Altenpflegepreis : Verdächtige Auszeichnung

Warum Ehrungen wie der Altenpflegepreis der Landesregierung eher ein Tropfen auf den heißen Stein sind.

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08. Mai 2018, 05:00 Uhr

Ein Altenpflegepreis, so viel sei festgehalten, ist eine gute Sache. Schließlich bedeutet er eine gewisse Form der Wertschätzung. Doch was er darüber hinaus nützt, muss einmal hinterfragt werden.

So wäre interessant zu erfahren, ob die Preisträger des Vorjahres ihren Fachkräften von dem Geld (siehe Infokasten) etwas zukommen ließen. Wenigstens ein Kaffeekränzchen oder Piccolöchen für die fleißigen Mitarbeiter?

In MV sind 16 700 Pflegefachkräfte tätig. Bis 2020 werden laut Gesundheitsministerium weitere 2900 gebraucht. In Brandenburg gibt es rund 34 700 Beschäftigte. Das Potsdamer Sozialministerium prognostiziert bis 2040 einen Bedarf von fast 58 000 Pflegefachkräften, das heißt, bis dahin müssten 23 000 weitere gefunden werden – vorausgesetzt, die jetzigen bleiben alle aktiv.

Kein politischer Ansatz lässt jedoch bisher wirklich ein Konzept erkennen, wie die Herausforderung gemeistert werden soll. Bannig stolz war die Groko auf die Zahl 8000: So viele Pflegestellen wollte die neue Bundesregierung sofort neu schaffen. Problem: Verteilt man diese auf die insgesamt 13 000 Pflegeeinrichtungen bundesweit, ergeben sich 0,6 zusätzliche Kräfte pro Einrichtung. Experten fordern mindestens 50 000 zusätzliche Stellen. Doch nicht einmal bei den 8000 neuen Stellen ist klar, wo die Menschen dafür herkommen sollen. Da werden Regierungen schon mal kreativ: So warb der Schweriner Gesundheitsstaatssekretär Stefan Rudolph (CDU) jüngst per Delegationsreise in Vietnam um Pflegefachkräfte!

Die neue Bundesfamilienministerin, Franziska Giffey (SPD), dagegen sagte am 1. Mai in Rostock, die Antwort auf den akuten Fachkräftemangel könne nicht darin liegen, im Ausland Leute anzuwerben; dies sei nicht solidarisch. Sie versprach nun eine grundlegende Reform der Pflegeausbildung. Mit einer neuen Prüfungsverordnung werde das Schulgeld abgeschafft und eine Ausbildungsvergütung eingeführt. Zwei Punkte, die lange von der Politik mit allerlei Ausflüchten verhindert wurden. Darüber hinaus will Giffey auch die Arbeitsbedingungen und die Bezahlung im Pflegeberuf verbessern. Wie, das ließ sie noch nicht erkennen. Denn in Lohngestaltung darf Politik gar nicht eingreifen – das ist Sache der Tarifpartner. Die aber können nicht mehr zahlen, wenn die Vergütung durch die Krankenkassen schon jetzt nicht auskömmlich ist. So beklagte gerade der brandenburgische Landesverband der privaten Anbieter sozialer Dienste (bpa), dass die Kassen existenzbedrohende Millionen-Zahlungsrückstände bei ambulanten Pflegediensten hätten.

Angesichts dieser dramatischen Lage wirkt ein Altenpflegepreis beinahe peinlich.

Der Aufruf: Land vergibt neuen Pflegepreis

Das Sozialministerium sucht Bewerber für den Altenpflegepreis 2018. Es gehe um herausragende haupt- oder ehrenamtliche Projekte, teilte das Ministerium gestern in Schwerin mit. Bewerbungen seien bis zum 30. Juni möglich. Die Auszeichnung soll die Leistungen der Mitarbeiter in der Pflege würdigen und beim Landespflegekongress am 19. September in Rostock überreicht werden.

Dem Sieger winken 3000 Euro, der Zweitplatzierte soll 1500 Euro und der Drittplatzierte 500 Euro bekommen. Eine Jury entscheide. Im vergangenen Jahr gewann die Sozius Pflege- und Betreuungsdienste GmbH aus Schwerin mit ihren Azubitagen, bei denen Auszubildende für einen Tag komplett die Regie übernehmen. Platz zwei belegte die Volkssolidarität Greifswald-Ostvorpommern für ihre Seniorenresidenz und das Aktivzentrum Boddenhus, Platz drei der Verein Südhus Leben aus Rostock für sein Konzept zur Begleitung sterbender Bewohner.

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