Raketenwaffen-Schmiede Peenemünde : „Vernichtender Fortschritt“

Eine V1-Rakete Fieseler 103
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Eine V1-Rakete Fieseler 103

Historisch-Technisches Museum zeigt neue Sonderausstellung

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22. Februar 2018, 20:30 Uhr

Peenemünde war kein autarkes Entwicklungszentrum für Raketenwaffentechnik, sondern stark in Fertigung und Einsatz der V2-Waffen involviert. In seiner neuen Ausstellung mit dem Titel „Vernichtender Fortschritt. Serienfertigung und Kriegseinsatz der Peenemünder ,Vergeltungswaffen‘“ zeigt das Historisch-Technische Museum jetzt, wie die wissenschaftliche und technische Leitung Peenemündes in Kriegseinsatz und Serienfertigung der Waffen eingebunden war beziehungsweise diese kontrollierte.

Das Heereswaffenamt und das Entwicklungswerk in Peenemünde seien in die Raketenfertigung im Mittelwerk Dora voll integriert gewesen, sagte Ausstellungskurator Philipp Aumann. Es habe nicht nur einen abstrakten Wissenstransfer gegeben. Die Peenemünder Ingenieure seien für die Sicherstellung der Produktionsabläufe unverzichtbar gewesen.

Philipp Aumann, Ausstellungskurator, auf dem Museumsgelände in Peenemünde
Stefan Sauer
Philipp Aumann, Ausstellungskurator, auf dem Museumsgelände in Peenemünde
 

Laut einem Besprechungsprotokoll vom 30. März 1944 beanspruchte der Kommandeur der Heeresversuchsanstalt Peenemünde Walter Dornberger noch im Frühjahr 1944 die Hoheit über das Projekt, obwohl die Fertigung der Waffen zu diesem Zeitpunkt bereits in ein Bergwerk im südlichen Harz ausgelagert worden war.

Die vom Museum erarbeitete Sonderschau vertieft mit neuen Dokumenten auf etwa 250 Quadratmetern Fläche die Dauerausstellung über die im Norden Usedoms entwickelten Waffen. Der Blick werde dabei auf die propagandistische Wirkung der Waffen, auf die Opfer und Zwangsarbeiter sowie auf wirtschaftsökonomische Fragen gelenkt, so Aumann. Zu sehen seien etwa 180 Fotos, Filme, Dokumente und Objekte, die aus dem Peenemünder Archiv, dem Bundes-Militärarchiv Freiburg oder aus Memoiren und Notizbüchern von Soldaten und Ingenieuren stammten. Eines der prägnantesten Exponate ist ein originales Raketentriebwerk, das 1944 in England kurz vor London einschlug, dort in einer Scheune verwahrt wurde und erst in den letzten Jahren an das Museum als Schenkung ging.

Der Nachbau einer V2-Rakete
Stefan Sauer
Der Nachbau einer V2-Rakete

Die NS-Heeresversuchsanstalt Peenemünde war von 1936 bis 1945 das größte militärische Forschungszentrum Europas. Bis zu 12 000 Menschen gleichzeitig arbeiteten im hermetisch abgeschlossenen Norden der Insel Usedom an neuartigen Waffensystemen wie der V1 und V2. Als Terrorwaffen gegen die Zivilbevölkerung konzipiert und größtenteils von Zwangsarbeitern gefertigt, gelangten sie ab 1944 als „Vergeltungswaffen“ zum Einsatz. Als Reaktion auf die Bombardierung Peenemündes im Sommer 1943 wurde die Fertigung der Waffen in ein aufgegebenes Bergwerk im südlichen Harz bei Nordhausen ausgelagert. Insgesamt wurden 60 000 Häftlinge, hauptsächlich Polen, Russen und Franzosen, in den KZ-Komplex und unterirdischen Produktionsstandort Mittelbau-Dora gebracht, von denen etwa 20 000 das Kriegsende nicht erlebten.

Die gestern eröffnete Sonderschau, die bis Januar 2019 gezeigt wird, ist – wie die Vorgängerausstellungen „Rüstung auf dem Prüfstand“ und „Wunder mit Kalkül“ – ein vorbereitender Schritt zur neuen Dauerausstellung. Sie soll voraussichtlich 2021 öffnen.

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