Rostock : Viel zu früh auf der Welt

Silke und Vanessa Mittelstädt schauen sich Fotos von damals an.
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Silke und Vanessa Mittelstädt schauen sich Fotos von damals an.

Als Vanessa in der 24. Schwangerschaftswoche geboren wurde, begann für Silke Mittelstädt und ihre Tochter ein Kampf ins Leben und ums Überleben

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30. März 2015, 11:50 Uhr

Ein Kind zu erwarten – das ist für viele Frauen etwas Besonderes: Der wachsende Bauch, die ersten Ultraschallbilder, die Suche nach einem Namen und wie es sein wird, das Baby das erste Mal im Arm zu haben und zu schauen, wem es ähnlich sieht. Die Vorfreude kann mit einem Mal überschattet werden, wenn Komplikationen auftreten und das Baby möglicherweise unreif und viel zu früh auf die Welt kommt. Dass manchmal nur wenige Sekunden zwischen Leben und Tod eines Neugeborenen liegen können, hat Silke Mittelstädt vor 13 Jahren erlebt.

„Es ist, als wäre es erst gestern gewesen“, beschreibt die Rostockerin ihre Erinnerung an eine Zeit, die ihr Leben auf den Kopf gestellt hat. Die Hälfte der Schwangerschaft hatte sie eigentlich noch vor sich. „In der 19. Woche spürte ich, dass etwas nicht stimmte.“ Mit Blutungen kam Silke Mittelstädt in die Neonatologie der Rostocker Südstadtklinik. Die Diagnose: Vorzeitige Plazentablösung. Sie bekam sofort wehenhemmende Tröpfe und musste strenge Bettruhe einhalten. „Zu der Zeit wusste ich noch nicht, wie lange ich mein Baby noch im Bauch behalten würde.“ Jeder Tag war entscheidend. Ziel war es, die Schwangerschaft so lange wie möglich fortzuführen. Von nun an sollten noch fünf Wochen voller Bangen und Hoffen, voller Gedanken um Leben und Tod vergehen.

In der 24. Schwangerschaftswoche, am 22. April 2001, kam Silke Mittelstädts Tochter per Kaiserschnitt auf die Welt. Viel zu früh. Klein, zart und so zerbrechlich: Vanessa Mercedes. Das kleine Mädchen wog nur 690 Gramm und war 30 Zentimeter klein. „Ich wusste nicht, was ich fühlen und denken soll“, erzählt Silke Mittelstädt, die ihre Vanessa erst einen Tag nach der Geburt gesehen hat. „Der Anblick meiner kleinen Tochter im Inkubator machte mich sprachlos. Aber auch neugierig,“ erinnert sich die heute 47-Jährige. „Das Gefühl ist schwer zu beschreiben. Auf einmal war sie da. Und ich musste verstehen, dass sie nun nicht mehr in meinem Bauch ist. Mir fehlt dieses Geburtserlebnis, was man bei einer spontanen Entbindung empfindet“, sagt die dreifache Mutter .

Die erste Zeit lässt sich als ein Auf und Ab der Gefühle beschreiben. Vanessas Lunge war stark geschädigt. Sie musste über eine Trachealkanüle beatmet werden. Bis zum zehnten Tag hatte das kleine Mädchen immer wieder Zusammenbrüche. Und dann musste Silke Mittelstädt erfahren, dass ihre Tochter es vielleicht nicht schafft. Der Mutter blieb nichts anderes übrig, als sich mit dem Thema Tod auseinanderzusetzen: „Wenn sie sterben sollte, muss ich das wohl akzeptieren“, so Silke Mittelstädt und ergänzt: „Ich wollte einfach so viel Zeit wie möglich mit Vanessa verbringen.“ Das Mädchen musste zunächst noch in der Neonatologie in Rostock bleiben. Zu schwerwiegend waren die Folgen für die Kleine durch die Frühgeburt: Neben den Lungenschäden kamen eine chronische Niereninsuffizienz, Kurzsichtigkeit und Hörminderung dazu. Um atmen zu können, erhielt Vanessa eine Sauerstofftherapie. Das kleine Mädchen kämpfte ums Überleben. Am 1. Juni 2001 wurde Vanessa in die Kinderklinik nach Lübeck geflogen, um dort weiter versorgt zu werden. „Es war wie in einem Film. Regen, Dunkelheit. Aber als der Helikopter in den Himmel stieg, war durch die Wolken die Sonne zu sehen.“ Silke Mittelstädt deutete dies als Zeichen, dass alles gut wird. Nach Lübeck ist sie von nun an alle zwei Tage gefahren. Sich abzulenken oder an etwas anders zu denken – ihr Gewissen ließ es nicht zu.

Am 17.9. hatte Vanessa es geschafft und konnte endlich nach Hause. Zwei Jahre lang wartete Silke Mittelstädt auf das erste Wort ihrer Tochter. Als endlich die Trachealkanüle aus ihrem Hals entfernt wurde, hauchte das Mädchen: „Mama“. Vanessa musste lange Zeit künstlich ernährt werden, ihr Mund ist zu empfindlich, so dass sie regelmäßig erbrochen hatte. Fünf bis sechs Lungenentzündungen hatte sie im Jahr. Sie ist seit jeher auch auf eine antibiotische Dauertherapie angewiesen.

Mittlerweile ist Vanessa Mercedes 13 Jahre alt. Wenn sich Silke Mittelstädt mit ihrer Tochter Fotos von Inkubator, Kanülen und Schläuchen anschaut, sind die Erinnerungen für die 47-Jährige so präsent wie damals. „Kannst du dir vorstellen, dass du einmal so klein warst,“ fragt die Mutter ihre Tochter und zeigt auf den kleinen Frühchen-Schnuller. „Nein“, antwortet das Mädchen. Beide schauen sich an und lächeln.

Den gesamten Tagesablauf richtet Silke Mittelstädt nach Vanessa. Vormittags geht das Mädchen zur Förderschule in Bad Doberan, danach stehen Therapien oder Arztbesuche auf dem Plan. Durch ihre Niereninsuffizienz muss sie auf eine eiweißarme Ernährung achten. Täglich muss Vanessa etwa 2400 Kilokalorien zu sich nehmen. Rückhalt bekommt Silke Mittelstädt von ihren Kindern Christian (28) und Sandra (26). Als Vanessa zehn Jahre alt wurde, fragte der Sohn seine Mutter, ob sie jemals gedacht hätte, dass Vanessa so alt werden könnte. Damit hätte die Familie nicht gerechnet. Die Antwort: Tränen in den Augen und eine Umarmung.

Früher hat Silke Mittelstädt in der Gastronomie gearbeitet. Ihren Beruf übt die Rostockerin nicht mehr aus. Seit 2003 engagiert sie sich ehrenamtlich im Förderverein für Früh- und Risikogeborene „KänguRuh“. „Der Verein ist ein Stück Verarbeitung der Frühchenphase“, erklärt Silke Mittelstädt, die dort auf andere betroffene Eltern trifft, die Hilfe brauchen und den Austausch suchen. Kraft gibt ihr immer wieder Vanessa. „Sie ist mein Sonnenschein“, sagt die 47-Jährige und fügt hinzu: „Ich wünsche mir, dass ihre Kindheit so normal wie möglich verläuft und ihre Gesundheit stabil bleibt.“

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