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Erster Laden in MV : Video: Konserven sollen Fischer retten

vom
Aus der Onlineredaktion

Auf Hiddensee kämpft eine Branche ums Überleben. Mathias Schilling entwickelt neue Vermarktungsstrategien für den großen Fang

von
erstellt am 25.Aug.2017 | 12:00 Uhr

Ein Sturm zieht auf. Sven Türke blickt zum Himmel. „Der Regen kommt ganz bestimmt.“ Er trägt einen Blaumann und wetterfestes Schuhwerk. Schwüle liegt in der Luft. Türke wischt sich die Schweißperlen von der Stirn. Er sei ein wenig nervös, gibt er zu. „Weil der Tag so wichtig ist.“ In Vitte auf der Insel Hiddensee wird der erste Konservenladen Mecklenburg-Vorpommerns eröffnet. Sven Türke gehört zu den Kutter- und Küstenfischern, deren Gesichter die Kampagne schmücken. Er gehört auch zu den rund 20 verbliebenen Fischern, die täglich in Vitte an- und ablegen. Dort, im Hafenbecken, liegen die Boote mit den Namen „Sturmvogel“, „Marmorata“ oder „Pfadfinder“. Am Himmel kreisen die Möwen, nach Futter lechzend. Sie hoffen fündig zu werden, auf den Kuttern, die geduldig auf ihre nächste Abfahrt warten.

Auf der Insel Hiddensee hat der Fischfang Tradition. Ein Großteil der ansässigen Fischer übt das Handwerk bereits in zweiter, dritter oder gar vierter Generation aus. So auch Sven Türke. Seit 42 Jahren ist seine Familie in der Fischerei tätig, er selbst hat den Beruf 1992 ergriffen. Inzwischen kämpfe er ums Überleben: „Anfang der 1990er-Jahre konnten wir noch so viel Fisch fangen, wie wir wollten. Mit der Quotenregelung hat sich das geändert“, erklärt er. Hinzu kämen Fanggebietsbegrenzungen, Seetageregelungen und natürliche Fischräuber wie Kormorane und Robben. „Viele Fischer leben nur noch vom Betriebskapital.“ Allein die Fangquote für den Dorsch war in diesem Jahr um 56 Prozent gekürzt worden, damit sich die Bestände erholen können. „Als Hauptberufsfischer haben wir nicht festgestellt, dass die Dorschbestände geschrumpft sind. Wir müssen jetzt in den sauren Apfel beißen, die Kürzung hinnehmen und hoffen, dass wir 2019 wieder mehr Quoten zugeteilt bekommen“, resümiert Türke. „Das Problem ist, dass das Gros der Fischer bis dahin aufgegeben haben wird“, prophezeit er.

 

Sven Türke bemängelt, dass das Quotenwirrwarr dazu führe, dass die Fischereibetriebe keine Planungssicherheit hätten: „Wir können keine Investitionen tätigen.“ Dabei müssten zum Beispiel neue Kutter angeschafft werden. Türkes „Angela“ sei von 1999 und gehöre damit schon zu den neuen Booten. „Die Flotte ist viel zu alt.“ Zudem gebe es keinen Nachwuchs mehr: „Wenn es schlecht läuft, sind wir nächstes Jahr nur noch acht Fischer.“

Um das zu verhindern, wurde die Marke „Hiddenseer Kutterfisch“ gegründet. Mathias Schilling ist der Kopf hinter der Idee. Gemeinsam mit den Fischern vor Ort hat der Landwirt und Gastronom neue Vermarktungsstrategien und Vertriebswege für den Hering entwickelt. Unterstützung erhielt er bereits vom Bund. Von 2015 bis 2019 fördert dieser im Kontext des „Landaufschwung“-Programms die Umsetzung von Projekten in der Region Vorpommern-Greifswald zur Stärkung der regionalen Wertschöpfung mit insgesamt 1,5 Millionen Euro. Mecklenburg-Vorpommern beteiligt sich dabei finanziell jährlich mit 50 000 Euro. Schillings Konzept wurde mit insgesamt 30 000 Euro bedacht. „Wir haben schon vor zehn Jahren angefangen, mit den Hiddenseer Kutterfischern Fisch zu verkaufen. Damals in Berlin bei Bio-Lüske“, erzählt Mathias Schilling. „Dann haben wir selber eine Gastronomie aufgemacht und ebenfalls nur regionalen Fisch verkauft.“ Ein ausgeklügeltes Vermarktungskonzept hätte es zu diesem Zeitpunkt allerdings noch nicht gegeben. „Wir sahen aber, dass es unseren Partnern immer schlechter ging und dachten uns, wenn wir nicht anfangen, etwas zu tun, wird es keine regionalen Partner mehr geben.“ In Schaprode betreiben Mathias Schilling und seine Frau Nicole einen Gasthof. Darüber hinaus bewirtschaftet das Paar die Insel Öhe. Im vergangenen Jahr gründeten sie die Marke „Hiddenseer Kutterfisch“. Anschließend arbeiteten sie an der Produktentwicklung. Am 18. August feierte der Konservenladen in Vitte seine Eröffnung. Ab September will Schilling die Fischkonserven auch online vertreiben. Damit die Fischer in seiner Heimat bald nicht mehr um ihre Existenz fürchten müssen.

Für Sven Türke gab es nie eine andere Option, als Fischer zu werden. Er sei in den Beruf hineingewachsen. „Fischerei wird seit tausenden von Jahren betrieben.“ Seit der Wende seien die Bedingungen für die Küstenfischer allerdings tendenziell schwieriger geworden, bestätigt Eva Klaußner-Ziebarth, Sprecherin des Landwirtschaftsministeriums Mecklenburg-Vorpommern. Als „brenzlig“ stuft sie die Situation dennoch nicht ein. Bund und Länder seien bereit, Hilfe zu leisten, sofern die EU in Brüssel entscheidet, wie sich die Fangquoten in den nächsten Jahren weiter ändern. „Konkret ist in der Diskussion, dass die Kommission die Dorschquote zwar leicht erhöht, dafür aber die Heringsquote senken wird. Wie entschieden wird, wird sich frühestens im Oktober entscheiden. Bund und Länder rechnen aber mit einer Absenkung der Heringsquote und denken daher darüber nach, finanzielle Hilfen zu gewähren.“ Die Landesregierung biete im laufenden EU-Förderprogramm den Fischern die Möglichkeit der Förderung von Maßnahmen zur Diversifizierung ihres Einkommens. Dazu gehöre zum Beispiel die Möglichkeit der Förderung von Investitionen in die Verarbeitung, Vermarktung und des Direktverkaufs von selbst gefangenen und zugekauften Fischen. Um die Wichtigkeit der Küstenfischerei wisse das Ministerium: „Sie ist der älteste Wirtschaftszweig des Landes, wichtiger Bestandteil der Tourismuswirtschaft und Teil der nordischen Identität“, sagt Klaußner-Ziebarth. Insofern würde ein Schrumpfen des Berufszweiges auch dem Image des Landes schaden. Um den Herausforderungen in der Kutter- und Küstenfischerei begegnen zu können, müssten auf EU-Ebene, aber auch von den Fischern selbst, effektive und nachhaltige Strategien erarbeitet werden.

Die Konzeption der Marke „Hiddenseer Kutterfisch“ zeigt: die Initiative der Fischer ist vorhanden. Perspektivisch will Mathias Schilling die Produktion der Fischkonserven erweitern. „Ziel ist, ein Drittel oder die Hälfte der Fische der Hiddenseer Kutterfischer vermarkten zu können.“ In Produktionsmengen ausgedrückt, seien  dies    etwa 200 000 Dosen pro Jahr. Sven Türke würde es freuen. Dann hätte er endlich Planungssicherheit und könnte seiner „Angela“ einen neuen Anstrich verpassen.



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