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Bilanz nach Hochwasser an der Ostsee : Video: Millionen-Schäden durch Sturmflut

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Die schwerste Ostsee-Sturmflut seit 2006 verursachte vor allem auf Usedom und Rügen große Schäden an den Küsten. Die Städte kamen glimpflicher davon. Touristische Wahrzeichen blieben unversehrt.

svz.de von
erstellt am 05.Jan.2017 | 21:00 Uhr

Die stärkste Ostsee-Sturmflut seit zehn Jahren hat an den Küsten Mecklenburg-Vorpommerns Schäden in Millionenhöhe angerichtet. Die Schutzanlagen hielten aber den Naturgewalten  stand, Menschen kamen nicht zu Schaden. Touristische Wahrzeichen, wie Rügens berühmte Kreidefelsen, blieben unversehrt.

Lübeck:

Hochwasser der Trave steht in Lübecks Innenstadt. 

Foto:Carsten Rehder

Das Wasser in Lübeck steigt schneller und höher als erwartet : Die Trave rauscht mit ungewöhnlich viel Wasser am berühmten Holstentor vorbei. Der Fluss überspült die Uferstraßen. In einige Häuser dringt Wasser ein, obwohl die Türen abgeschottet sind. Parkbänke saufen ab. Gestern Morgen tauchen sie langsam wieder auf. Diamant Thaçi hat alles aus einer Wohnung an der Obertrave mit Fotos dokumentiert. „Am Abend hatten wir schon ein bisschen Angst, als das Wasser kam“, sagt Thaçi. „Das war kein gutes Gefühl, denn die Wassermassen waren gewaltig.“ Sein Garten sei jetzt ein Schwimmbad.

„Zum zweiten Mal in 35 Jahren war es so extrem“, erzählt in Lübeck Klaus Siebert, der an der Obertrave einen Friseursalon hat. Kniehoch war das Wasser ans Haus geschwappt, am feuchten Backstein sieht man es. Schäden gibt es nicht.

Wismar:

Feuerwehrleute helfen  in Wismar  einem steckengebliebenem Autofahrer.

Foto:Jens Büttner

In Wismar wurden mit einem Pegelstand von 1,83 Meter über Normal die höchsten Wasserstände während der Sturmflut gemessen. Dennoch gab es nach Einschätzung von Hafenkapitän Harald Forst nur geringe Schäden.

Zahlreiche Straßen in Hafennähe standen unter Wasser, an manchen Stellen bis zu einem halben Meter. Im Hafenbereich der Altstadt liefen einige Keller voll, wie Stadtsprecher Marco Trunk sagte. Der Pegelstand habe einer schweren Sturmflut entsprochen.

Die Insel Poel vor Wismar kam  bei der Sturmflut glimpflich davon.  Das Wasser stieg am Mittwochabend schnell bis 1,70 Meter über Normal, wie Bürgermeisterin Gabriele Richter gestern  sagte. Nennenswerte Schäden habe es aber nicht gegeben. Auch der rund eine Kilometer lange Verbindungsdamm zum Festland sei nicht überspült worden. Allerdings sei am Strand von Schwarzer Busch und Timmendorf an der Nordwestküste viel Sand abgetragen worden.

Rostock/Warnemünde:

Eine vollgelaufene Einfahrt.

In Rostock gab es  nach  ersten Einschätzungen der Behörden keine größeren Schäden  zu verzeichnen. Ein Keller-Restaurant in Warnemünde, das direkt am Strom liegt, sei aber voll Wasser gelaufen, sagte ein Stadtsprecher.  In einem Restaurant in der Altstadt sei Wasser in den Keller eingedrungen.

„Wir waren gut vorbereitet“, sagt Brandamtmann Stefan Kieckhöfer. Feuerwehr, Wasserwehr und THW pumpten Wasser aus Gebäuden, legten Sandsäcke – 3000 waren vorbereitet – , stellten Straßensperren.  Die neuen Häuser im Petriviertel blieben verschont, anders die Altbauten. Sie waren mit am stärksten betroffen, bestätigt das Brandschutz- und Rettungsamt. Die Landstraße 22 stand wie der Hafen unter Wasser und  musste kurzzeitig gesperrt werden. Der Sturm hatte  zudem viel Strandgut angeschwemmt.

 

Besonders getroffen wurden die Inseln Usedom und Rügen mit Abbrüchen an Steilküsten und Dünen. Die Seebrücke in Ahlbeck auf Usedom, bekannt aus dem Loriot-Film „Pappa ante portas“, wurde leicht beschädigt. Schwerer traf es die Seebrücke von Koserow auf derselben Insel. 

Fischland, Darß, Zingst:

Ein schwer beschädigter Rettungsturm am Strand von Wustrow.

Foto:Bernd Wüstneck

Der Ferienort Graal-Müritz auf dem Darß meldete keine nennenswerten Schäden. Die Dünen hätten ihre Schutzfunktion erfüllt, sagte Bürgermeister Frank Giese. Es habe allerdings Abtragungen mit Abbruchkanten bis vier Meter Höhe gegeben. Mehrere Strandaufgänge müssten neu angelegt werden. An der Seebrücke seien einige Planken weggerissen worden.

Die Düne in Graal-Müritz hat Schaden genommen.

Stralsund:

Stühle eines Imbiss in Stralsund stehen  im  Wasser.

Foto:Stefan Sauer

Die Hansestadt  Stralsund registrierte  nur wenige Überschwemmungen. „Das Unesco-Welterbe ist nicht in Mitleidenschaft gezogen worden“, sagte ein Stadtsprecher. Es sei ein Glücksfall, dass Rügen vorgelagert wie ein Puffer gewirkt habe. Auch die Hochwasserschutzanlagen hätten sich ausgezahlt.

Rügen:

In Binz liegen Baumstämme, Treibgut und Unrat am Strand.

Foto:Karsten Schneider

Die Sturmflut hat  vor allem die Ostseeinseln Usedom und Rügen  in Mitleidenschaft gezogen. „Das ist kein Kindergeburtstag. Das ist schlimmer als erwartet“, sagte der Sprecher des Kreises Vorpommern-Greifswald, Achim Froitzheim, kurz bevor das Hochwasser seinen Höhepunkt erreicht hatte.

Am Strand von Binz und Prora brach die  Düne streckenweise in einer Tiefe von drei bis acht Metern ab.  Strandaufgänge sind im größeren Umfang zerstört, wie der Binzer Bürgermeister Karsten Schneider schildert. Er  geht allein in seinem Abschnitt von einem Schaden von etwa einer halben Million Euro aus. Er appellierte an das Land, den betroffenen Kommunen zu helfen. „Die Schäden sind extrem.“

Die berühmten Kreidefelsen haben dagegen die Sturmflut unversehrt überstanden. „Wir haben alles kontrolliert, es gibt keine Abbrüche“, sagte Ingolf Stodian vom Nationalparkamt.

Usedom:

An den Imbiss am Zempiner Steilhang erinnert jetzt nur noch eine Ruine  mit Küchenzeile und Herd.

Foto:Stefan Sauer

Der Imbiss von Petra Hofmann sieht aus, als habe ein wütender Riese damit gespielt. Eine Wand ist weggerissen, das Haus am Steilhang von Usedom steht teilweise in der Luft. „Ich weiß nicht, wie es weitergehen soll“, sagt sie fassungslos  nach der heftigen Sturmflut, die ihr Leben veränderte. „Meine Existenz ist weg.“ Seither ist die Gaststätte im Ferienort Zempin eine Ruine. Die Terrasse und das halbe Gebäude sind Beute der Naturgewalt geworden, die Küchenzeile und ein Herd stehen am Abgrund.

Die Sturmflut verursachte auf Usedom vor allem zwischen Zempin und Koserow größere Steilküstenabbrüche und Dünenabtragungen. „Wir haben vier bis fünf Meter Düne verloren“, sagte der Koserower Bürgermeister René König bei NDR 1 Radio MV. Auch an der Seebrücke in Koserow habe es enorme Schäden gegeben.

Auch die aus dem Loriot-Kinofilm „Pappa ante Portas“ bekannte älteste Seebrücke Deutschlands im Seebad Ahlbeck  nahm Schaden, sagte Bürgermeister Lars Petersen. Dennoch seien die Kaiserbäder im Vergleich zu Zempin glimpflich davon gekommen.

 

Umweltminister Till Backhaus (SPD) kündigte heute finanzielle Unterstützung für Betroffene an. Das Ausmaß der Schäden lasse sich allerdings noch nicht beziffern, sagte er  auf Usedom.  Es habe sich um eine mittelschwere Sturmflut gehandelt, wie sie statistisch alle 20 Jahre eintritt.

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