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Prozess um falsche Verdächtigung : Verwarnung für Schülerin

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Er ahnte schon, dass diese Unterrichtsstunde schwierig werden würde. Wie alle Unterrichtsstunden, wenn Anna in der Klasse saß. Doch diesmal sollte der Streit zwischen dem Mathematiklehrer und der Schülerin eskalieren.

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erstellt am 19.Aug.2013 | 07:43 Uhr

Schwerin | Er ahnte schon, dass diese Unterrichtsstunde schwierig werden würde. Weil alle Unterrichtsstunden schwierig waren, wenn Anna* in der Klasse saß. Doch diesmal sollte der Streit zwischen ihm - dem erfahrenen Mathematiklehrer und ihr - der 20-jährigen Schülerin -eskalieren. Er sah in ihr den Störenfried, der jeden vernünftigen Unterricht unmöglich machte. Der war an dieser Berufsschul-Klasse ohnehin schwer genug. Die Schüler kommen nicht selten aus schwierigen familiären Verhältnissen, haben in aller Regel keinen Schulabschluss und nicht immer Lust zum Lernen.

Gestern - anderthalb Jahre später - trafen Anna und der Lehrer wieder aufeinander. Im Schweriner Amtsgericht, Anna auf der Anklagebank, der Lehrer im Zeugenstand. Beide erzählen, mit unterschiedlichen Details, in etwa die gleiche Vorgeschichte. "Es gab öfter Streit mit ihm", sagt sie. "Es gab immer Stress, wenn sie da war", sagt er. Ein "Konfrontationsgespräch", bei dem auch die Klassenlehrerin anwesend war, hatte nichts gebracht. Schließlich wurde der Sitzplan geändert, um Ruhe zu schaffen. Doch Anna war an diesem Vormittag partout nicht bereit, den neu zugewiesenen Platz einzunehmen. Ein Wort gab das andere, schließlich schickte er sie hinaus. Was sie mit Worten kommentierte, von denen "Wichser" offenbar das harmloseste war. Aber sie ging, das Handy und ihre Tasche in der einen Hand, in der anderen die offene Dose mit dem Energydrink. "Die Dose ließ sie genau neben mir am Lehrertisch auf den Boden fallen", sagt der Lehrer. Er habe nun verlangt, dass sie die Dose wieder aufhebt, bevor sie geht. Doch sie entwischte in den engen Vorraum, der aus dem Klassenzimmer in den Flur führt. Er hinterher. Für das, was sich im Vorraum abspielte, gibt es keine Augenzeugen. Die beiden Akteure erzählen unterschiedliche Versionen. Anna: "Er hat mich mit den Händen an beiden Oberarmen gepackt und gegen den Schrank gedrückt". Der Lehrer: "Ich habe mit einer Hand die Tür in den Flur zugezogen und mit der anderen Hand versucht, sie von mir weg Richtung Klassenzimmer zu schieben." Mitschüler kamen hinzu, eine gute Seele erbarmte sich und warf die Dose des Anstoßes in den Papierkorb. Anna entschwand und zeigte ihren Lehrer umgehend an - wegen Körperverletzung und Sachbeschädigung auch, weil ihre Kette bei der Aktion zerrissen sein soll. Monate später stellt die Staatsanwaltschaft das Verfahren gegen den Lehrer ein, "mangels hinreichenden Tatverdachts". Ein anderer Verfahrensausgang hätte ihn den Job kosten können. Gestern berichtete er von der großen psychischen Belastung, der er über Monate ausgesetzt war.

Nun findet sich also Anna vor Gericht wieder - wegen falscher Verdächtigung. Doch sie bleibt dabei: Ihre Version ist wahr. An der Berufsschule ist sie nicht mehr. Vielleicht gehörte sie da auch gar nicht hin. Im Gegensatz zu ihren Mitschülern, mit denen sie ein berufsvorbereitendes Jahr absolvieren sollte, hatte sie bereits einen Realschulabschluss in der Tasche. Obwohl sie noch als Minderjährige ein Kind zur Welt brachte, um das sie sich auch kümmert. Zurzeit ist sie arbeitslos, schreibt Bewerbungen für einen Ausbildungsplatz, wie sie dem Gericht erzählt. Sie ist nicht vorbestraft.

"Es ist offen geblieben, welche Version stimmt", sagt der Staatsanwalt. Deshalb verlangt er - wie auch der Verteidiger - Freispruch. Doch der Richter sieht das anders. "Ein Lehrer muss sich nicht alles gefallen lassen", sagt er, spricht Anna eine Verwarnung aus und verurteilt sie zu 60 Stunden gemeinnütziger Arbeit.

*Name geändert

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