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Mecklenburg-Vorpommern

21. September 2017 | 18:04 Uhr

Vertreterbesuche? Nein danke!

vom

svz.de von
erstellt am 25.Jun.2013 | 10:19 Uhr

Wismar | Es fängt an mit Kugelschreibern, Klebezetteln und Schreibtischunterlagen, geht weiter mit Gratis-Medikamentenpackungen und endet bei Einladungen zu Fortbildungsveranstaltungen in Nobelhotels: Bestechung im Gesundheitswesen hat viele Gesichter. Und sie ist in deutschen Kliniken und Praxen gang und gäbe - auch wenn viele Mediziner das von sich weisen. Eine kleine Gruppe von Ärzten distanziert sich ganz ausdrücklich davon. "Mein Essen zahl ich selbst" - kurz MEZIS - nennt sich die bundesweite Initiative. In ihrem Vorstand arbeitet auch die Wismarer Ärztin Manja Dannenberg mit. Die 37-Jährige steht kurz vor dem Abschluss ihrer Facharzt-Weiterbildung zur Allgemeinmedizinerin. Karin Koslik sprach mit ihr.

Frau Dannenberg, wann sind Sie zuletzt zum Essen eingeladen worden?

Dannenberg: Oh, das ist, glaube ich, wenigstens sechs Jahre her. Auf jeden Fall war es noch während meiner klinischen Ausbildungszeit in Berlin. Seit ich im ambulanten Bereich arbeite, bin ich ja bei MEZIS…

Und privat hat Sie seitdem niemand zum Essen eingeladen?

Ach, so meinen Sie das. Das ist natürlich nicht so lange her, mein Kollege aus der Praxis in Neubukow, in der ich einen Teil meiner Weiterbildung absolviert habe und in die ich nächstes Jahr als Partnerin einsteige, hat mich erst vor kurzem eingeladen.

Und wer hat bezahlt?

Ich lasse mich ganz gerne mal einladen - aber nicht von jedem.

Warum nicht von jedem?

Entscheidend ist doch, weshalb jemand einlädt. Unter Freunden, auch unter befreundeten Kollegen, ist das gar kein Problem. Aber wird man von einem Vertreter eingeladen, dann sollte man schon fragen: Warum tut derjenige das? Bei solchen Einladungen wird meistens eine Gegenleistung erwartet.

Sie engagieren sich seit drei Jahren bei MEZIS. Wie sind Sie dazu gekommen?

Ich hatte verschiedentlich darüber gelesen, im "Ärzteblatt", in kritischen Publikationen im Internet… Als ich mich näher mit den Zielen von MEZIS beschäftigt habe, bin ich aufgewacht und dachte: Da musst du mitmachen.

Was meinen Sie damit: Sie seien aufgewacht?

Ich hatte lange kein Bewusstsein dafür, dass in meinem Beruf Beeinflussung stattfinden könnte und welche Möglichkeiten der Einflussnahme es überhaupt gibt. Man ist im Medizinstudium auch überhaupt nicht auf so etwas vorbereitet worden. In der Klinik registriert man dann, dass Vertreter kommen und gehen, dass sie Kulis und Klebezettel verteilen, Informationsmaterial, auch Medikamentenpackungen…

Aber doch bei den Stationsärzten, nicht bei den Assistenten, die sich noch in der Facharzt-Weiterbildung befinden…

Nein, nein. Vertreter sprechen sogar schon Studenten auf den Stationen an. Und Assistenzärzte erst recht. Denn ganz am Anfang des Berufsweges ist man besonders dankbar für jede "Hilfe". Da ist man froh, wenn man sich überhaupt die Namen aller Arzneimittel merken kann. Also gibt es von Pharmafirmen kleine Broschüren im Taschenformat. Und man wird auch gleich mit den neuesten Innovationen vertraut gemacht. Dabei fühlt man sich sogar gut, denn man glaubt ja, auf dem neuesten Stand zu sein - und so das Beste für seine Patienten zu tun. Dass man manipuliert wird, nimmt man gar nicht ernst. Ähnlich ist es bei Fortbildungen, wo zum Beispiel der Referent von der Pharmaindustrie bezahlt wird oder wo ein Unternehmen die Folien zu seinem Vortrag sponsert.

Das sind die offensichtlichen Dinge, aber der Versuch der Einflussnahme geht noch viel tiefer: Auch medizinische Fachzeitschriften werden teilweise von der Pharmaindustrie finanziert, die Informationen darin sind also oft nicht neutral. Selbst auf Studien und Leitlinien wird Einfluss genommen.

Kann sich ein Arzt denn überhaupt unabhängig informieren und weiterbilden?

Ja, aber das hat auch seinen Preis. Es gibt beispielsweise einige wenige unabhängige Fachzeitschriften, die sich nicht aus Anzeigenerlösen, sondern über den Abonnementpreis finanzieren. Da liest man meistens, dass gerade die von der Industrie beworbenen neuen - und teuren - Medikamente keine Vorteile bieten oder dass Studienergebnisse unsicher und langfristige Nebenwirkungen noch unbekannt sind. Wir von MEZIS versuchen, unsere Kollegen dafür zu sensibilisieren. Denn Medizin ist eben nicht nur ein hoch-ethischer Bereich, sondern auch ein sehr profitabler Wirtschaftszweig.

Wie viele Mitstreiter hat MEZIS ?

In ganz Deutschland sind es momentan 436, hier in Mecklenburg-Vorpommern gerade einmal acht.

Von rund 300 000 Ärzten in Deutschland…

Ja, da haben wir noch einiges an Überzeugungsarbeit zu leisten. Wobei es viele Mediziner gibt, die das genauso sehen wie wir, und nur nicht Mitglied sind. Aber es gibt in der Tat auch viele Ärzte, die es angenehm finden, wenn Vertreter regelmäßig in die Praxis oder auf die Station kommen. Diese Kollegen werten Vertreterbesuche als wichtige und notwendige Informationsquelle. Und wenn dann auch noch etwas für den Praxisbedarf abfällt… Es gibt nichts, was man nicht geschenkt bekommen kann: Trost-Geschenke für kleine Patienten, Geschirr, ich habe sogar Süßstoffspender gesehen, auf denen Werbung für ein Antidiabetikum gemacht wird.

War es schwierig für Sie, Praxen zu finden, die Ihre Position akzeptieren und Sie dennoch ausbilden?

Es steht in meinem Lebenslauf, dass ich bei MEZIS bin… In meiner Ausbildungspraxis in Neubukow habe ich mein Zimmer ohne Werbemittel ausgestattet. Das wurde zunächst sicher belächelt, hat aber den letzten Anstoß zu einem Umdenken gegeben. Schon bald wurde entschieden, keine Vertreter mehr zu empfangen.

Das klappt?

Es gibt natürlich immer wieder welche, die Anlauf nehmen, aber die werden gleich von den Mitarbeiterinnen am Empfang abgefangen. Sie machen ihnen klar, dass hier keine Vertreterbesuche erwünscht sind und auch keine Musterpackungen angenommen werden.

Und damit geben die Vertreter sich zufrieden?

Das ist unterschiedlich. Einige Vertreter versuchen es immer wieder. Einer bot vor kurzem eine Mitfahrgelegenheit bei der HanseSail an und drängte bei dieser Gelegenheit darauf, ein neues Allergiemedikament vorstellen zu dürfen. Als dies abgelehnt wurde, antwortete er, man solle doch auch mal an ihn denken…

Der Aufwand ist wesentlich höher, wenn Sie die Büroausstattung selbst kaufen und Fortbildungen aus der eigenen Tasche bezahlen. Tut Ihnen das nicht leid?

Es stimmt, dass das mehr kostet - aber es lohnt sich auch. Man ist sehr viel kritischer. Und man verordnet wirtschaftlicher - das wird immer von den niedergelassenen MEZIS-Kollegen bestätigt.

Wie meinen Sie das?

Wir verschreiben sehr zurückhaltend neue Medikamente, die meistens keinen therapeutischen Fortschritt bedeuten, aber deutlich teurer sind als bewährte Präparate. Auch wird man kritischer in der Frage, ob überhaupt ein Medikament verordnet werden muss. Die Pharmaindustrie sensibilisiert gezielt für Gesundheitsprobleme und schürt gern Ängste, zum Beispiel vor Osteoporose oder vor Erkrankungen, die durch Zecken übertragen werden. Aber sind das alles wirklich gefährliche Krankheiten? Oder kann man nicht zum Beispiel allein durch eine Veränderung der Lebensweise etwas erreichen?

Auch bei den Patienten werben Arzneimittelhersteller für ihre Produkte. Wie reagieren Sie, wenn jemand in die Praxis kommt und ganz zielgerichtet ein bestimmtes Medikament verlangt?

Da kommt es darauf an, wie gut das Verhältnis zum Patienten ist. Kenne ich ihn und er mich, akzeptiert er mein Nein wahrscheinlich. Wenn ich es nicht vertreten kann, dieses Medikament zu verschreiben, weil es für den Patienten gefährlich werden könnte, tu’ ich das auch nicht. Aber ich trage auch keinen Heiligenschein: Wenn ein Präparat nicht schadet und das Seelenheil eines Patienten davon abhängt, dann bekommt er es manchmal eben doch.

Mecklenburg-Vorpommern und Hamburg haben im Bundesrat einen Gesetzesentwurf eingebracht, der Bestechung und Bestechlichkeit im Gesundheitswesen zum Straftatbestand machen soll. Was hält MEZIS davon?

Wir sind dafür, das Strafgesetzbuch entsprechend zu ändern, um endlich eine Gleichbehandlung herzustellen. Bisher machen sich ja nach einem Bundesgerichtsurteil nur angestellte Ärzte strafbar, wenn sie sich bestechen lassen. Würde man, wie das der Bundesgesundheitsminister plant, nur das Sozialgesetzbuch ändern, blieben Privatärzte straffrei. Also muss das Strafgesetzbuch geändert werden. Denn das Arzt-Patienten-Verhältnis ist ein ganz besonders schutzwürdiges Gut. Patienten müssen sich darauf verlassen können, dass der Arzt nur in ihrem Sinne und frei von wirtschaftlichen Interessen verordnet.

Verschiedene Ärztefunktionäre betonen, das Berufsrecht reiche aus, um Fehlverhalten im Gesundheitswesen zu ahnden…

Wir Ärzte täten gut daran, wenn wir das Problem sachlicher diskutieren würden, ohne uns gleich auf den Schlips getreten zu fühlen. Fakt ist: Das Berufsrecht ist in vielen Teilen sehr schwammig formuliert und erlaubt viel. Außerdem haben die Ärztekammern keine ausreichende Ermittlungskompetenz.

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