50-Jähriger lebt mit gefälschter Identität in Mecklenburg : US-Straftäter steht als Fälscher vor Gericht

Sieben Monate nach seiner Festnahme muss sich ein 50-jähriger Mann, für den die USA die Auslieferung verlangen, in Neustrelitz vor Gericht verantworten. Dem Beschuldigten wird mehrfache Urkundenfälschung vorgeworfen.

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04. Juni 2012, 10:04 Uhr

Neustrelitz/Rostock | Sieben Monate nach seiner Festnahme muss sich ein 50-jähriger Mann, für den die USA die Auslieferung verlangen, in Neustrelitz vor Gericht verantworten. "Dem Beschuldigten wird mehrfache Urkundenfälschung über Jahre hinweg vorgeworfen", sagte gestern ein Sprecher des Amtsgerichtes Neustrelitz. Der Mann, der Deutscher sein soll, habe sich mit der Geburtsurkunde seines Bruders eine neue Identität verschafft. Damit lebte er zehn Jahre in dem Ort Useriner Mühle bei Neustrelitz. Spezialisten des Landeskriminalamtes hatten ihn 2011 aufgespürt. Heute beginnt der Prozess. Bei Urkundenfälschungen drohen bis zu fünf Jahre Freiheitsstrafe.

Hintergrund der bizarren Geschichte ist ein Prozess gegen den Tatverdächtigen aus dem Jahr 2001 im US-Bundesstaat Arizona. Ihm wird vorgeworfen, seine inzwischen 29 Jahre alte Tochter als Minderjährige über Jahre sexuell missbraucht zu haben. Während der Ermittlungen sei er nach Deutschland geflohen, sagte ein Sprecher der Staatsanwaltschaft. In den USA wurde er in Abwesenheit schuldig gesprochen.

Die ganze Geschichte ist für den Useriner Bürgermeister Axel Malonek (parteilos) immer noch rätselhaft. Der Beschuldigte wohnte seit 2001 in der idyllischen Useriner Mühle, wo etwa 50 Einwohner leben. Der Vater des mutmaßlichen Straftäters soll über sein Firmenkonsortium mit Sitz auf der Karibik-Insel Aruba das große Grundstück mit der verfallenen, aber denkmalgeschützten Wassermühle in den 1990er-Jahren erworben haben. "Keiner weiß, woher das Geld dafür stammt und von welchem Geld die Familie hier lebte", sagte Malonek, der den Prozess verfolgen will.

Ab 2009 hatte der Beschuldigte an der Useriner Mühle, an der in der Saison viele Nationalpark-Besucher per Rad vorbeikommen, ein mexikanisch-amerikanisches Lokal betrieben. Nach Berichten über sein Restaurant wurde die in den USA lebende Tochter über das Internet darauf aufmerksam. Die deutschen Ermittler nahmen den Gesuchten im Oktober fest. Seitdem prüft die Generalstaatsanwaltschaft in Rostock, ob eine Auslieferung infrage kommt. "Der Fall ist sehr kompliziert und noch nicht entschieden", sagte ein Sprecher in Rostock. Wenn der Mann deutscher Staatsbürger sei, gebe es keinen Auslieferungszwang.

Mit der Geburtsurkunde des Bruders

So wurde der Beschuldigte im kanadischen Toronto geboren und soll dann als Deutscher mit Familie jahrelang in den USA gelebt haben, bis er im Jahr 2000 geflohen sei. In der Abgeschiedenheit der Mecklenburgischen Seenplatte gab er sich den Ermittlungen zufolge als sein zehn Jahre jüngerer Bruder aus. Mit dessen Identität täuschte er laut Anklage alle möglichen Behörden: Er erwarb eine Gaststättenerlaubnis, einen Ausweis für die Sozialversicherung, einen Reisepass, verschaffte sich ein Auto samt Zulassung und eröffnete Bankkonten.

"Wie das alles ging, ist mir schleierhaft", sagte der Bürgermeister. Das Dorf selbst habe mit der Mühle wenig Berührungspunkte, zumal alle Grundstücksgeschäfte über den Vater des Mannes liefen. "Wir sind nur daran interessiert, dass die Badestelle am See öffentlich bleibt", erklärte Malonek. Er wisse bis heute nicht, ob es den Bruder wirklich gebe.

Am Standort der "Mustang-Bar" haben Einheimische heute einen neuen Imbiss eröffnet. An ihren Vorgänger wollen sie lieber nicht erinnert werden. Nachbarn berichten, dass der Beschuldigte über Jahre hinweg die Maschinen und selbst das Wasserrad der Mühle ausgebaut und zu Geld gemacht haben soll. "Ich habe mich schon immer gewundert, dass der Mann verschwand, wenn die Bäderpolizei auftauchte und nach dem Rechten sah", erzählt ein Nachbar. Vor Gericht will sich der Beschuldigte dem Vernehmen nach von drei Anwälten vertreten.

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