie hat ihren Sitz in Greifswald und ist eine von dreien bundesweit. Die Daten schreibt Zimmermann mit Kuli in ein Notizbuch, erst später wird er sie vom heimischen Computer aus an die Zentrale schicken. Auf der Vogelinsel gibt es weder Laptop noch PC.

„Die können das Klima nicht ab, zu feucht und zu salzig“, sagt Bufdi Samuel. Das Leben ist spartanisch: Unterkunft bietet ein reetgedecktes Häuschen von 1935, das mit Kohle beheizt wird. Trinkwasser und Essen bringen die Freiwilligen mit. Gebadet wird in der Ostsee, gekocht mit Meerwasser, die Toilette ist ein Plumpsklo, Strom kommt aus Solarzellen.

Heute nahm Zimmermann schon 25 gefiederte Wasservögel unter seine Fittiche. An manchen Tagen beringt er 50, 60 Jungtiere. Pro Saison sind es auf Langenwerder 1500 bis 2000 in rund 15 Arten.

Etwa acht von zehn sind Alpenstrandläufer. Die Schnepfenvögel brüten in der Tundra oder Asien, ziehen im Herbst entlang der Ostsee nach Südeuropa oder Nordafrika zum Überwintern, im Frühjahr geht es über Tausende Kilometer zurück nach Skandinavien oder Russland. Zimmermann wiegt einen Alpenstrandläufer. „39,7Gramm, das ist die unterste Grenze.“ Der nächste Jungvogel ist besser dran: 44,9.

Das Raum-Zeit-Verhalten von Wat- und Wasser-, Sing- und Greifvögeln zu erkunden, ist Ziel der wissenschaftlichen Vogelberingung. Besonders interessant seien Wiederfunde beringter Vögel, sagt Ulrich Köppen, Leiter der Beringungszentrale Hiddensee. So könnten Alter, Zugzeiten und Flugrouten, Brut- und Rastplätze ermittelt werden. Je öfter ein Tier wiedergefangen werde, umso mehr Daten kämen zusammen – eine Art Biografie entstehe.

Zum Mittag gabs Suppe. Zimmermann hängt das Fernglas um, schultert ein Spektiv, ein Beobachtungsfernrohr, das bis zu 60-fache Vergrößerungen schafft. Am Spülsaum entlang geht es gen Süden über die flache Insel. Hier fressen sich unzählige Seevögel, Knutts, Austernfischer, Brachvögel und vor allem Alpenstrandläufer Fettreserven vor dem Weiterflug an. Aufgetischt sind Wattwürmer, Muscheln, Schnecken, kleine Krebse. Zimmermann entdeckt einen Altvogel mit Ring. „E7M“ steht darauf. Also wurde der Vogel in Polen markiert.

Manchmal jedoch wird die Idylle gestört, von Badenden, die dem Schutzgebiet zu nahe kommen. Auch Kitesurfer und Scooter scheuchen immer wieder rastende Tiere auf, wie Zimmermann erzählt. Zum Glück hielten sich solche Störungen in Grenzen. Dafür sorge auch die ständige Anwesenheit der Vogelwächter in den sensiblen Revieren während der Saison. Jeden Sonntag gebe es Führungen für Besucher, das bringe mehr Verständnis für den Vogelschutz.

Langenwerder kennt auch andere Zeiten. Auf das baumlose Eiland kamen nach beiden Weltkriegen immer wieder Hungernde herüber und raubten Vogeleier. Auch einen ungeklärten Mordfall gab es: 1946 wurde auf der Insel die aus Ostpreußen geflohene Ornithologin Karoline Krüger vermutlich von russischen Soldaten erschlagen und später von Anwohnern in Kirchdorf auf Poel beerdigt.

Samuel hat die Geschichten über die Insel alle schon erzählt bekommen. „Das gehört für Neulinge dazu.“ Wie zur Antwort schreit eine Lachmöwe laut auf. Der junge Mann startet das kleine Motorboot und bringt die Tagesgäste die kurze Strecke übers flache Wasser zurück zur Nachbarinsel Poel.

 

Ostdeutsche Vogelstatistik

Der Name der ostdeutschen Beringungszentrale Hiddensee in Greifswald leitet sich von der Schwesterinsel bei Rügen ab, auf der 1936 eine Vogelwarte als ornithologisches Forschungsinstitut der Universität Greifswald gegründet wurde.
Rund 300 ausgebildete Beringungshelfer und ehrenamtliche Vogelschützer kennzeichnen jedes Jahr in ihrer Freizeit in den Schutzgebieten der neuen Länder rund 110 000 Vögel von über 200 Arten. Das seit 1977 digital geführte Archiv für Ostdeutschlands Vogelwelt umfasst die Datensätze von 5,7 Millionen gekennzeichneten Vögeln und 720 000 beringten Vögeln, die wiedergefunden wurden.
In Deutschland gibt es außerdem seit 1901 die Beringungszentralen Vogelwarte Helgoland in Wilhelmshaven und Radolfzell am Bodensee.
Der Däne Hans Christian Mortensen war der erste, der ab 1899 in größerem Umfang für die Wissenschaft Vögel beringte. 1901 begann Prof. Johannes Thienemann in der Vogelwarte Rossitten auf der Kurischen Nehrung mit dem Beringen von Vögeln zu Forschungszwecken.


 

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