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Mecklenburg-Vorpommern

22. Oktober 2017 | 14:00 Uhr

Verbrecherjagd und Völkerfreundschaft

vom

svz.de von
erstellt am 20.Dez.2012 | 06:45 Uhr

Swiecko/Frankfurt | Das Polizeiauto am Spähposten in Swiecko steht still im Schnee. Die Beamten beobachten den Verkehr auf der deutsch-polnischen Autobahn 2/12. Nur Lukasz Walus steht in der Kälte und raucht. Doch plötzlich muss alles blitzschnell gehen. "Lukasz, chod!", ruft Bundespolizist Maik Walther seinem Kollegen vom polnischen Grenzschutz zu. "Lukasz, komm!" Walus schmeißt die Kippe weg und springt in den deutschen Streifenwagen. Los geht die rasante Fahrt Richtung Westen. Über die vereiste Oderbrücke verfolgen die Beamten einen grauen Kombi.

Kurz vor der Ausfahrt Frankfurt/Oder setzt sich Walther vor den verdächtigen Opel mit dem Warschauer Kennzeichen. Ein Knopfdruck, und auf der Dachanzeige des Streifenwagens blinkt der Schriftzug "Bitte folgen" auf. Es ist der kritische Moment. "Es kommt vor, dass sich Straftäter durch Flucht zu entziehen versuchen", erklärt Oberkommissar Olaf Schöppe im gängigen Polizeideutsch. Der Chef sitzt heute mit im Wagen und beschwichtigt: "Verfolgungsjagden wie in amerikanischen Filmen sind aber selten."

Der Opel steuert anstandslos eine Parkbucht an. Ein junges Paar südländischer Herkunft sitzt im Auto und schaut ängstlich auf die deutschen und polnischen Polizisten. Vier Mann in schweren Schutzwesten stehen vor ihnen, die Waffen griffbereit. "Wir müssen die Lage sichern", erklärt Walther. Der Fahrer des Opels kramt seine Papiere hervor, findet aber nur die Zulassung für einen Renault. Walther prüft die Karosserienummer und verschwindet am Funk zur Halterabfrage. Alles ist harmlos. Der Opel gehört dem Paar. Der Mann hat die Papiere nur verwechselt.

"Unsere gemeinsame Streife ist eine Antwort auf Schengen", erklärt Schöppe. Seit zwei Jahren sind Bundespolizisten und polnische Grenzschützer an der Oder gemeinsam unterwegs. Es ist ein Pilotprojekt. Fünf Jahre ist es her, dass Polen und sieben weitere osteuropäische Staaten dem Schengen-Abkommen beigetreten sind. Der Vertrag regelt den freien Verkehr über die Binnengrenzen der EU hinweg. Seit dem 21. Dezember 2007 gibt es an der Odergrenze keine regulären Personenkontrollen mehr. Was für Reisende, Spediteure und Exporteure ein Segen ist, hat die Arbeit von Polizei, Zoll und Grenzschutz erschwert. Die Kriminalität in der Region hat in vielen Bereichen zugenommen.

"Wir müssen jederzeit flexibel reagieren", betont Schöppe. Die Beamten setzen dabei auf die Schleierfahndung, auch wenn sie lieber von "ereignisunabhängigen Kontrollen" sprechen. Faktisch reicht ein "Verdachtsschleier". Kritiker halten das Verfahren für diskriminierend. Wurde der Warschauer Opel angehalten, weil zwei Südländer das polnische Auto steuerten? "Ich kann unsere Betriebsgeheimnisse nicht verraten", sagt Walther.

Schleierfahndung ist stets eine Gratwanderung - auch für die deutsch-polnischen Teams. Wenn es Probleme bei der Koordination gibt, genügt meist ein Anruf im "GZ", dem Gemeinsamen Zentrum der deutsch-polnischen Polizei- und Zoll zusammenarbeit. Das Zentrum hat seinen Sitz dort, wo die Kontrolleure in der Zeit vor Schengen den Verkehr oft zum Erliegen brachten. Direkt hinter der Oderbrücke laufen die Spuren der Autobahn auseinander. Dazwischen ragen die alten Dienstgebäude des Grenzpostens Swiecko empor. Rund 70 Beamte von deutschen und polnischen Behörden arbeiten auf dieser Straßeninsel wie in einem Niemandsland.

Herzstück des GZ ist die Leitstelle. In diesen Adventstagen schmückt ein Weihnachtsbäumchen den kargen Raum. Auch für Getränke ist gesorgt. "Kawa/Kaffee" oder "Tee/Herbata" steht auf den Kannen, aus denen sich deutsche und polnische Polizisten, Zöllner und Grenzschützer bedienen. An einem langen Tisch voller Monitore und Telefone sitzen sie sich gegenüber und tun vor allem eines: Sie reden miteinander.

"Eine gemeinsame Sprache zu finden, das ist das A und O bei der Kriminalitätsbekämpfung im Grenzgebiet", sagt Ulf Buschmann, der deutsche Dienststellenleiter. Ein Funkgerät knackt, verzerrte Stimmen schallen aus dem Lautsprecher. Irgendwo da draußen an der 442 Kilometer langen Grenze zwischen Ostsee und Lausitzer Neiße beginnt ein Einsatz. "Wir koordinieren das Geschehen", sagt Buschmann und gibt ein Beispiel. "Wenn ein Fluchtfahrzeug auf die Grenze zurast, gefolgt von einer Streife, alarmieren wir sofort die Kollegen auf der anderen Seite der Grenze, damit sie die Verfolgung übernehmen können."

Buschmanns Kollege Andrzej Gilas, der polnische Dienststellenleiter, fasst die Situation in einem Satz zusammen: "Die Freiheit der offenen Grenze stellt deutlich höhere Anforderungen an uns." Buschmann nickt. Dafür seien sich die Menschen in der Region nähergekommen. Ein Zurück zu den Kontrollen der Vor-Schengen-Ära wollen beide nicht. "Darüber diskutieren wir hier nicht", sagt Buschmann und greift zur Kawa/Kaffee-Kanne. Die Arbeit im Zentrum ist ein Stück gelebter Völkerfreundschaft. "Deutsche und polnische Kollegen treffen sich oft privat. Sie treiben zusammen Sport oder trinken abends ein Bier", sagt Gilas und fügt lachend hinzu: "Eine Hochzeit hatten wir bislang nicht, aber das kann ja noch werden."

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