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Mecklenburg-Vorpommern

22. November 2017 | 04:57 Uhr

Viel Kunst von dunklem Verdacht befreit

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erstellt am 03.Apr.2013 | 07:34 Uhr

Schwerin | Wenn Susanne Fiedler sich an die Arbeit macht, streift sie weiße Handschuhe über. Vorsichtig dreht sie alte Bilderrahmen herum und beginnt auf der Rückseite mit der Spurensuche. Mit roter Kreide aufs Holz geschriebene Inventarnummern, bläuliche Stempel, in Sütterlin notierte Namen oder aufgeklebte Etiketten aus inzwischen brüchigem Papier geben der Kunsthistorikerin erste Hinweise, welchen Weg manche Kunstwerke zurückgelegt haben, bevor sie im Staatlichen Museum in Schwerin ankamen.

Die Herkunft von mehr als 1150 Gemälden, Zeichnungen, Graphiken, Skulpturen und Münzen hat Susanne Fiedler in den vergangenen vier Jahren unter die Lupe genommen. Das war zwar weniger als ein Hundertstel des gesamten Museumsbestandes, aber ein brisanter. Das Staatliche Museum hatte die Objekte zwischen 1933 und 1945 in Besitz genommen. In den Inventarlisten aber war nichts oder nur äußerst wenig zu den vorherigen Eigentümern vermerkt. Inzwischen hat Susanne Fiedler den Verdacht der "Nazi-Raubkunst", der nicht nur in Schwerin, sondern auch über manch anderem deutschen Museum schwebt, ein gutes Stück aufgehellt: Sie hat keine konkreten Hinweise gefunden, so der stellvertretende Museumsdirektor Gerhard Graulich, dass die Objekte aus dem Eigentum verfolgter Juden oder anderer verfolgter Gruppen stammt, die von den Nationalsozialisten enteignet oder zu billigen Notverkäufen gezwungen wurden.

Provenienzforschung nennen die Kunsthistoriker die Arbeit, die Susanne Fiedler mit finanzieller Unterstützung des Berliner Instituts für Museumsforschung geleistet hat. In den 1990er-Jahren bereits räumte das Museum nach internen Recherchen ein, dass es 1937 auf einer Auktion eine Skulptur und zwei Fächer aus der enteigneten Kunstsammlung der Hamburgerin Emma Budge gekauft hatte. Mithilfe von Sponsoren konnte das Museum die Gegenstände nun rechtmäßig erwerben. 2001 stellte es zudem eine Liste mit Objekten, deren Herkunft ungeklärt ist, auf seine Internetseite.

Bei ihren Recherchen halfen Susanne Fiedler weder DNA-Spuren noch Blutstropfen weiter. Anfangs hatte sie 354 Gemälde ausgemacht, deren Herkunft verdächtig erschien. Hinzu kamen 97 Verdachts-Fälle, bei denen es insgesamt um den Zugang von rund 800 Kunstobjekten ging. In der Bestandskartei stand zum Beispiel lediglich "Herkunft: Staatsministerium Schwerin", wenn ein Bild von der Landesregierung ans Museum abgegeben worden war. Verdächtig erschienen ihr auch Münzen, die bei bestimmten Kunsthändlern erworben wurden. Manche von ihnen machten regelmäßig für die Nazi-Behörden von Juden abgepresste Wertsachen zu Geld.

Die nächsten Spuren suchte Susanne Fiedler in den Akten des Museums. "In manchen Fällen gab es Briefe zwischen Verkäufern und der Museumsleitung, in denen Vorbesitzer erwähnt wurden." In zahlreichen Archiven durchwälzte sie bundesweit alte Ausstellungskataloge nach Hinweisen auf die Eigentümer der ausgestellten Bilder. Sie blätterte durch zahllose Kataloge von Kunstauktionen, in der Hoffnung Hinweise auf bisherige Besitzer zu finden. Sie versuchte an die Geschäftsunterlagen von Kunsthändlern aus der Nazizeit heranzukommen und an Briefe früherer privater Besitzer. In Stadt- und Landesarchiven versuchte sie nachzuvollziehen, wer welches Bild wer für seine Amtsstube vom Museum ausgeliehen hatte. Und sie tauschte sich mit Kollegen aus, denn Provenienzforschung wird zum Glück nicht nur in Schwerin betrieben.

Ihre vierjährige Arbeit fasste Susanne Fiedler in zwei Berichten mit insgesamt 1700 Seiten zusammen. Für mehr als 100 der "durchleuchteten" Gemälde kann demnach die Herkunft vom Künstler bis ins Schweriner Museum als lückenlos geklärt gelten. Gleiches gilt für 27 der zur Nazizeit ins Museum gekommenen weiteren Kunst-Konvolute. Außerdem konnte sie, so berichtet Susanne Fiedler, noch so manche Lücken in den Herkunftsgeschichten schließen. In 144 Fällen muss die Herkunft der Gemälde allerdings weiterhin als ungeklärt gelten. Auch in 70 Fällen der übrigen "Zugänge" konnte sie zwar neue Spuren finden, aber die Fälle nicht komplett lösen.

Im kommenden Jahr will das Museum Fiedlers Funde in einer eigenen Ausstellung präsentieren. Unterdessen könnte sie, wenn genug Geld vorhanden wäre, ihre Recherchen sofort fortsetzen. Auch nach 1945 gelangte das Museum in den Besitz mancher Bilder, deren Herkunft bis heute noch nicht geklärt ist.

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