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Ostseebäder : Usedom will Badewanne Berlins sein

vom
Aus der Redaktion der Zeitung für die Landeshauptstadt

Bis 1945 rollten Züge aus Richtung Berlin über die Karniner Brücke bis nach Swinemünde.

von
erstellt am 04.Jan.2015 | 13:50 Uhr

Der Kontrast könnte nicht größer sein: Ein riesiger Koloss aus Stahl trotzt im Wasser zwischen der Insel Usedom und dem sanften vorpommerschen Festland. Bis 1945 rollten Züge aus Richtung Berlin über die Karniner Brücke bis nach Swinemünde. Kurz vor Kriegsende sprengte die Wehrmacht die Verbindung. Die Ostseeinsel verlor ihren „Bypass“ zur Hauptstadt. Das Hubteil, Herzstück der Brücke, ist noch als technisches Denkmal erhalten. Knapp zwei Stunden würde eine Bahnfahrt nach Usedom, der „Badewanne“ Berlins, über diese Strecke heute dauern. Bislang sind es mit dem Zug und einmal Umsteigen heute fast vier Stunden. Viele nutzen deshalb gleich das Auto. Politiker und Touristiker machen sich dafür stark, dass die Bahnstrecke revitalisiert und 2015 in den Bundesverkehrswegeplan aufgenommen wird. Damit würde Usedom wieder an das Eisenbahnfernverkehrsnetz angeschlossen werden, sagt Günther Jikeli vom Aktionsbündnis „Karniner Brücke“. Bislang verkehrt nur die Regionalbahn UBB auf und von der Insel. Rund 14 000 Unterschriften wurden bislang vom Aktionsbündnis für den Wiederaufbau gesammelt. Auch hat das Land das Vorhaben für den Bundesverkehrswegeplan 2015 angemeldet. Doch unklar ist, ob die 35 Kilometer lange Strecke nach Usedom - ein Abzweig der Linie Stralsund-Berlin - in die Bundesplanung aufgenommen wird. In der Konzeption 2030 der Deutschen Bahn, in der das Zugunternehmen Engpässe auf bestehenden Strecken benennt, ist die Bahnverbindung Ducherow-Heringsdorf nicht enthalten. Da die Bahnstrecke eine Neubaustrecke sein würde, gebe es kein Kapazitätsproblem, sagt Joachim Trettin, Chef der DB Regio Nordost. Verkehrsplanerisch sei die Wiederbelebung der Strecke aber durchaus interessant. „Berlin ist eine prosperierende Stadt mit 3,5 Millionen Einwohnern und die wollen an die See.“ Mit einer Stunde und 59 Minuten Fahrzeit wäre der Berliner schneller auf Usedom als in Rostock mit 2 Stunden und 20 Minuten Fahrzeit. „Eine attraktive und eine echte Konkurrenz“, sagt Trettin. Die Revitalisierung der Strecke würde nach Bahnschätzungen 100 Millionen Euro kosten.

Entscheiden muss letztendlich der Bund, ob er das Projekt als wichtiges Verkehrsprojekt der kommenden Jahren bewertet. Die Bundestagsabgeordneten aus MV sind da unterschiedlicher Auffassung.  Unterstützung kommt von der SPD-Bundestagsabgeordneten Sonja Steffen. Neben der Stärkung des Tourismus hätte dies positive Effekte auf den regionalen Arbeitsmarkt. „Das Projekt würde insgesamt zur Wertschöpfung auf Usedom beitragen.“ Der Bundestagsabgeordnete Matthias Lietz (CDU) sieht die Pläne eher skeptisch. „Das ist kein Projekt der nächsten Jahre.“ Andere Bahnprojekte wie der Streckenausbau Lübeck-Schwerin oder der Ausbau der Strecke Stralsund-Pasewalk-Berlin von 120 auf 160 km/h müssten Vorrang haben. Auch in Polen sieht Lietz schwindende Unterstützung. In der Wojewodschaft Pommern werde der Ausbau der Strecke Stettin-Angermünde-Berlin favorisiert. Eine Studie im Auftrag des Bundesverkehrsministeriums zur Wirtschaftlichkeit eines Wiederaufbaus der Strecke Ducherow-Swinemünde von 2008 ergab einen Nutzen-Kosten-Faktor von 0,73. Die Strecke galt damals als unwirtschaftlich. Nun liegt ein neues Gutachten von Verkehrsplanern vor, das der Strecke ein deutlich besseres Nutzen-Kosten-Verhältnis von 2,5 bescheinigt. Vor allem rechnen die Autoren und das Aktionsbündnis mit mehr Fahrgästen: 1,89 Millionen statt bislang 400 000. Bei einer Charme-Offensive des Aktionsbündnisses in Berlin habe ein Mitarbeiter des Bundesverkehrsministeriums eine Neu-Bewertung zugesagt. Das größte Hindernis bislang sei die Allmacht der Zahlen, sagt der Usedomer Bahn-Enthusiast Jikeli. Ökologische und soziale Argumente würden ausgeblendet. Die Arbeitsagentur Greifswald sieht durch das Bauvorhaben erhebliche positive Effekte. „Durch die Bahnbrücke werden Ortschaften mit hoher Arbeitslosigkeit an die Tourismusregion Usedom angebunden, in der eine hohe Zahl von Arbeits- und Ausbildungsstellen als zu besetzen gemeldet ist“, heißt es in ihrer Studie. Als europäisches Bahnprojekt zwischen Deutschland und dem polnischen Swinemünde könnten zwei Drittel der Kosten aus EU-Mitteln gefördert werden, argumentiert Jikeli.

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