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Privatisierung vor 25 Jahren : Verkauf um jeden Preis

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Aus der Redaktion der Zeitung für die Landeshauptstadt

Es gab kein historisches Vorbild: Der Umbau einer zum großen Teil maroden Planwirtschaft in eine Marktwirtschaft. Die Treuhandanstalt hat damit vor 25 Jahren begonnen – mit groben Fehlern, aber auch großen Erfolgen.

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erstellt am 28.Feb.2015 | 08:00 Uhr

Der Auftrag war eindeutig: Die volkseigenen Betriebe des abzuwickelnden Arbeiter-und-Bauern-Staates sollten samt und sonders privatisiert werden – von der Treuhandanstalt, die am 1. März 1990 vom DDR-Ministerrat initiiert und ein Vierteljahr später von der Volkskammer per Gesetz aus der Taufe gehoben wurde. Ein Megaprojekt.

Mehr als 14 000 Kombinate und Betriebe standen auf der Verkaufsliste. Viele wurden filetiert und in Teilen veräußert. Ein in der Wirtschaftsgeschichte unvergleichlicher Transformationsprozess von der Plan- in die Marktwirtschaft wurde, von der Politik getrieben, in Gang gesetzt. Mit der Folge, dass weniger ökonomische Vernunft in der Treuhand waltete, sondern umso mehr nach dem Prinzip „schneller Verkauf um jeden Preis“ verfahren wurde. Unzählige Betriebe wechselten für die obligatorische „eine D-Mark“ den Besitzer. Die im Gegenzug eingegangenen Verpflichtungen zu Investitionen und zum Erhalt der Jobs erwiesen sich in vielen Fällen des Papiers nicht wert, auf dem sie in den Verkaufsverträgen niedergeschrieben worden waren.

Auch in Mecklenburg-Vorpommern hinterließ die Treuhand tiefe Spuren des Umbruchs und des Unmuts. In der überschaubaren Anzahl von Großbetrieben mit tausenden Beschäftigten bedeutete jeder Firmenverkauf einen extremen personellen Aderlass. Was in der ökonomischen Logik begründbar war, kollidierte jedoch mit dem politischen Gebot der Stunde. Die Existenz tausender Familien stand auf dem Spiel. Es galt, eine Deindustrialisierung zu verhindern und den industriellen Kernen im Land die Chance zu geben, sich in der Marktwirtschaft behaupten zu können.

Im Fokus standen dabei die Werften, auf denen vor der Wende fast 50 000 Menschen beschäftigt waren. Werftmanager Oswald Müller, der seit 1978 in Wismar die Geschicke der MTW Werft gelenkt hatte, hält es auch aus heutiger Sicht für unstrittig, damals am Schiffbau in MV festgehalten zu haben. „Marktwirtschaftlich betrachtet brauchte das vereinigte Deutschland die Ostwerften nicht. Auch der Rest der Welt war auf sie nicht angewiesen. Aber die Menschen im Land brauchten den Schiffbau, er sicherte viele Existenzen.“

Einen Großteil der einstigen DDR-Schiffbaubetriebe verkaufte die Treuhand im Herbst 1992 an die Bremer Vulkan AG. Es war der Auftakt einer nicht enden wollenden Geschichte zum Erhalt der Werftstandorte. Die Vulkan-Pleite 1996 und mehrere folgende Eigentümerwechsel ließen den Schiffbau bis heute nicht in ruhiges Fahrwasser gelangen. Derzeit kämpft die Nordic-Yards-Gruppe mit ihren Werften in Wismar, Stralsund und Warnemünde vergeblich um neue Bauaufträge, um Arbeit für rund 1200 Schiffbauer.

Zur dramatischen Begleitmusik der Privatisierungswelle gehörte, dass zig Millionen D-Mark an öffentlichem Geld für Modernisierungsinvestitionen in die Unternehmen flossen. In einigen populären Fällen verhinderte dies nicht die Schließung der Betriebe. Spektakulär war das Aus für das Faserplattenwerk in Ribnitz-Damgarten, wo zu DDR-Zeiten 1780 Menschen arbeiteten. Zum Schluss kämpften rund 400 verbliebene Beschäftigte mit einer Betriebsbesetzung vergeblich um den Erhalt von Bestwood, wie das Unternehmen nach dem Verkauf an zwei Kaufleute aus dem Westen hieß. Neben Missmanagement gesellte sich zuweilen Subventionsbetrug, Millionen Fördergelder versickerten.

3500 abgewickelte Betriebe zwischen Rügen und Thüringer Wald von einst 14 000 allein bis Ende 1994 – am Ende wies die Treuhand einen Verlust von rund 250 Milliarden D-Mark aus, hunderttausende Jobs gingen verloren. Doch zur Geschichte der Treuhand und der Nachfolgebehörde BvS (Bundesanstalt für vereinigungsbedingtes Sondervermögen), die ihre Arbeit 2001 einstellte, zählen auch etliche Erfolgsgeschichten in MV. So hat sich Europas einst größtes Universal-Schifffahrtsunternehmen, die Deutsche Seereederei, erfolgreich ohne Schiffe neu aufgestellt in den Bereichen Hotellerie und Immobilien. Das einstige Sirokko-Heizgerätewerk Neubrandenburg ist heute der größte Produktionsstandort für Heizungssysteme der weltweit agierenden Webasto AG. Die großen Schweriner Betriebe, das Kabelwerk und das Klement-Gottwald-Werk, sind unter den Firmennamen Prysmian Kabel und Systeme sowie KGW Schweriner Maschinen- und Anlagenbau GmbH weiter am Markt präsent, beschäftigen hunderte Mitarbeiter.

Manche über viele Jahre von Bestand geprägte Privatisierung endete letztlich doch noch in der Werksschließung, wie im Fall der Zuckerfabrik Güstrow 2008. Doch das war bereits eine unternehmerische, vom Markt beeinflusste Entscheidung.

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