Nach Missbrauchsfällen in Schwerin : Versagte nur das Jugendamt?

So einen Teddybären erhalten Opfer in manchen Beratungsstellen. Statistiken zufolge werden jedes Jahr hunderte Kinder Opfer von Gewalt und sexuellem Missbrauch.
Foto:
So einen Teddybären erhalten Opfer in manchen Beratungsstellen. Statistiken zufolge werden jedes Jahr hunderte Kinder Opfer von Gewalt und sexuellem Missbrauch.

Vergewaltigungen im Schweriner Verein „Power vor Kids“ – viele Fragen sind offen

von
09. März 2016, 21:00 Uhr

Der am Dienstag veröffentlichte Bericht einer Untersuchnungsgruppe zu den zahlreichen Fällen von Kindesmissbrauch im Schweriner Verein „Power for Kids“ sorgte gestern in der Landeshauptstadt für Wirbel. Stadtvertreter fordern politische Konsequenzen aus dem Missbrauchsskandal.

Dagegen führt Schwerins Oberbürgermeisterin Angelika Gramkow (Linke) die Versäumnisse des Jugendamtes allein auf Fehlentscheidungen einzelner Mitarbeiter zurück. Strukturelle Defizite in der Verwaltung sieht die Oberbürgermeisterin nicht. „Wir werden personelle Konsequenzen für diese Mitarbeiter prüfen“, kündigte sie an.

Das Jugendamt hatte bereits im Januar 2015 Hinweise auf Missbrauchsfälle im Verein bekommen. Zwei betroffene Kinder hatten sich gegenüber ihrem Schulsozialarbeiter offenbart. Der hatte den Leiter des Jugendhilfeausschusses der Stadtvertretung, Peter Brill (Linke), informiert. Brill hat sich an das Jugendamt gewandt.

Das Amt ist den Vorwürfen aber selbst nicht nachgegangen und informierte auch nicht die Polizei. „Bezüglich der Abwägung, dass zum Zeitpunkt des Bekanntwerdens der geschilderten Vorwürfe weitere Kinder und Jugendliche hätten betroffen sein können, haben die Mitarbeiter des Jugendamtes (grob) regelwidrig gehandelt, da hier keine Risikoeinschätzung stattgefunden hat“, heißt es im Bericht.

Erst im August 2015 – sieben Monate später – wurde der inzwischen zu sechseinhalb Jahren Haft verurteilte Peter B. , langjähriger Vorsitzender des Vereins „Power for Kids“, von der Polizei verhaftet. Er hatte sich an mindestens 15 Jungen im Alter zwischen 7 und 13 Jahren vergangen. Zwischen Januar und August 2015 soll es zu 42 Einzeltaten gekommen sein.

Viele Fragen sind offen. Warum äußert sich der damals zuständige Dezernent für Finanzen, Jugend und Soziales, Dieter Niesen, nicht gegenüber der Untersuchungsgruppe? „Wir haben ihn mehrfach eingeladen, er ist nicht gekommen“, sagte die Leiterin der Untersuchungsgruppe, Dana Horn. Was hat er zu verbergen?

Wann wurde Oberbürgermeisterin Gramkow von den Missbrauchsvorwürfen in Kenntnis gesetzt? „Ich kann mir im Leben nicht vorstellen, dass Peter Brill im Januar zwar das Jugendamt informierte, nicht aber seine Parteigenossin und enge Vertraute, Frau Gramkow“, so ein Stadtvertreter. Die Oberbürgermeisterin sagte auf Nachfrage, sie habe erst im August 2015 zum Zeitpunkt der Festnahme von Peter B. von den Missbrauchsfällen erfahren.

Im Untersuchungsbericht wird kritisiert, dass Brill als Vorsitzender des Jugendhilfeausschusses niemanden im Ausschuss über die Hinweise informierte. Er habe im zweiten Quartal 2015 trotz seiner Kenntnis der Vorwürfe sogar einen Antrag des Vereins „Power for Kids“ auf Anerkennung als Träger der freien Jugendhilfe befürwortet. Warum?

Der Untersuchungsbericht kommt zu dem Schluss: „Auch wenn die Letztverantwortlichkeit beim Jugendamt liegt, sollte eine etwaige Mitverantwortung anderer Institutionen, die .... im Laufe des Verfahrens beteiligt waren, kritisch hinterfragt werde.“

„Der Bericht zeigt, dass die Oberbürgermeisterin ihre Verwaltung nicht im Griff hat“, sagte Silvio Horn, Fraktionschef der Unabhängigen Bürger. Sebastian Ehlers, Fraktionsvorsitzender der CDU, zeigte sich kämpferisch: „Die politische Aufarbeitung ist mit dem Bericht nicht abgeschlossen, sie fängt jetzt erst richtig an.“ Strukturelle Veränderungenen im Jugendamt forderte Daniel Mestlin, SPD-Fraktionsvorsitzender.

zur Startseite

Gefällt Ihnen dieser Beitrag? Dann teilen Sie ihn bitte in den sozialen Medien - und folgen uns auch auf Twitter und Facebook:

Kommentare

Leserkommentare anzeigen