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Mecklenburg-Vorpommern

20. November 2017 | 20:25 Uhr

Tarnewitzer Hof : Urlaub vom Vergessen

vom
Aus der Redaktion der Zeitung für die Landeshauptstadt

„Betreuter Urlaub“ für Demenzkranke und ihre Angehörigen

svz.de von
erstellt am 04.Aug.2014 | 12:00 Uhr

„Die dümmsten Bauern haben die…?“ „…die größten Bauern?“, ertönt eine zaghafte Stimme. „…die größten Kartoffeln. Die dümmsten Bauern haben die größten Kartoffeln“, setzt eine andere Stimme kräftiger ein. Günter Terne lächelt dazu nur still. In seinem Rollstuhl sitzt er mit anderen Demenzkranken in der Beschäftigungsrunde auf dem „Tarnewitzer Hof“ im gleichnamigen Boltenhagener Ortsteil. Und auch wenn er nichts sagt, so wirkt der Leipziger doch rundum zufrieden.

Auch seine Frau Helga ist es in diesen Tagen. Denn sie hat endlich Urlaub. Urlaub von der Pflege, von Rufbereitschaft an 365 Tagen im Jahr – Urlaub vom Vergessen. Schon seit mehr als 25 Jahren betreut die 66-Jährige ihren Mann, der sich damals nicht mehr von den Folgen einer Gehirnentzündung erholte. Vor einigen Jahren kam auch noch eine Demenz dazu.

Zwar wird Günter Terne seit einiger Zeit in einer Tagespflegeeinrichtung betreut. Doch in den übrigen Stunden des Tages ist seine Frau mit ihm allein – und lebt ständig unter Hochspannung. Sinnvolle Gespräche sind schon lange nicht mehr möglich, erzählt sie. Auch zusammen fernzusehen geht nicht mehr – „nicht mal Fußball“.

Da habe sie es besser, betont Renate Wolter. Erst vor kurzem habe sie mit ihrem Mann zu Hause in Leipzig ein vierstündiges Konzert besucht. Das Ehepaar hat sogar noch Theaterabonnement – trotzdem auch bei Heinz Wolter die Demenz immer weiter voranschreitet.

Die beiden Frauen kennen sich aus einer Selbsthilfegruppe für Angehörige Demenzkranker in Leipzig. Ihre Männer kennen sich – theoretisch – auch, denn sie besuchen die gleiche Tagespflege. In der Selbsthilfegruppe sei diese Einrichtung empfohlen worden, erzählt Renate Wolter. Und in der Gruppe hätte im vergangenen Jahr auch jemand ein Video vom „Betreuten Urlaub“ an der Ostseeküste gezeigt. Beide Frauen fanden daran Gefallen und meldeten sich und ihre Männer noch für den Herbst für eine erste Reise in den Norden an. Inzwischen sind sie, wie sehr viele andere Gäste auch, Wiederholungstäter.


Eine Marktlücke erkannt und ausgefüllt


1998 habe sie zum ersten Mal eine Gruppe Demenzkranker und Angehöriger zu Gast gehabt, erinnert sich die Geschäftsführerin des „Tarnewitzer Hofes“, Christiane Kühnemann-Springmann. Die Alzheimer-Gesellschaft Nordrhein-Westfalen hätte damals eine Unterkunft für eine Gruppenreise gesucht. Wie sich schnell herausstellte, war das eine Marktlücke. „Im Jahr 2000 haben wir deshalb ganz gezielt ein barrierefreies Gästehaus mit einem großen Saal neu gebaut“, erinnert sich die Chefin.

Seitdem würde an durchschnittlich 90 Tagen im Jahr „Betreuter Urlaub“ angeboten – in der Vor- und Nachsaison, parallel zum „normalen“ Urlaubergeschäft. Die anderen Gäste würden sich daran nicht stören, so Christiane Kühnemann-Springmann. Anfangs habe sie noch zwei getrennte Büfetts aufbauen lassen. Doch als es irgendwann einmal einen personellen Engpass gab, wurde daraus ein einziges – und weil sie sofort allseits akzeptiert war, wurde aus der Notlösung der Regelfall.

„Betreuter Urlaub“, das heißt in erster Linie Betreuung für die Demenzkranken. Pro Schicht – früh und nachmittags – stünden nur dafür sieben in Teilzeit beschäftigte Mitarbeiter zur Verfügung. „Aber auch das übrige Team ist auf die besonderen Gäste eingestellt und eigens für den Umgang mit Demenzkranken geschult“, betont Christiane Kühnemann-Springmann. Je nach Wunsch der Angehörigen könne schon die Morgenhygiene von einem Betreuer übernommen werden, dann folgten – abhängig von Mobilität und Krankheitsstadium – über den Tag verteilt verschiedene Freizeitaktivitäten. „Mit den demenzkranken Gästen, die noch gut zu Fuß sind, fahren wir zum Beispiel auch an die Ostsee“, erzählt Kühnemann-Springmann.

Die Mahlzeiten nehmen die Paare gemeinsam ein, ansonsten können beide Partner bis zum Abend getrennte Wege gehen, wenn sie es wollen. Die gesunden Partner können sich mit Kosmetik- und Wellnessanwendungen verwöhnen lassen, beim Wandern und am Strand entspannen oder Ausflüge in die Umgebung unternehmen. „Dabei arbeiten wir mit Unternehmen aus dem Ort zusammen“, hebt Christiane Kühnemann-Springmann hervor. Daneben gibt es auch „gemischte“ Angebote für die Gäste-Paare – Bootstouren und die Tanzabende, die mehrmals pro Durchgang auf dem Programm stehen, gehören zu den beliebtesten.

Bis zu 25 Paare könnten pro Durchgang aufgenommen werden. „Die Nachfrage ist inzwischen so groß, dass wir 30 bis 40 Prozent der Interessenten absagen oder zumindest auf einen späteren Termin vertrösten müssen“, erzählt Christiane Kühnemann-Springmann.


Deutschlandweit gibt es nur wenige Alternativen


Das Angebot ist so gefragt, weil es deutschlandweit nur ganz wenige Alternativen gibt. Und es ist so attraktiv, weil die Kosten für die Betreuung der Demenzkranken auf Antrag von der Pflegekasse als „Verhinderungspflege“ erstattet werden können.

Das wissen auch Helga und Wilfrid Berger aus Dresden zu schätzen, die in diesem Sommer bereits zum vierten Mal in Tarnewitz „Betreuten Urlaub“ machen. „Früher sind wir zusammen in den Urlaub gefahren, und das ist uns auch jetzt wichtig“, erklärt Helga Berger. In Tarnewitz fühle sie sich aufgefangen: „Man kommt hier an, und sofort sind all die dienstbaren Geister da – man braucht sich um nichts mehr zu kümmern“, lobt sie. Dass die Gespräche mit den anderen Frauen sich viel – aber längst nicht immer – um die Krankheit(en) der Männer drehen, stört sie nicht – im Gegenteil: „So kann ich eher abschätzen, was noch auf mich zukommen könnte. Ja, und angesichts mancher Geschichte, die ich hier höre, sage ich mir auch: Wir haben es doch gut…“

 

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