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25 Jahre Lichtenhagen : Verhängnisvolle Tage im August

vom

In Rostock-Lichtenhagen griff ein Mob aus hunderten Rassisten das Sonnenblumenhaus an und setzte es in Flammen. Was aber bleibt von jenem August 1992? Und: Welche Rolle haben die Medien gespielt?

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erstellt am 26.Aug.2017 | 05:00 Uhr

"Mitverantwortlich" von Michael Seidel, Chefredakteur

Schreiben, was ist. Das ist der Job des Journalisten, formulierte  Spiegel-Gründer Rudolf Augstein einst. Das sagt sich  einfach. Doch  die meisten Dinge sind komplexer: Was ist, muss auch eingeordnet werden in den Kontext, in dem es ist.

So berichtete auch  unserer Zeitung über die  unhaltbare Situation in Rostock-Lichtenhagen.  Schreiben, was ist.   Soweit korrekt. Doch der anonyme Brief, angeblich von Lichtenhäger Anwohnern, erschien  im August 1992  ohne  Einordnung  bezüglich Inhalt, Herkunft, Wahrhaftigkeit in unserer Zeitung. Blanke, „neutrale“ Transmission. So wurde der Brief, der Gewalttaten geradezu ankündigte, wohl zu einem Katalysator, der  Wutbürger und Nazis anfachte,  das Entscheidungsvakuum mit Gewalt zu füllen.

 Seit 2015 brannten wieder Flüchtlingsunterkünfte, wenn auch nicht im Nordosten.  „Der Schoß ist fruchtbar noch, aus dem das kroch“, um mit  Brecht zu sprechen.  Dies an alle Facebook-Kommentatoren, die diesen Themenschwerpunkt schmähten und „Schluss mit Erinnerungs-Blabla“ forderten. Das Pogrom von Lichtenhagen war hinsichtlich der Umstände  einzigartig – doch Fremdenfeindlichkeit, enthemmtes Wutbürgertum und Defätismus gegen die freiheitlich demokratische Grundordnung grassiert  in allen Gesellschaftskreisen.

Schreiben, was ist. Mit der gebotenen  Distanz. Den Schwachen eine Stimme geben gegenüber  Obrigkeiten. Nicht  nur „Transmissionsriemen“ sein. Journalismus ist mehr: Haltung, Wahrhaftigkeit, Leidenschaft und Aufklärung. Kein Journalist ist „neutral“ oder „objektiv“.   Allein die Auswahl von Fakten bedeutet schon Wertung. Aber Fakten müssen stimmen.  Informationen gehören bestmöglich auf Herkunft und Wahrheit geprüft, bevor sie verbreitet werden.  Und umfassende Recherche berücksichtigt möglichst alle denkbaren Perspektiven auf ein Thema.

Das gehört zum  selbstkritischen Rückblick: Bis zur jüngsten Flüchtlingskrise haben wir Journalisten  manche dieser Berufsregeln vernachlässigt, wenn auch in bester Absicht. Besonders seit Lichtenhagen waren wir so bemüht um politische Korrektheit, dass wir häufig nicht mehr nur schrieben, was ist – sondern  eher, was sein soll. Wir waren  oft so korrekt, dass es schon unkorrekt war, weil es Teile des Meinungsspektrums ausschloss. Doch wir lernen und arbeiten an uns. Und wahren dennoch Haltung.

 

 

"Martin darf nicht raus" von Sebastian Schramm

Schüchtern sitzt er da, mit eingefallenen Schultern, der Blick auf den Tisch vor ihm gerichtet. Martin ist 18 Jahre alt, ein echter Rostocker Junge: in der Stadt geboren, nach der Schule will er bleiben und hier studieren. „Anders“ ist nur sein Nachname: Huynh. Er ist Sohn einer vietnamesischen Familie, Vater und Mutter kamen in den Achtzigerjahren als Vertragsarbeiter nach Rostock. Sie waren dabei, als das Sonnenblumenhaus brannte. Seine Eltern, erzählte er, hätten noch nie mit ihm über ihre Erlebnisse von damals geredet. Bis heute. Er beginnt zu verstehen: Dinge über Rassismus, Gewalt und Hass. Nicht zuletzt über seinen Vater. Endlich weiß er den Grund, warum er nicht alleine auf den Straßen Rostocks sein darf, wenn es dunkel ist. Der Vater hat Angst um seinen Sohn. Angst, dass sich Geschichte wiederholt.

Diese Szene lässt mich nicht mehr los. Es war bei einem Termin mit vietnamesischen Zeitzeugen; ein Restaurant in der Kröpeliner Tor-Vorstadt, dem Puls der Stadt: wo es pakistanisches Essen gibt und eine Bar für Homosexuelle. Ein wunderbares, modernes und tolerantes Rostock. Und doch bleibt die Erkenntnis: In den Köpfen der Opfer lodert das Sonnenblumenhaus noch immer. Wahrscheinlich wird es nie aufhören.

25 Jahre später sagt sich vieles so lächerlich einfach. Vor allem dann, wenn man nicht dabei war. Ich glaube: Die verhängnisvollen Tage vom August 1992 waren ein Hybrid, entstanden aus den Problemen nach der Wiedervereinigung, den untragbaren Zuständen vor dem Sonnenblumenhaus, einer kopflosen Polizei; noch schwerer aber wog das Versagen der Stadt Rostock und der Landespolitik in Schwerin. Wer sich nicht kümmert, verliert. Und wer keinen klaren Plan hat für die, die neu in ein Land kommen, der nimmt seinen Beruf als Politiker und letztlich die Gesellschaft nicht so ernst, wie er es müsste.

Lichtenhagen, das ist auch eine schmerzhafte Kerbe deutsch-europäischer Flüchtlingspolitik.  Im Jahr 1993, nur wenige Monate danach, wurde das Grundgesetz geändert, das Asylrecht eingeschränkt. Es öffnete die Tür für das Dublin-Abkommen, dieses unfassbare Konstrukt, dass die südeuropäischen Staaten mit den Flüchtlingen und ihren Asylverfahren alleine ließ – bis es 2015 unter dem Druck der vielen Geflüchteten zusammenbrach und einen Aufruhr nach Deutschland brachte, den es lange nicht mehr gesehen hatte; Flüchtlinge, Integration, Pegida, Rechtspopulisten. Vielleicht kann der Blick zurück auf Lichtenhagen dabei helfen, die Probleme von heute zu lösen.

 

 

"Zwischen erinnern und vergessen" von Josefine Rosse

„Was kannst du schon wissen? Du warst gerade einmal zwei Jahre alt!“ Zugegeben: Ich erinnere mich nicht daran, was 1992 in Rostock passierte. Ich war zu sehr damit beschäftigt, beim Laufenlernen  nicht hinzufallen. Ich verstehe den Vorwurf, der mir verächtlich entgegengebracht wird, wenn ich versuche, die Ereignisse von damals nachvollziehen, analysieren oder gar in einen Kontext bringen zu können. Ich verstehe, dass ich kritisch beäugt werde, wenn ich die Fragen stelle, auf die auch 25 Jahre nach den Ausschreitungen von  Lichtenhagen niemand eine Antwort zu haben scheint.

 Als Teenager fragte ich meine Eltern, was sie damals fühlten. Meine Mutter sagte mir, sie hätte Angst gehabt. Als Studentin fragte ich meine Professoren. Sie   betrachteten   die Ausschreitungen wissenschaftlich nüchtern. Als Redakteurin fragte ich  ehemalige  Anwohner und Zeitzeugen.  Und zum ersten Mal in meinem Leben begegnete ich einem Potpourri der Emotionen.  Da waren Kollegen, die sich selbst in die Mangel nahmen – ein kleines Schuldeingeständnis. Da waren Rostocker, die das Stigma nicht mehr ertragen, die müde sind von dem Thema und ihrer Heimat die ersehnte Ruhe gönnen. Da waren Pöbler, gerade solche in sozialen Netzwerken, die immer alles besser wissen und mit Schuldzuweisungen um sich werfen. Da waren ehemalige vietnamesische Vertragsarbeiter, die plötzlich vor ihren Augen wieder Rauch sahen, die im Fünf-Jahres-Rhythmus an den Tag denken, an dem  sie dem  Tod davonliefen. Nicht jeder wollte über Lichtenhagen 1992 sprechen. Es sei genug gesagt worden. Die Zeit sei reif,  um  die Vergangenheit zu vergessen. Aber dürfen wir uns dann auch nicht mehr erinnern?

Rostock ist meine Heimat. In dieser wunderschönen Stadt am Meer fühle ich mich geborgen.  In den vergangenen Jahren wurde viel unternommen, um das Image, das Lichtenhagen hinterlassen hat, abzustreifen. Mit Ausländerfeindlichkeit wollte und will hier niemand in Verbindung gebracht werden.  Die Forderungen nach einer toleranten, offenen, demokratischen Gesellschaft  sind laut. Doch damit Demokratie funktioniert, braucht es  engagierte Menschen, die etwas bewegen wollen.    

Wut  darf nicht wieder in Hass umschlagen – so wie 1992. Eine zutiefst  frustrierte  Gesellschaft   wirft Steine und  Molotowcocktails. Zumindest hat uns  das Lichtenhagen gelehrt.  Aber: „Was kann ich schon wissen?“

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