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Hagenow : Verschollener Schuh in Tiefen des Schrankes

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Schuhe sind ihr Leben. Mehr als 40 Jahre arbeitet sie in dem kleinen Konsum-Schuhgeschäft in der Innenstadt. Inge Schütt geht in den Ruhestand, und sie werde vieles vermissen.

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erstellt am 29.Nov.2011 | 10:01 Uhr

Hagenow | Schuhe sind ihr Leben. Noch viel mehr als für manch andere Frau. Inge Schütt blickt über ihre schmale Brille hinweg, die tief auf der Nasenspitze sitzt. Die Frau mit den auftoupierten Haaren und dem roten Lippenstift lächelt verlegen, als sie auf ihren Ruf als Hagenower Schuhlegende angesprochen wird. Mehr als 40 Jahre arbeitet sie in dem kleinen Konsum-Schuhgeschäft in der Innenstadt. Heute zum letzten Mal. Die 62-Jährige aus Hagenow-Land geht in den Ruhestand, und sie werde vieles vermissen.

"Wie eine Familie" beschreibt sie die Beziehung zu ihren Kunden. "Viele kommen extra zu einem und dann erzählt man dies und jenes." Und genau diese Atmosphäre scheinen die Frauen - und Herren - zu mögen. Dabei kommt die Beratung für das Fuß-Accessoire keineswegs zu kurz. Aber auch wer nur mal stöbern möchte, könne in aller Ruhe schauen.

Damit es der Mann nicht erfährt

Ihr Gespür für die Bedürfnisse der Kunden werde aber auch den beiden Kolleginnen fehlen, sagt eine von ihnen, Roswitha Johst. Und die erzählt sofort eine kleine Anekdote: Inge Schütt wisse nämlich weit mehr, als die Schuhgrößen ihrer Stammkunden. "Wie Frauen manchmal so sind, greifen sie immer wieder zu ähnlichen Modellen." So geschehen vor etwa einem Jahr, als eine Dame mit einem Pumps liebäugelte. "Inge Schütt sagte daraufhin: Ich glaube, dieses Paar haben Sie schon vor einiger Zeit bei mir gekauft", beschreibt Kollegin Roswitha Johst. Und tatsächlich habe die Kundin das Paar später zuhause tief hinten im Schrank wieder gefunden - ordentlich eingepackt in der Original-Tüte. Damit es der Mann nicht erfährt. Kein Einzelfall, wie beide sagen.

"Frauen haben schon immer mehr gekauft als Männer", sagt Inge Schütt. Passend zu jeder Farbe ihrer Garderobe. Obwohl auch die Herren mittlerweile mal ein Paar mehr kaufen würden. Wenn Inge Schütt an die DDR-Zeit zurück denkt, so fällt ihr vor allem eines auf im Vergleich zu heute: Die Menschen kaufen nicht mehr so kurzentschlossen. "Früher haben wir den Schuh nach vorne geholt, der gerade geliefert wurde", sagt die Verkäuferin. "Da überlegten die Kunden nicht lange, sondern sagten schnell, den nehme ich." Heute sei das anders. Die große Auswahl im eigenen Geschäft, in den Läden um die Ecke und im Internet lasse die Menschen vergleichen und abwägen. Trotzdem kommen viele immer wieder gern in das kleine Geschäft in der Langen Straße. Und das über Jahre. Und auch die Kinder und Enkel der Stammkunden schauen regelmäßig vorbei. So wie gestern ein junges Mädchen mit ihrer Mutter. "Wie läuft es in der Schule?", fragt Inge Schütt. Sie plaudern etwas und zum Abschied umarmt die Verkäuferin das Mädchen. "Heute waren schon viele Kunden hier, um tschüss zu sagen", erzählt Inge Schütt etwas wehmütig. "Schade, dass Sie gehen, meinten sie." Doch die Verkäuferin aus Leidenschaft, wie ihre Töchter Manuela Schütt und Bianca Köpke sie beschreiben, hat sich nun einmal für die Rente entschieden. "Ich blicke auf ein schönes Berufsleben", sagt Inge Schütt. Sie sei immer gern hergekommen, habe Spaß an der Arbeit gehabt. Vor allem aber auch den Zusammenhalt unter den Kollegen habe sie seit jeher geschätzt. Roswitha Johst lacht und rückt nochmal die Stiefel vor dem Eingang zurecht. "Sie ist einfach so nett", entgegnet die Kollegin, die seit 1994 mit Inge Schütt zusammenarbeitet, "und zuverlässig."

Immer wieder betreten Frauen den Laden und sofort bietet eine der Mitarbeiterinnen ihre Hilfe an. "Wenn aber jemand nur schauen möchte, lassen wir ihn natürlich", sagt Inge Schütt. Wie viele Paar Schuhe sie selbst im Schrank stehen hat, möchte sie nicht genau verraten. Nur so viel: Es dürften einige Pumps, Stiefelletten und Sandaletten sein, sagt die 62-Jährige und lächelt.

Zum Klönen ins Konsum-Geschäft

Und wenn ihr ab morgen danach ist, dann schaut sie auch während des Ruhestands öfter mal in das Konsum-Geschäft - um nach neuen Accessoires für den Fuß zu schauen oder mit den Kollegen zu klönen. Bei aller Wehmut freut sie sich auf den neuen Lebensabschnitt. Ebenso wie ihr Mann, mit dem sie jetzt mehr Zeit verbringen kann. Einmal in der Woche Sport, kochen für die Enkelkinder, vielleicht ein Mal- und Kreativkurs - mit diesen Aussichten verabschiedet sich Inge Schütt heute von Kollegen und Kunden.

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