SVZ-Serie „Nachtschicht“ : Video: Die Herrin der Pakete

Roswitha Heller arbeitet seit 21 Jahren bei der Deutschen Post. In der Nachtschicht ist sie neben den Mitarbeitern  für 31 250 Pakete zuständig.
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Roswitha Heller arbeitet seit 21 Jahren bei der Deutschen Post. In der Nachtschicht ist sie neben den Mitarbeitern für 31 250 Pakete zuständig.

Nachtschicht im einzigen Paket-Verteilungszentrum Mecklenburg-Vorpommerns: Roswitha Heller ist mit ihren Kollegen für 31 250 Pakete zuständig

svz.de von
12. April 2017, 12:00 Uhr

Das verlorene Paket von Neustrelitz, einsam und verlassen liegt es auf dem kargen Betonboden, mitten im Gang neben beladenen Containern und röhrenden Maschinen. Als wollte es aus der Reihe tanzen. Das eine von 31 250 Paketen, das am nächsten Nachmittag vielleicht noch nicht auf seinen neuen Besitzer trifft. Eingerissen ist es, beschriftet mit dem Namen eines großen Online-Versandhändlers. Roswitha Heller stutzt kurz, als sie das Paket sieht. Dann lädt sie es auf den Rücksitz ihres kleinen roten Schleppers und fährt davon.

Ein paar Stunden zuvor begrüßt Roswitha Heller ihre Mitarbeiter. Es ist kurz nach Mitternacht. Ein Händedruck, dazu ein kräftiges Moin, das sie bald schreien muss, sonst wäre sie beim steten Rauschen der Maschinen nur schwer zu verstehen. Heller, 62 Jahre alt, ist Schichtleiterin im Paket-Verteilungszentrum der Deutschen Post in Neustrelitz, eines von insgesamt 34 Zentren in Deutschland, das einzige in Mecklenburg-Vorpommern. Pro Tag laufen in Neustrelitz 100 000 Pakete über das 2,2 Kilometer lange Fließband, angekommen aus der ganzen Welt, um danach in MV verteilt zu werden. Seit 21 Jahren arbeitet Heller hier, mittlerweile in Altersteilzeit. Und fast nur noch in der Nachtschicht, von 0 bis 7.30 Uhr. Ein Knochenjob, auch noch nachts, über den sie mit einem Lächeln sagt: „Man weiß halt morgens, was man getan hat.“

 

Bei der Einweisung erklärt Heller nicht viel. Nur das Nötigste. Ein paar Gesten auf einem Blatt Papier, ein knappes Okay: Jeder weiß, was er zu tun hat. Dann trotten die Mitarbeiter los zu ihren Arbeitsplätzen, den Containern zum Be- und Entladen der Pakete. Heller hingegen setzt sich auf ihren kleinen roten Schlepper. Ohne ihn wäre sie aufgeschmissen. Das Frachtzentrum wirkt wie ein Flughafenterminal: eine Größe von 20 860 Quadratmetern, das sind drei Fußballfelder. Ständig muss sie hin- und herfahren, sie wisse gar nicht, wie viele Kilometer sie pro Nachtschicht auf ihrem Gabelstapler zurücklegt: zehn, vielleicht 20 Kilometer?

Ihr erster Weg führt sie zu den Containern, der körperlich schwerste Teil der Arbeit. Sie sind verplombt, Heller muss sie öffnen und vorsortieren. Die sperrigsten Sendungen sind immer am Ende der Container: Fernseher von über 60 Zoll und knapp 30 Kilogramm schwer, Autoreifen und jetzt, mit dem Start des Frühlings, bestellen die Leute viel für ihre Gärten. „Meist Möbel“, sagt sie. Heller sortiert das Sperrgut ohne Probleme. Sie kommt nicht einmal außer Atem. Dabei traut man ihr das gar nicht zu: spitzes Gesicht, die Jeans schlackert und die hochgekrempelten Ärmel geben den Blick frei auf zierliche Unterarme.

Die Fernseher, die Reifen, die Möbel: Erst einmal von ihr sortiert, fährt sie Heller quer durch die Halle, zu den Containern, mit denen das Sperrgut in ein paar Stunden in Richtung Zielort gebracht wird. Um die restlichen Pakete kümmern sich ihre Kollegen. Per Hand legen sie die Pakete auf das Band. Mal eine private Sendung, das meiste von Amazon oder Zalando; immer so, dass der Aufkleber mit den Empfängerdaten nach oben zeigt. Die Scanner lesen die Pakete ein, dann bringt sie das Laufband in acht bis zehn Minuten zum richtigen Abfahrtsort. Pro Stunde schaffen die Sortierer rund 900 Pakete, im ganzen Verteilzentrum sind es 4200 alle 60 Minuten. Verspürt sie noch Vorfreude, wenn sie etwas bestellt und zu Hause darauf wartet? „Nach einer Nachtschicht“, sagt Heller, „muss ich nicht unbedingt Pakete sehen.“

Den ersten Kaffee gönnt sich Heller gegen drei Uhr. Der Lebensrhythmus der Nachtarbeit stört sie nicht. Nach der Arbeit, gegen acht oder halb neun Uhr morgens, geht sie ins Bett und schläft bis halb vier. Ihr Kind ist groß, ihr Mann kennt es nicht anders. Und durch die tausenden Pakete sei immer etwas zu tun, sagt sie. Die viele Arbeit kaschiert die Müdigkeit. Heller kommt ins Plaudern. Vor ein paar Jahren prallte ein schweres Paket auf eine Urne. Und dann lag sie da, die Asche des Verstorbenen, quer über den Boden verteilt. Zweimal war sie dabei, als Mitarbeiter weißes Pulver an Paketen entdeckten. Verdacht auf Milzbrand. Polizei, Feuerwehr, das volle Programm. Es war Backpulver.

Nach dem Kaffee sitzt sie wieder auf ihrem kleinen roten Schlepper. Heller fährt zu den einzelnen Containern, manchmal noch mit einer vereinzelten Ladung, manchmal nur zur bloßen Kontrolle. Und ab vier Uhr meist die Abnahmen. „Gate 513“ funkt sie an ihre Kollegin der Disposition. Nach einem kurzen Rauschen kommt das Okay. Der Container ist fertig zur Abfahrt.

Zwischen zwei Abnahmen findet Roswitha Heller das verlorene Paket von Neustrelitz. Den Ausreißer. Der einsam und verlassen auf dem kargen Betonboden liegt. Der aus der Reihe tanzt. Das eine Paket von 31 250, über die Heller jede Nacht herrscht. Irgendwie muss es zwischen die Sperrgüter gefallen sein. Heller bringt es zum richtigen Container. Ein bisschen Klebeband drum und schon kann es weg. Der Inhalt: ein russisches Wörterbuch von Pons.

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