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Mecklenburg-Vorpommern

22. Oktober 2017 | 14:02 Uhr

Theater : Verstrickt ins Unglück

vom
Aus der Onlineredaktion

Steffi Kühnert inszenierte „Die Ratten“ von Gerhart Hauptmann im Schweriner E-Werk

svz.de von
erstellt am 08.Jan.2017 | 21:00 Uhr

Ein schäbiger, weiter, fast leerer Raum. Hall eines melancholischen Rocksongs. Eine Frau stellt eine Kerze vorn auf den Boden. Ein Vorzeichen. Im fahlen Licht werden die Figuren, die aus den Winkeln kommen, deutlich, reihen sich auf zwei Bänken, und abseits steht eine Frau und hält ihren schwangeren Bauch. Ein Moment der Ruhe, ehe das Spiel explodiert. Das Entree, mit dem Regisseurin Steffi Kühnert Gerhart Hauptmanns Berliner Tragikomödie „Die Ratten“ im Schweriner E-Werk eröffnet, ist düsteres Omen am gefühlt glückverlassenen Ort, mit dem Ausstatter Joachim Hamster Damm Trostlosigkeit markiert hat.

Es ist eine dunkle Fügung: Frau John, die bei einem verkrachten Theaterdirektor saubermacht, deren Mann auswärts arbeitet, hat ein Kind verloren, ihr Mann hätte gern wieder eins, deshalb handelt sie einem verführten polnischen Dienstmädchen ihr Kind ab, täuscht damit ihren Mann. Die Fremde aber will das Kind zurück, wendet sich ans Amt. Die Katastrophe ist programmiert. Das Kind verliert seine leibliche wie seine wahre Mutter.

„Ich habe für meine Stücke immer solch ein Spiel erträumt … ohne jede theatralische Vergewaltigung und Konvention, ein einfaches, tiefes, gehaltvolles Spiel.“ So seinerzeit der Dramatiker Hauptmann an den stilprägenden russischen Theatermethodiker Konstantin Stanislawski. Der Wunsch eines Autors ist gemeinhin nicht mehr unbedingt gefragt. Doch Steffi Kühnert hat ihn vermutlich im Hinterkopf. Aus dem voluminösen Fünfakter hat Dramaturgin Nina Steinhilber eine Essenz gezogen, so ist er „einfacher“, geworden. Und „gehaltvoll“, soll heißen berührend, wird er gespielt mit eruptiven Emotionen in raschem Szenenwechsel, dazwischen sanfte oder wummernde Rockmusik.

Die Schauspielerin Kühnert inszeniert keine modische Performance, sondern intensiv Dramatik, nämlich Situationen, Konflikte, Nöte, Brüche. Menschenbilder also: wütend und plötzlich still, aggressiv und plötzlich mit zärtlicher Pose. Anschaulich wird, was Hauptmann formuliert hat: leidende, getriebene, gestoßene Menschen, denen ihr Schicksal „geschieht“, die ohnmächtig sind, unentrinnbar verstrickt ins Unglück. Da weht ein Hauch von antikem Drama im Souterrain der Gesellschaft. Es bedarf keiner aufgesetzten Zeichen, dass Scheitern und Absturz vor sich gehen, die elend nah sind.

Hauptmanns Naturalismus lebt, expressionistisch aufgeladen, in unverstellter Natur der Figuren. Wie die mütterliche John das Leihkind als eigenes hegt, sich darin verrennt, verrechnet, schuldig wird, indem sie den kriminellen Bruder auf Pauline ansetzt, das vibriert bei Katrin Heinrich resolut, nervös, im Zusammenbruch. Fiebrig Stella Hinrichs als Dienstmädchen: verfolgt und gequält von Reue und Missachtung. Kantig zeigt Jochen Fahr den John als ehrliche Haut, von Ärger und Betrug leicht zur Weißglut gereizt. Für die Komik der „Tragikomödie“ steht Martin Brauers manierierter Theaterdirektor, der Pathos orgelt, trunken von Wein wie von eingebildetem Ruhm. Impulsiv Flavius Hölzemanns Spitta, wenn er den Bühnenrebellen gibt, der Hauptmann einst war. Grell der fiese Bruno von Janis Kuhnt, rotzig-trotzig das Kellerkind Selma von Christina Berger. Starker Premierenbeifall für starkes Theater der Schauspieler.


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