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Mecklenburg-Vorpommern

18. Oktober 2017 | 17:05 Uhr

Verdruss und Unverdrossene

vom

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erstellt am 27.Dez.2011 | 11:22 Uhr

Schwerin | Wer hätte das gedacht: Die Hauptdarsteller auf der Kulturbühne waren im nun fast vergangenen Jahr zu einem großen Teil wieder die üblichen Verdächtigen: Die Theater sorgten erneut für finanzielle Dramen und hinter den Kulissen des Filmkunstfestes rumorte es weiter.

Keine guten Nachrichten, nirgends? Doch, gerechterweise zuallererst. Mit "Der Biberpelz" in der Fassung von Herbert Fristsch wird erstmals seit langen Jahren wieder eine Inszenierung des Staatstheaters Schwerin zum Theatertreffen nach Berlin eingeladen - als eines von bundesweit zehn Stücken.

Im Staatlichen Museum Schwerin ging Chef Dirk Blübaum weiter den schmalen Weg zwischen kunsthistorischem Anspruch und populärer Publikumswirksamkeit mit dem sperrigen Thema "Die niederländische Savanne" und den unkomplizierten "Sommergästen". Allerdings geriet Kultusminister Henry Tesch (CDU) kurz vor Amtsschluss noch unter Verdacht, per Sonderausstellung zu den Funden beim Bau der Ostsee-Pipeline Schloss Güstrow durch die Hintertür zum Archäologiemuseum machen zu wollen - und so die mühsam ausgeklügelte Raumplanung des Staatlichen Museums ins Wanken zu bringen, das doch so auf mehr Fläche hofft.

Die privat betriebene Kunsthalle Rostock - als einst einziger Museumsneubau der DDR selbst ein Ausstellungsstück - bestärkte 2011 ihren Ruf als innovatives Forum. Erst holte Kurator Ulrich Ptak den jungen, aber schon zu den Großen zählenden Fotografen An dreas Mühe zu dessen erster Werkschau in die Hansestadt, dann waren beim Projekt "Credo" mit Gerhard Richter, Georg Baselitz, Gotthard Graubner und Günther Uecker gleich die Werke vier internationaler Großkünstler zu sehen. Solche millionenwerte moderne Kunst sieht man selten in MV.

Mit Fotokunst konnte auch die Kunstsammlung Neubrandenburg eine Visitenkarte abgeben: Das Museum zeigte die erste große Werkschau von Arno Fischer - nur wenige Wochen nach dem Tod des in der DDR stilprägenden Lichtbildners.

Ach ja, und das Filmkunstfest MV. Gelungen war die 21. Auflage, die erste unter der neuen künstlerischen Leitung von Stefan Fichtner, künstlerisch durchaus. "Über uns das All" von Jan Schomburg holte den Hauptpreis, Katrin Sass ("Goodbye, Lenin") bekam den "Gol denen Ochsen " für ihr Lebenswerk. Aber nur ein halbes Jahr später gaben die Filmfest-Macher um Geschäftsführer Torsten Jahn neue Regieanweisungen: Künftig gibt es keinen künstlerischen Leiter mehr, sondern einen "Festival-Botschafter" - Premierenbesetzung dafür ist Regisseur Chirstian Schwochow ("Novemberkind"), der gerade "Der Turm" abgedreht hat und nun in der Postproduktion der Tellkamp-Verfilmung für die ARD steckt.

Womit wir bei den Dramen wären. Am härtesten traf es das Volkstheater Rostock: Mitten im schon alltäglichen Kampf um die Finanzen machte die Feuerwehr das Große Haus wegen Brandschutzmängeln dicht. Wann und vor allem wo es ein neues oder saniertes Theater geben wird, ist ungeklärt. Das Ensemble spielt im Zelt und anderswo, notfalls live im Internet.

In Vorpommern tauschte der neue Intendant und Nekovar-Nachfolger Dirk Löschner im Schauspielensemble erstmal 21 Köpfe aus, und in Neubrandenburg/Neustrelitz verließ Ralf-Peter Schulze den Intendantensessel. Wer sein Nachfolger wird, ist noch offen.

Neuer Schauspieldirektor in Neubrandenburg/Neustrelitz soll Wolfgang Bordel werden - neben seinem Job als Intendant der Landesbühne Anklam, die wiederum mit dem Theater Vorpommern kooperieren will, was das Ministerium doch noch abgesegnet hat.

In der Landeshauptstadt dagegen bleibt der alte Kapitän auf der Brücke, auch im schweren Sturm. Generalintendant Joachim Kümmritz soll das Staatstheater weiter führen - und wegen der andauernden Unterfinanzierung sowohl die Fritz-Reuter-Bühne schließen, als auch die Staatskapelle auf B-Status herabstufen und verkleinern. Das Stück "Theaterreform" dürfte noch einige Jahre auf dem Spielplan bleiben. Denn der neue Kultusminister Mathias Brodkorb (SPD) - jung an Jahren, aber in manchem politischen Scharmützel gestählt - stellte schnell klar, dass es keinen Euro mehr geben soll für die Bühnen, aber dass er mehr Kooperationen erwartet, mehr Veränderungen.

Viel also steht bevor im nächsten Kultur-Jahr. Aber nicht nur Tragödien, nicht nur Dramen. Die Festspiele MV haben mit der jungen Violinistin Veronika Eberle als "Artist in Residence" ein neues Gesicht, und auch das Staatstheater Schwerin geht bei den Schlossfestspielen neue Wege und arbeitet bei "Der Bajazzo" mit dem Zirkus Roncalli zusammen. Dabei passt nicht nur die Zirkus-Oper zum Kooperationspartner, das Zirkuszelt ist auch Schutz gegen verregnete Bilanzen. Auf ein gelungenes Filmkunstfest 2012 könnte man schon mal mit Wodka anstoßen - Partnerland ist Russland.

Verdruss? Den wird es auch geben im nächsten Jahr. Vor allem aber viele Unverdrossene, die Kunst und Kultur möglich machen. Dafür schon vorab - Applaus.

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