Versteckte Kammer im Stralsunder Rathaus

Restaurator Hans-Henning Bär misst  die Höhe einer Nische in der ehemaligen Achtmannskammer.ddp
Restaurator Hans-Henning Bär misst die Höhe einer Nische in der ehemaligen Achtmannskammer.ddp

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10. Februar 2010, 07:00 Uhr

Stralsund | "In diesem Raum haben sie sich getroffen!" Hans-Henning Bär ist sich ganz sicher. Im Südost-Quartier des Stralsunder Rathauses schreitet der Restaurator durch einen nur acht mal acht Meter großen, staubigen Raum. Hier, wo zuletzt nur noch Kohle gelagert wurde und eine Heizungsanlage tuckerte, hatten sich vor mehr als 300 Jahren die Achtmänner von Stralsund versammelt, um über finanzielle Belange ihrer Stadt und die Verwendung der Kassenreserven zu entscheiden.

"Wir haben die historische Achtmannskammer entdeckt, in der einst der legendäre Generalkasten mit Schriftstücken, Petschaften und vermutlich auch Geldern verwahrt wurde", sagt Bär. Im Herbst vergangenen Jahres hatten Bauarbeiter bei der Sanierung der Erdgeschosszone im Rathaus den Zementputz von dem mittelalterlichen Gemäuer abgeklopft. Dabei stießen sie auf ein Mauerwerk jüngeren Datums, hinter dem sich schließlich eine etwa zwei Meter breite und 75 Zentimeter tiefe Nische verbarg. Die Maße passten perfekt, sagt Andreas Grüger, Rathaus-Kenner und Direktor des Kulturhistorischen Museums Stralsund. In seinem Museum befindet sich die eisenbeschlagene Achtmannskiste, eine tonnenschwere Truhe aus acht Zentimeter dickem Eichenholz, deren Maße genau mit der entdeckten Mauereinbuchtung übereinstimmten.

"Die Achtmannskammer war eine in Norddeutschland einzigartige Einrichtung", sagt Grüger. Sie habe ihren Ursprung im beginnenden 17. Jahrhundert. Weil sich die damaligen Ratsherren seinerzeit gar zu sehr an den Einnahmen der Stadtkasse bereichert hatten und es daraufhin in der Stadt zu einem Aufruhr gekommen war, wurde 1616 ein Bürgervertrag geschlossen. Er sah die Schaffung eines Kontrollgremiums von acht Männern der Stadt vor. Aus den vier Stadtkirchenteilen St. Nikolai, St. Jacobi, St. Marien und St. Jürgens wurden jeweils ein älterer und ein jüngerer Mann als Achtmänner berufen, die sich regelmäßig im Rathaus in der Achtmannskammer trafen. Jeder von ihnen hatte einen Schlüssel, der zu jeweils einem Truhenschloss passte. So war sichergestellt, dass der Generalkasten nur dann geöffnet werden konnte, wenn wirklich alle acht komplett waren.

Gemeinsam berieten und entschieden die gewählten Aufsichtsleute über die Verwendung der Stadtgelder und übten so die Finanzkontrolle der Ratsgeschäfte aus. Historiker bewerten das Gremium heute als einen wichtigen Schritt zur demokratischen und pluralistischen Finanzverwaltung. Erst 1874 wurde die Runde aufgelöst und durch eine städtische Finanzbehörde ersetzt. Die Achtmannskiste kam ins Museum. Die jetzt wiederentdeckte Achtmannskammer, in der inzwischen auch Reste des alten Kamins und eine jahrhundertealte Wandschranknische freigelegt wurden, soll nun zu einem Café ausgebaut werden.

Bei der Sanierung des Rathausgeschosses machten die Restauratoren noch eine weitere Entdeckung. In dem Gebäudetrakt, der einst als Ladenzone genutzt wurde und in Stralsund als "Kophus" bezeichnet wurde, legten sie schwere Eichenbalken aus der Gründungszeit des späteren Rathauses frei. Die dendrochronologische Untersuchung einer Holzprobe habe ergeben, dass der Stamm im Jahre 1310 gefällt worden sei, sagt ein Sprecher der Stadtverwaltung. Nach dem im vergangenen Jahr gefeierten 775. Stadtjubiläum stehe nun fest, dass der Bau des Rathauses vor 700 Jahren begonnen habe.

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