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Individualismus ist Tod : Verlorene Menschlichkeit

vom
Aus der Redaktion der Zeitung für die Landeshauptstadt

Die Kunsthalle Rostock stellt die „Artige Kunst“ des Nationalsozialismus der „entarteten Kunst“ gegenüber

Der Blick ist starr, die Hände sind zur Faust geballt. Emotionslos blitzen die blauen Augen aus dem Gesicht hervor. Bei jedem Schritt wippen die blonden Locken nach. Im Gleichtakt bewegen sich die stählernen Männerkörper nach vorn – eine homogene Masse. Der Individualismus ist Tod. Er ist gestorben, während Adolf Hitler seine Rassenideologie manifestierte.

Die hölzerne Treppe, die zur neuen Ausstellung der Kunsthalle Rostock führt, knarrt bedrohlich. So als wollte sie den Besucher warnen: „Die folgenden Bilder können verstören.“ Nur wer sich traut, soll eintreten – in die verlogene Welt der „Artigen Kunst“. Großformatige Gemälde wohlgeformter nackter Frauen hängen neben Darstellungen idyllischer Familienwelten. Was macht die Bilder so gefährlich? So toxisch und infektiös? „Wir leben in Zeiten eines blühenden Populismus, zwischen Denktendenzen, die auch in den 30er- und 40er-Jahren üblich waren“, erklärt Kuratorin Silke von Berswordt-Wallrabe.

Die Bilder der Schau strotzen vor innerer Falschheit. Lächelnde Gesichter, gut genährte Köper, keine Spur von Verzweiflung und sozialer Ungerechtigkeit. „Während Soldaten durch die Straßen marschierten, zeigten die Museen eine vertuschte Realität, heile Welten, die so nicht existierten“, bedeutet die Kunsthistorikerin. „Millionen starben im Krieg und sie malten fröhliche Bauernbilder“, ergänzt ihr Mann, Alexander von Berswordt-Wallrabe, ebenfalls Kurator der Ausstellung.

Die Absonderlichkeit der seelenlosen NS-Kunst wird untermauert durch Kontraste: Fotografien von Holocaustopfern, von Arbeit zerschundenen Körpern, von Gesichtern, in denen sich Hoffnungslosigkeit abzeichnet. Die Realität wird präsent platziert: zu Beginn und am Ende des Rundgangs und auch zwischendurch. Da ist Felix Nussbaums Selbstbildnis „Angst“, das trotz seines Kleinformats mehr Strahlkraft besitzt, als die darum platzierten naiv inszenierten Bauern- und Heimatbilder. Der Schauder soll bleiben. Gegen das Vergessen. Von Raum zu Raum. Nussbaum wurde politisch verfolgt. 1944 starb er im KZ Auschwitz-Birkenau. „Die Kunst, die damals verboten war, besitzt eine andere Wahrhaftigkeit. Es ist die Emotionalität, die den Werken Präsenz verleiht“,so Silke von Berswordt-Wallrabe.

Das künstlich konstruierte Menschenbild der Nazis wird besonders deutlich an der Darstellung des Sportlers. Arno Brekers „Zehnkämpfer” wartet im 4. Salon der Ausstellung. Die Skulptur gilt als Sinnbild der Olympischen Spiele von 1936 und als Hitlers in Stein gemeißelter „arischer Rassentraum“. Breker gehörte zu den „Gottbegnadeten“, zu den Lieblingskünstlern des „Führers“, der von dem Machthaber ein Atelier und ein Schloss geschenkt bekam. Dem „Zehnkämpfer” steht ein Mädchen gegenüber: zwei Zöpfe, die Rippen zeichnen sich ab, das Gesicht ist eingefallen. Ein ungleiches Duell. Doch die Ästhetik des Grauens verliert gegen die Menschlichkeit. Das seien harte Kontraste, doch eine Auseinandersetzung mit der Nazi-Kunst funktioniere nur über Anschauung und durch eine Gegenüberstellung mit der damals verbotenen „entarteten“ Kunst.

„Wir müssen uns darauf besinnen, in welcher Zeit die Bilder entstanden sind, was sie zeigen und was sie nicht zeigen.“ Silke von Berswordt-Wallrabe steht vor Erich Merckers „Granitbruch Flossenbürg“. „Das Lager wurde zur Ausbeutung von Zwangsarbeitern angelegt. Das Konzept: Vernichtung durch Arbeit.“ Zu sehen ist dies auf dem Bild nicht, die Farbgebung ist freundlich, beinahe warm, keine Toten, keine Vernichtung.

Das Gros der 84 in Rostock zur Schau gestellten Arbeiten wurde einst auf der Großen Deutschen Kunstausstellung in München gezeigt, die zwischen 1937 und 1944 als Verkaufsausstellung konzipiert wurde. Adolf Hitler selbst kaufte dort zahlreiche Werke an. Bis zum 18. Juni wird die Ausstellung in der Hansestadt zu sehen sein. Dann zieht sie weiter in das Kunstforum Ostdeutsche Galerie in Regensburg.

Die Eröffnung: „Artige Kunst“

„Wenn Kunst artig sein soll, wenn Kunst artig sein will, entartet sie“, sagte Bundestagspräsident Norbert Lammert (CDU) gestern Abend bei der Eröffnung der Ausstellung, dessen Schirmherr er zugleich ist.  In der gut gefüllten Kunsthalle erinnerte Lammert  an die 1938 in München vernichtende Ausstellung „Entartete Kunst“ der Nationalsozialisten.  Das Spannungsfeld zwischen Kunst und Politik  habe sich damals gezeigt und zeige sich auch heute. Die Ausstellung  „Artige Kunst“  wurde am Abend von den ersten Besuchern heftig diskutiert, auch der Umstand, dass sie zum Beispiel nicht wie vorgesehen in Bresslau gezeigt werden wird. Zur Eröffnung gestern waren auch Ministerpräsident Erwin Sellering (SPD) und der Rostocker Oberbürgermeister Roland Methling (parteilos) gekommen. „Diese Kunstwerke entlarven sich selbst als artige Verbeugung vor der Nationalsozialistischen Ideologie“, sagte Sellering. 

Stefan Koslik

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erstellt am 30.Apr.2017 | 05:00 Uhr

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