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Prozess in Stralsund : Videos belegen: Vater misshandelte brutal sein Baby

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Ein Baby wird mehrfach schwer misshandelt und ist schwer behindert. Jetzt steht der Vater vor Gericht. Die Mutter glaubt lange nicht an die Misshandlungen, bis sie Videoaufzeichnungen findet.

svz.de von
erstellt am 01.Feb.2017 | 18:08 Uhr

Er reißt das Baby vom Wickeltisch hoch, so dass der Kopf mit voller Wucht in den Nacken schleudert. Er rammt seinem Sohn die Milchflasche in den Mund und dreht den Kopf gewaltsam nach vorn. Er drückt seine Faust mit voller Wucht auf den Unterbauch des Babys, so dass es gequält aufschreit: Im Gerichtssaal des Stralsunder Landgerichts herrscht am Mittwoch bedrückende Stille, als im Prozess gegen einen 32-jährigen Greifswalder die ihn belastenden Videoaufzeichnungen gezeigt werden.

Der gelernte Fachinformatiker aus Neustrelitz, der 2009 ein Lehramtsstudium in Greifswald begonnen hatte, ist angeklagt, seinen nur wenige Monate alten Sohn Oskar zwischen Oktober 2014 und Juni 2015 in 15 Fällen schwer misshandelt zu haben.

Das Kind, heute zweieinhalb Jahre alt, ist nach Angaben von Ärzten auf dem Entwicklungsstand eines Einjährigen. Aufgrund schwerer Hirnschädigungen, mutmaßlich verursacht durch ein Schütteltrauma, ist es zu 70 Prozent schwerbeschädigt. „Stefan hat dem Kind alle Chancen genommen“, sagt die 26-jährige Mutter unter Tränen.

Am ersten Prozesstag räumt der Angeklagte zwei der ihm vorgeworfenen Übergriffe ein. Er habe sich erst in Konfrontation mit Videoaufnahmen an diese Vorfälle erinnern können, sagt er. Seine „Blackouts“ erklärt der Vater mit dem Dauerstress durch seine finanziellen Sorgen und der Angst vorm Auffliegen seiner Lügen, mit der er seiner Freundin eine heile Welt vorgaukeln wollte.

Die Mutter hat lange nicht an die Misshandlungen durch ihren Partner geglaubt. „Stefan ist nie laut geworden, hatte nie die Beherrschung verloren“, berichtet die 26-Jährige, die derzeit in der Examensphase ihres Lehramtsstudiums ist, über ihren ehemaligen Lebenspartner. Noch im November 2014, als Ärzte im Uni-Klinikum Greifswald um Oskars Leben ringen, habe sie an eine unerkannte Stoffwechselkrankheit, Meningitis oder Gerinnungsstörung geglaubt.

Der Vater hatte damals den Notarzt gerufen, als er mit Oskar allein gewesen war. Die Ärzte fanden den dreieinhalb Monate alten Säugling mit schweren Atemstörungen. Er war in akuter Lebensgefahr, wie die Oberärztin Mechthild Wegener vor Gericht berichtete. Später diagnostizieren sie ein „Shaken Baby Syndrom“.   Die Ärzten im Uni-Klinikum konfrontieren beide Eltern mit dem Verdacht einer Misshandlung. Die Mutter wiederum hält den Medizinern Unfähigkeit vor, Oskars Krankheit zu erkennen: „Ich habe gedacht, Misshandlungen gibt es nur in Assi-Familien, aber nicht bei uns.“ Die Staatsanwaltschaft stellte damals die Ermittlungen ein, ein Tatverdacht war nicht nachweisbar.

Dennoch wuchs in der 26-Jährigen das Misstrauen gegen ihren Lebensgefährten. Langsam erfuhr sie, dass er sich über die Jahre ein Lügenkonstrukt geschaffen hatte. So gaukelte er ihr unter anderem vor, sein Studium schreite voran. Warum er log? „Ich denke, dass es mangelndes Selbstwertgefühl war“, sagt der Angeklagte. „Ich wollte mich interessanter machen.“ Seine Ex-Partnerin wirft ihm heute vor, sich ein subtiles Lügengebäude geschaffen zu haben, auch um den Misshandlungsverdacht von sich zu lenken.

Auf Druck der Mutter installieren die Eltern im März 2015 - nach der Rückkehr des Kindes aus der Rehabilitation - drei Kameras in der gemeinsamen Wohnung. Das schwindende Vertrauen von Oskars Mutter in ihren Partner treibt das Paar im Sommer 2015 auseinander. Anfang August lässt Oskars Mutter das Türschloss auswechseln. Die Videoaufzeichnungen kann sie sich lange nicht ansehen. Im Mai 2016 entdeckt sie die ersten belastenden Aufnahmen und zeigt ihren Ex-Partner an. Seit August 2016 sitzt er in Untersuchungshaft.

IT-Sachverständige finden später von den 250 000 gespeicherten Dateien 27, die mutmaßliche Gewalteinwirkungen dokumentieren.

Der Prozess soll am Donnerstag mit dem Verlesen der rechtsmedizinischen und psychologischen Gutachten fortgesetzt werden. Ob das Verfahren wie geplant am Donnerstag zu Ende geht, ist offen. Das Gericht hat für den 22. Februar vorsorglich einen dritten Prozesstag terminiert.

 

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