Tag des Baumes : Vergessene Riesen und mythische Ruhe

Am 25. April ist der Tag des Baumes.
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Am 25. April ist der Tag des Baumes.

Irrtümer, altes Wissen und ein Waldland Nummer Eins, das heute waldarm ist.

svz.de von
24. April 2015, 20:45 Uhr

Licht tanzt durch die Kronen auf den Boden. Es welken Blätter des letzten Herbstes unter jedem Schritt. Verdeckte Käfer, Pilze, Raupen, verstecktes Leben überall. Es riecht nach Holz, nach alter Ruhe und nach Frieden. Waldspaziergänge sind Kurzreisen zum eigenen Ich. Schon fünf Minuten im Wald führen zu messbarem Stressverlust und gesteigertem Selbstwertgefühl, wie die britischen Forscher Jo Barton und Jules Pretty herausgefunden haben. Die Erfahrung von ursprünglicher Natur spielt dabei eine Rolle, aber auch die Erfahrung der eigenen Grenzen. Die Alltagsprobleme werden zu Kleinigkeiten, wenn man zwischen hölzernen Riesen geht, die älter als Menschen sind.

Doch heutzutage trügt dieser Effekt, denn Wald ist nicht gleich Wald. „Es gibt keine natürlichen Wälder mehr in Mecklenburg-Vorpommern.“ Diese Aussage vom Naturschutzbund Mecklenburg-Vorpommern ist vorwurfsfrei zu verstehen, denn jahrhundertelang vermehrten sich Menschen in unserem Gebiet und mussten zunehmend ernährt werden. Ernährung geht nun mal mit Landwirtschaft und nicht mit Forstwirtschaft. Die Orte im Land, die auf Hagen enden, wie Hinrichshagen, Lichtenhagen, Altenhagen und so weiter, zeugen davon. Denn „Hagen“ stammt vom Hain ab und meint ein kleines Waldgebiet, das einem gehegten Grundstück weichen muss.

Nun leben wir in einem Land, das als Ackerland, als flaches und weit einsehbares Urlaubsland Touristen anlockt. Doch der Wald hat hier mehr Hausrecht, als es heute scheint. 98 Prozent der Landesfläche könnten von Bäumen bewachsen sein, wenn der Mensch nicht eingegriffen hätte. Auch wenn das Eingreifen des Menschen im Sinne des Menschen und vielleicht der Menschlichkeit geschah, sollte trotzdem die Bedeutung des Waldes für unsere Heimat nicht vergessen werden.

Nun könnte man meinen, dass doch immerhin 24 Prozent der Landesfläche von MV von Wald bedeckt sind. Aber Wald ist nicht gleich Wald. Nahezu alle Wälder sind nämlich durch das Eingreifen des Menschen mehr oder weniger verändert. „Deshalb sind die meisten Wälder heute eher Forste“, wie Anja Kureck vom Naturschutzbund betont. Die einheimischen Arten wie Buche und Eiche eignen sich nämlich für die Holzwirtschaft weniger. Die einen wachsen zu langsam. Die anderen sind zu sensibel oder haben keine guten Baueigenschaften. Deshalb zogen Fremdkulturen in die Wälder ein. Fichten, die schneller wachsen, widerstandsfähiger sind und gern in großen Mengen gedeihen. Vor allem aber Kiefern, die auf knapp 40 Prozent der Waldfläche im Land wachsen. Diese Einwanderer wachsen wirklich besser, verdrängen aber einheimische Baumarten so sehr, dass die Buchen, die im Nordosten eigentlich in der Mehrzahl sein müssten, nur noch knapp zwölf Prozent der Gesamtheit stellen.

Inzwischen gehen die Forstleute in den Wäldern eine Jahrhundertaufgabe an. Bis 2100 wollen sie im Landeswald den Anteil der Laubbäume von etwa 40 Prozent auf 56 Prozent erhöhen.

Auf zwei Arten könnte man einheimische Baumarten bewahren. Erstens , wenn der Mensch die Wälder in Ruhe lässt, wie dies in Nationalparks zumeist geschieht, und zweitens müsste man sich hier und dort durch Rodung oder Wiedervernässung einen Neustart im Baumbestand trauen. Die Bedeutung des Baumes für unsere Kultur lässt sich an zwei Beispielen gut zeigen. Zum Einen stammt das Wort „Buchstabe“ von der Rot-Buche ab. Die ersten Schriftgelehrten der Indogermanen haben das rötliche Holz der stattlichen Bäume genutzt, um kurze Gebete und Sprüche in Runenform darauf zu ritzen. Die Buchenstäbe sind der Ursprung der Schrift in unseren Breitengraden, sie sind es buchstäblich. Auch im Glauben sind Bäume tief verankert. Der Weltenbaum Yggdrasil, in der nordischen Mythologie der erste Baum und zugleich Verkünder des Weltuntergangs, hat seine Entsprechungen in anderen Kulturen, beispielsweise in persischen oder indianischen Mythen. Immer steht dabei ein großer Baum im Mittelpunkt und als Zeichen für Beständigkeit.

Beim Thema Alter: Die uns heute umgebenden Wälder sind nicht annähernd so alt, wie sie sein könnten. Die meisten Bäume werden vor ihrem 80. Geburtstag zu „Kleinholz“ verarbeitet. Buchen können aber gut und gern 350 und Eichen sogar über 800 Jahre alt werden. Alte Bäume machen einen anderen Wald und lassen andere Tiere und Pflanzen zu als Forste. Das Wissen über diese Waldgreise ist ebenso in den Hintergrund getreten wie der Unterschied zwischen Kultur und Natur beim Wort „Wald“. Zudem wird kaum noch weitergegeben, wie man Baumarten unterscheidet, so Anja Kureck vom Naturschutzbund (NABU) in MV, die dazu regelmäßig Waldführungen anbietet. Das beste Erkennungsmerkmal bleiben die Blätter. Auch wenn Botaniker sich bei der Bestimmung nach den Blüten richten, kann ein Laie die häufigsten Baumarten an den Blättern erkennen.

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