Marc Chagall in Schwerin : Völlig schwerelos

marc chagall die bastille 1954 lithographie
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Grafiken von Marc Chagall im Schleswig-Holstein-Haus Schwerin

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15. Juni 2018, 12:00 Uhr

Sammler von Kunst muss man sich als Liebende vorstellen. Ulrich Dierckes ist so ein Liebender. Er hat sich nicht nur schon als Student in die Kunst Marc Chagalls verliebt, sondern im vergangenen Jahr auch in das Schweriner Schleswig-Holstein-Haus. „Was Marc Chagall ausmacht, das Schwerelose, Schwebende, Inspirierende, kommt in diesen Räumen hier voll zum Tragen.“ Dierckes hat aus seiner umfangreichen Sammlung von Werken Marc Chagalls speziell für Schwerin eine Ausstellung konzipiert und die mehr als 100 Grafiken in den vergangenen Tagen in der oberen Etage des Kulturhauses gehängt.

Bei einem Rundgang mit Ulrich Dierckes durch seine Ausstellung wird schnell klar, dass dieser Mann, der eigentlich Naturwissenschaftler ist, die feinsten Verästelungen von Chagalls riesigem Werk und seiner Biografie erforscht hat. Er lässt keine Zweifel an dessen Genie. Mögen andere auch anfechten, dass der 1887 im weißrussischen Witebsk geborene Künstler vergleichslos in der Geschichte der modernen Kunst dasteht und über seine „Blumensträuße, Liebenden, kitschigen Farben, Witebskschen Glückwunschkarten, Zuckerguss und sentimentalen Witzchen“ spotten. „Chagall liebte sein grafisches Werk. Er hat es zu einer Perfektion entwickelt, die nur ganz wenige Künstler geschafft haben“, sagt Dierckes, während er durch die Ausstellung führt – von der ganz frühen Radierung „Selbstporträt mit lachendem Gesicht“ bis zur allerletzten Lithografie, deren Druck Chagall nicht mehr erlebte und die darum mit einem Stempel signiert werden musste. Mit Flügeln sitzt da der Maler selbst vor der Staffelei, während ein Engel von oben herangeflogen kommt. Ein friedliches, zugleich wehmütiges Bild.

An die 1000 Lithografien hat der französische Maler weißrussisch-jüdischer Herkunft geschaffen, darunter viele Illustrationen für Bücher und Grafikmappen. Das mag zu seiner Popularität beigetragen haben, denn durch die hohen Auflagen konnten sich viele Menschen Arbeiten Chagalls leisten.

Exemplarisch sind von fast all seinen Mappenwerken Arbeiten in dieser Ausstellung zu sehen, so dass man in ein, zwei Stunden einen guten Überblick über das Werk dieses außergewöhnlichen Künstlers bekommen kann: die handkolorierten Radierungen zu La Fontaines Fabeln, auch drei Radierungen zu den Märchen aus 1001 Nacht. Sie entstanden in den USA, wohin der Künstler im letzten Moment vor den Nazis aus Paris fliehen konnte. Richtig warm wurde er mit Amerika aber nie, auch weil er dort seine geliebte Frau Bella durch eine Krankheit verlor.

Zurück in Paris schuf er wunderbar farbige Lithografien, auf denen er die Stadt der Liebe und ihre Bauwerke feierte. Der Eiffelturm, auf dem Kopf stehend, Liebespaare am Ufer der Seine, die feuerrote Bastille, eines seiner Hauptwerke. Auch in diesen Bildern arbeitet Chagall mit Motiven aus seiner weißrussischen Heimat: Pferdewagen, Hähne, Ziegenböcke, ländliche Idyllen. Der geliebte Zirkus war für den Meister immer wieder Quelle der Inspiration, wie Blätter mit einem Clown, einer Kunstreiterin und einem Dompteur in der Ausstellung belegen.

Sammler Dierckes weist auf die leuchtende Farbigkeit und damit Qualität vieler Werke in Schwerin hin. „Diese Blätter haben nie die Sonne gesehen, Kunstlicht indes schadet nicht.“

Neben impressionistisch anmutenden Lithografien zu dem antiken Liebesroman „Daphnis und Chloe“ und spät im Leben entstandenen zur „Odyssee“, die das Versiegen der künstlerischen Kräfte Chagalls andeuten, nehmen Arbeiten zur Bibel einen Großteil der Ausstellung ein. Hier hat der Künstler, findet Dierckes, in einigen Radierungen die Meisterschaft von Rembrandt und Rubens erreicht. Vielleicht schrieb der 1985 gestorbene Chagall darum selbstbewusst: „Ich bin sicher, daß Rembrandt mich liebt.“

Was natürlich nur Spekulation bleiben muss. Dass Chagall, der Weltkünstler, der aus der Provinz kam, bis auf den heutigen Tag von vielen bewundert, ja geliebt wird, dürfte der Besucheransturm in der Ausstellung „Poesie in Farben“ in diesem Sommer eindrucksvoll bestätigen.

Öffnungszeiten

„MARC CHAGALL – Poesie in Farben“, Ausstellung im Schleswig-Holstein-Haus, 15. Juni bis 16. September 2018, Dienstag bis Sonntag, 11 bis 18 Uhr

Zum Rahmenprogramm gehört ein musikalisch-literarischer Abend unter dem Titel „Die Welt kann nur durch Liebe gerettet werden!“ mit dem Kunsthistoriker Dr. Thomas Carstensen und der Schauspielerin Ulrike Fertig am 24. Juni, 16 Uhr. „Die Farben von Chagall“ ist das Motto der Tanzperformance mit Lysistrate am 14. September um 18 Uhr.

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