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Geschichte hinter alten Akten : Verbotenes Schlittschuhlaufen zog Schulverweis nach sich

vom
Aus der Redaktion der Zeitung für die Landeshauptstadt

Die Geschichte hinter alten Akten: Weil sich tödliche Unfälle auf dem Eis häuften, griff die Obrigkeit zu drastischen Methoden

Am 8. Januar 1779 meldete die Stadt Bützow einen traurigen Todesfall an die herzogliche Regierung nach Schwerin. Mittags um halb zwölf sei ein Sohn des Kaufmanns Kramer, ein knapp 12-jähriger Junge, beim „Schreitschuhlaufen“ auf den Gewässern bei Bützow verunglückt. Noch am Vormittag war er mit seinem älteren Bruder feierlich in das dortige Pädagogium, eine Eliteschule, aufgenommen worden.

Nach diesem wohl eher trockenen Festakt hatte er sich offensichtlich mit Freunden zum Schlittschuhlaufen an der Warnow verabredet. Dabei war er von der zugefrorenen Wiese zu weit auf den dahinter gelegenen, noch nicht ganz zugefrorenen Fluss gelaufen und eingebrochen. Die zu Hilfe gerufenen Fischer konnten den Jungen erst mehr als zwei Stunden später aus dem Fluss bergen. Die trotzdem noch eingeleiteten Wiederbelebungsmaßnahmen der örtlichen Ärzte blieben erfolglos.

Dieser Vorfall gehörte in eine Reihe weiterer Unglücksfälle vergangener Jahre. Der Rat der Stadt Bützow sah sich jetzt zum Handeln gezwungen. In einer Bekanntmachung wies er sämtliche Hausväter und Hausmütter sowie jedes Handwerks-Amt und Gewerk an, ihren Kindern, Gesellen, Lehrjungen und dem Gesinde das Schlittschuhlaufen unter Strafe zu verbieten. Die Stadt erhielt zudem eine herzogliche Verordnung zur Bekräftigung des Verbots. Die Verordnung sah bei einem Verstoß mit Todesfolge eine sogenannte „unanständige Beerdigung“ des Verunglückten vor. Ein derartiges Begräbnis fand ohne christliche Zeremonien statt, dass heißt ohne alle Gesänge und Prozession. Die damit verbundene Gefährdung des Seelenheils war nach christlicher Vorstellung eine angemessene Strafe. Nicht ohne Grund ging das dem herzoglichen Amt Bützow nicht weit genug. Eine Gefährdung des Seelenheils konnte vielleicht die ältere Bevölkerung schrecken, aber keinesfalls die Kinder und jungen Leute der Stadt und Umgebung.

Wenn im Winter die Eisflächen der Seen und Flüsse lockten, gab es früher wie heute kein Halten mehr. Die Gewässer bei Bützow waren nach Auskunft der herzoglichen Beamten besonders gefährlich. Sie bestünden zum größten Teil aus Flüssen. Durch die starken Strömungen würden diese nie so stark zufrieren wie stehende Gewässer. Selbst durch den Stadtsee fließe ein Strom. Darum sei die Gefahr des Ertrinkens für Schlittschuhläufer um Bützow herum deutlich höher. Das Amt forderte deshalb eine weltliche Strafe, die schon bei Missachtung des Verbots und nicht erst nach einem tödlichen Unfall wirksam wurde, die nur den Toten betraf. Wurden Schüler und Studenten des Pädagogiums und der Universität nun beim Eislaufen erwischt, drohte ihnen beim ersten Mal eine Karzerstrafe, beim zweiten Mal sogar der endgültige Schulverweis. Handwerks- und Lehrburschen sowie Kinder der Einwohner der Stadt bzw. der Amtsfreiheit sollten ohne Berücksichtigung der Stellung ihrer Eltern vom Polizeirichter mit einer Geldstrafe oder sogar mit einer körperlichen Züchtigung bestraft werden.

Die Überwachung des Verbots erfolgte durch den Stadtkommandanten und die Schildwachen an den drei Stadttoren rund um Bützow. Letztere erhielten zur Motivation bei jeder Meldung eines Schlittschuhläufers vier bis acht Schilling. Jedes Jahr vor Beginn der Frostperiode verlas der Pastor einige Sonntage hintereinander öffentlich von der Kanzel das Verbot aufs Neue. Eine dauerhafte Wirkung mag trotz der Strafverschärfung angezweifelt werden. Für viele wirkte es vielleicht dennoch abschreckend. Eine weitere Häufung derartiger Unglücksfälle bei Bützow ist in den Akten jedenfalls nicht mehr überliefert.
 

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