Projekt „Bildatlas: Kunst aus der DDR" : Vergessene DDR-Malerei

Gemälde 'Bauarbeiterlehrling Irene' von Barbara Müller aus dem Jahr 1971 in der ehemaligen Sächsischen Landesbibliothek im Depot des Kunstfonds. Foto: dapd
Gemälde "Bauarbeiterlehrling Irene" von Barbara Müller aus dem Jahr 1971 in der ehemaligen Sächsischen Landesbibliothek im Depot des Kunstfonds. Foto: dapd

Im Büro von Christian Heinisch an der Technischen Universität Dresden erhebt sich eine Regalwand voll bis unter die Decke mit Aktenordnern. Sie enthalten die Ergebnisse aus drei Jahren Arbeit zur Malerei in der DDR.

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26. Juli 2012, 11:06 Uhr

Dresden | Im Büro von Christian Heinisch an der Technischen Universität Dresden erhebt sich eine Regalwand voll bis unter die Decke mit Aktenordnern. Sie enthalten die Ergebnisse aus drei Jahren Arbeit zur Malerei in der DDR. Mehr als 20 000 Gemälde aus 167 Sammlungen sind bereits erfasst worden. 4 000 weitere sollen noch folgen.

"Wir sind anfangs gerade mal von der Hälfte ausgegangen", sagt Heinisch, der einer der Leiter des Projekts "Bildatlas: Kunst aus der DDR" an der TU Dresden ist. Gemeinsam mit den Staatlichen Kunstsammlungen Dresden, dem brandenburgischen Kunstarchiv Beeskow und dem Zentrum für Zeithistorische Forschung Potsdam hat sich die TU das Ziel gesetzt, eine möglichst umfassende Dokumentation der Malerei aus der DDR zu erstellen. Zwölf Wissenschaftler sind seit dem Jahr 2009 beschäftigt, Gemälde aus der DDR in Museen, privaten Sammlungen, Botschaften, Kirchen oder bei Unternehmen zu finden, abzufotografieren und zu katalogisieren.

Bisher, sagt Forschungskoordinator Paul Kaiser, habe sich das Wissen über die DDR-Kunst lediglich aus einem sehr kleinen Bestand rekrutiert. Mit der Erfassung soll nun erstmals ein umfassender Überblick über die Bildproduktion in der DDR möglich sein. Und Karl-Siegbert Rehberg, ebenfalls wissenschaftlicher Koordinator und Projektleiter, erklärt: "Selbst die Museen wissen nicht immer, was sie eigentlich in ihrem Fundus haben."

Der Grund: Nach 1989 gab es keine Sammler mehr für die Werke. Parteien und andere Massenorganisationen, auch viele Museen wollten plötzlich von der Kunst aus der Zeit des Sozialismus nichts mehr wissen. So verschwanden viele Gemälde aus der Zeit von 1949 bis 1990 in Kellern und Lagerräumen.

Heutzutage zeigen hingegen sowohl der Kunstbetrieb als auch die Wissenschaft ein verstärktes Interesse an der DDR-Malerei. "Wir haben auch viele Anfragen von Künstlern, die nach 1989 plötzlich nicht mehr wussten, wo ihre Bilder waren", sagt Kaiser. Eine bereits fertiggestellte Onlinedatenbank, in der die Bilder zusammengefasst werden, soll eine wichtige Hilfe und Informationsquelle zum Auffinden verschollener Werke sein.

Doch nicht alle Künstler seien glücklich über das Projekt, fügt Rehberg hinzu. "Einige wollen am liebsten ihr Werk nicht mit der DDR in Verbindung gebracht wissen." Ein Beispiel sei etwa Neo Rauch und sein Bild "Die Kreuzung" von 1984. Die Mehrzahl der Künstler ist aber froh, dass es die Dokumentation gibt. Genauso wie die meisten Museen, die jetzt erstmals wüssten, was an DDR-Kunst bei ihnen im Fundus lagert. Auf dieser Basis könnten künftig etwa neue Ausstellungen geplant werden, sagt Kaiser.

Die Ergebnisse des Projekts sollen auch in zwei Buchpublikationen und mehrere Ausstellungen einfließen. Ein aktueller Beitrag zur anhaltenden Debatte um die DDR-Kunst wird die Schau "Abschied von Ikarus. Bildwelten in der DDR - neu gesehen" sein, die am 19. Oktober in Weimar beginnt. Der Generaldirektor der Museen der Klassik Stiftung Weimar, Wolfgang Holler, sagte, in der kunst- und kulturhistorisch angelegten Ausstellung werden keine Unterschiede zwischen jenen Künstlern gemacht, die in der DDR Staatsaufträge erhielten und denen, die ihre Werke ohne staatliche Vorgaben malten. Es geht um eine neue Sicht der Dinge, ein endgültiges Bild wird den Besuchern aber nicht vermittelt.

Was die Debatte um die Malerei in der DDR angeht, zeigt sich Rehberg zuversichtlich: Die Ergebnisse des Projekts bieten reichlich Nährboden für eine Klärung. Eine ganze Regalwand voll.

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