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Daniel Hope auf Schloss Bothmer : Vier Jahreszeiten neu interpretiert

vom
Aus der Redaktion der Zeitung für die Landeshauptstadt

Daniel Hope und das Deutsche Kammerorchester Berlin spielen Vivaldis „Die vier Jahrenszeiten“ auf Schloss Bothmer

Daniel Hope, 43, ist einer der aufregendsten britischen Violinisten. Nach Projekten mit Klaus Maria Brandauer, Sting und Sofie von Otter hat er sich Antonio Vivaldis „Die vier Jahreszeiten“ zugewandt. Das Album „For Seasons“ (Deutsche Grammophon/Universal) trägt die Konzeptidee von Vivaldis Meisterwerk noch etwas weiter und ist eine Reaktion auf das durch den Klimawandel geprägte 21. Jahrhundert. Am Sonnabend ist der Stargeiger im Rahmen der Festspiele Mecklenburg-Vorpommern zusammen mit dem Deutschen Kammerorchester Berlin auf Schloss Bothmer zu erleben. Olaf Neumann traf den gebürtigen Südafrikaner Daniel Hope vorab in Berlin.

Vivaldis „Die vier Jahreszeiten“ hört man ja praktisch überall. Wieso sind Sie dieser Musik nicht überdrüssig?
Daniel Hope: Es gibt Menschen, die können „Die vier Jahreszeiten“ nicht mehr hören. Ich kann diese Ansicht nicht teilen, vielleicht, weil ich diese Musik jedes Jahr dutzende Male auch spiele. Die erfinderische Qualität, die in dieser Komposition liegt, ist einfach nicht zu toppen. Vivaldi war seiner Zeit so weit voraus, dass er heute immer noch modern wirkt. Das zeichnet ein Meisterwerk aus.

Warum sind „Die vier Jahreszeiten“ eigentlich so ein Erfolg geworden?
Weil Vivaldi darin alles sagt. Er spricht zu uns auf eine Art und Weise, die wir sofort verstehen, unabhängig davon, ob man ausgebildeter Musiker ist oder nicht. Natürlich spielt der Wiedererkennungseffekt eine große Rolle. Aber gerade im Konzert ist diese dramatische Musik extrem packend, sie provoziert und regt zum Nachdenken an. Die Zuhörer sind danach regelrecht atemlos. Das liegt auch daran, dass wir uns dauernd mit den Jahreszeiten und dem Klima beschäftigen. Und ausgerechnet Hollywood hat dieses lange verschollene Werk wiederentdeckt.

Werden heute noch solch bahnbrechende Stücke geschrieben?
Daran glaube ich fest. Ich kann aber nicht sagen, ob sie in 300 Jahren noch gehört werden, denn im Moment ist unsere Welt so unsicher und seltsam wie nie. Es gibt eine ganze Reihe von bahnbrechenden lebenden Komponisten, wie etwa Thomas Adès, Bruce Adolphe, Huw Watkins oder Mark-Anthony Turnage. Turnage schreibt gerade ein Doppelkonzert für mich. Die Frage ist, wie gehen wir als Interpreten mit zeitgenössischer Musik um und welches Verständnis bringt das Publikum dafür auf. Auch Mozart, Beethoven und Vivaldi brauchten eine gewisse Zeit, um sich durchzusetzen.

Sie spielen regelmäßig in Amerika. Wie erleben Sie das Land und seine Künstler dieser Tage?
Ich bin alarmiert, weil ich eigentlich ein großer Bewunderer der amerikanischen Musik und des Volkes bin. Es gibt dort extrem intelligente und interessante Menschen. Aber eben auch andere. Und wenn Gewalt und Intoleranz überhandnehmen, dann hat eine Gesellschaft ein Problem. Viele meiner amerikanischen Freunde gehen derzeit auf die Straße und protestieren. Sie sind sauer und verängstigt. Ich mache mir Sorgen, dass der grassierende Populismus gewissen Parteien weltweit einen Stoß gibt. Sie surfen im Moment auf dieser Welle.

Ist Ihr Album „For Seasons“ auch eine Reaktion auf den Klimawandel, der ja gerade in Amerika von konservativen Politikern geleugnet wird?
Ich würde es nicht so plakativ ausdrücken. Das Album ist vor allem eine Reaktion auf Vivaldi und „Die vier Jahreszeiten“. Der Klimawandel spielt dabei aber eine Rolle. Als Vivaldi diese Musik geschrieben hat, gab es wirklich noch vier echte Jahreszeiten. In den meisten Ländern der Welt ist das heute nicht mehr der Fall. Abgesehen davon, dass jetzt einige in Amerika versuchen, den Klimawandel als Lüge darzustellen und dabei die renommiertesten Wissenschafter ignorieren. Auch das ist alarmierend. Ich liebe die Jahreszeiten und hoffe, dass man sie schützen kann. Aber ein Musiker kann nicht viel tun, außer darauf aufmerksam zu machen. Ich bin überzeugt, dass Musik die Menschen zum Nachdenken anregt. Und das bedeutet eine Chance auf Dialog. Dialog fehlt im Moment – überall.

Sie leben seit einiger Zeit in Berlin. Ist das ein Ort, der Sie besonders inspiriert?
Diese Stadt ist ein Schmelztiegel mit einer starken deutschen Identität. Die vielen Nationalitäten und unterschiedlichen Bezirke erinnern mich ein bisschen an das London der 70er- und 80er-Jahre, wo ich groß geworden bin. Aber ich mag auch das alte West-Berlin sehr, es ist das Berlin meiner Großeltern. Ich liebe das kulturelle Angebot hier. Man kann sich darin verlieren.

Wirkt Ihr Buch „Familienstücke“ noch nach?
Durch die Recherche zu „Familienstücke“ habe ich das Grab meines Ururgroßvaters Julius Valentin entdeckt. Er ist der Begründer unserer Dynastie und hat ein wunderschönes Grabmal im Luisenkirchhof in Charlottenburg. Es stammt von dem bekannten Bildhauer Fritz Schaper und gehört zu den schönsten in ganz Berlin. Ich möchte es gerne restaurieren lassen. Über dieses Grabmal gibt es eine umfangreiche Akte, darin sind sogar Originalbriefe meines Ururgroßvaters enthalten. Das hat mich dazu gebracht, noch mehr über meine Herkunft rausfinden zu wollen. Im Sommer kommt übrigens ein Dokumentarfilm über mich und meine Familie ins Kino.
 

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