Rügen : Urlaub machen im Koloss von Prora

Bauten des Block 2 der KdF-Seebad Prora Anlage im Ostseebad Binz auf der Insel Rügen dpa
Bauten des Block 2 der KdF-Seebad Prora Anlage im Ostseebad Binz auf der Insel Rügen dpa

Die Nazis planten in Prora auf Rügen einst ein 4,5 Kilometer langes "Seebad der 20 000" für einen billigen Massen- urlaub. Nach dem Verkauf der Anlage durch den Bund entstehen jetzt die ersten Ferienwohnungen.

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21. September 2012, 06:08 Uhr

Binz/Prora | In der als "Seebad der 20 000" geplanten früheren Nazi-Immobilie Prora auf Rügen entstehen jetzt die ersten Ferien- und Eigentumswohnungen. Über Kilometer ziehen sich die Bauten am Strand entlang, zu einem Großteil bis heute ungenutzt. Sechs Jahre nach dem Verkauf des Blocks 2 durch den Bund hat dort nun der Umbau begonnen. "Wir haben eine vernünftige Konstellation gefunden, um das Projekt jetzt zügig umsetzen zu können", meint der bisherige Eigentümer Ulrich Busch, Sohn des Arbeiterliedersängers Ernst Busch (1900-1980).

Drei der insgesamt zehn Aufgänge in dem allein 450 Meter langen Block seien im Sommer an Investoren aus Berlin und Binz weiterverkauft worden, sagte Busch. Der Baubeginn hatte sich immer wieder verzögert, zunächst wegen offener Fragen im Denkmalschutz, später wegen der fehlenden Finanzierung. Wie Busch weiter sagte, ist mit der jetzigen Konstellation sichergestellt, dass das gesamte Bauvorhaben in anderthalb Jahren umgesetzt werden kann.

Busch will eigenen Angaben zufolge im Oktober zwei weitere Aufgänge verkaufen, um dann die restlichen fünf Aufgänge der Immobilie in Eigenregie sanieren und vermarkten zu können. Über den Verkaufspreis machte er keine Angaben. Busch hatte die Blöcke 1 und 2 im Jahr 2006 für 455 000 Euro vom Bund gekauft, sich wenige Jahre später aber wieder von Block 1 getrennt.

In den nun in Angriff genommenen drei Aufgängen von Block 2 sollen jeweils zwischen 31 und 33 Wohnungen entstehen. Der erste Aufgang soll nach Angaben der Berliner Bering Consulting GmbH im Juni 2013 komplett übergeben werden. Die Einhaltung der denkmalpflegerischen Vorgaben sei gewährleistet, hieß es.

Der zwischen 1936 und 1939 errichtete "Koloss von Prora" sollte ursprünglich eine große Ferienanlage der Nationalsozialisten werden.

Der 4,5 Kilometer lange Komplex ging nach Kriegsausbruch jedoch als "Seebad der 20 000" nicht in Betrieb. Nach Ende des Zweiten Weltkrieges wurde das Areal militärisch genutzt. Im Jahr 2004 hatte der Bund mit dem Verkauf der fünf noch weitgehend intakten Blöcke begonnen und dafür 3,45 Millionen Euro erhalten. Historiker hatten den Bund damals kritisiert, sich mit dem Verkauf aus der historischen Verantwortung stehlen zu wollen. Sie befürchteten zudem, dass sich rechte Gruppierungen in den Bau einkaufen könnten.

Um dies zu verhindern, hatte der Bund in Verkaufsverträgen eine Klausel eingebaut, in der die Käufer erklärten, weder der rechtsextremistischen Szene anzugehören, noch für diese den Kauf zu tätigen. Diese Klausel sei auch in die Verträge mit den neuen Erwerbern der Aufgänge eingegangen und werde auch an die Eigentümer der Wohnungen weitergegeben, versicherte Busch.

Prora ist Ortsteil des größten Rügener Ostseebades Binz. Dort regt sich inzwischen Widerstand gegen den ungezügelten Bau weiterer Ferienwohnungen. Ein Bebauungsplan im Ortskern von Binz wurde vor einer Woche in der Gemeindevertretung gestoppt. "Es ist ein erstes Zeichen", sagte Bürgermeister Karsten Schneider.

Allein in Prora dürfen laut Bebauungsplan Ferienunterkünfte mit rund 3000 Betten entstehen. In Block 5 öffnete 2011 eine Jugendherberge mit 400 Plätzen. In Block 1 und 2 sind zwei Hotels mit je 300 Betten sowie je 200 Eigentumswohnungen vorgesehen. Der Block 1 ging im Frühjahr für 2,75 Millionen Euro an eine Berliner Immobilienfirma.

Gemeindechef Schneider sieht den in Prora begonnenen Umbau zu Eigentumswohnungen zwiespältig. Nach 20 Jahren Stillstand passiere zwar endlich etwas, sagte er. Doch eigentlich brauche niemand in Binz weitere Ferienbetten. Schneider spricht von politischen Fehlentscheidungen. "Man hätte vor 20 Jahren den Mut aufbringen sollen, Prora bis auf wenige Bereiche abzureißen. Jetzt ist es zu spät", beklagt er. Unklar bleibt die Zukunft des Dokumentationszentrums der "Stiftung Neue Kultur" in Prora , das in seiner Ausstellung "MachtUrlaub" über die NS-Sozialgeschichte informiert. Die Mietverträge werden nur jahrweise verlängert. Im Oktober 2011 musste sich sogar der Petitionsausschuss des Bundestages einschalten, um eine Vertragsverlängerung mit dem Eigentümer des Blockes zu erwirken.

Die Blöcke in neun Daten

Insgesamt sollten für das von den Nationalsozialisten geplanten Kraft-durch-Freude-Seebad acht jeweils etwa 500 Meter lange Wohnblöcke entstehen.

  • Bis Ende der Bauarbeiten 1939 wurden sieben Blöcke errichtet.
  • Zeitweise waren bis zu 9000 Bauarbeiter im Einsatz.
  • Nach Kriegsende wurde Block 7 zum Teil gesprengt.
  • Block 6 ging - obwohl teilweise Ruine - 2004 in einer Auktion für über 600000 Euro an einen unbekannten Bieter, der bislang aber keine Bau- oder Nutzungsaktivitäten erkennen ließ.
  • In einem Teilabschnitt von Block 5 wurde im Juni 2011 für 16,4 Millionen Euro eine Jugendherberge mit 96 Zimmern und rund 400 Betten eröffnet.
  • Die Zukunft des im Oktober 2011 an einen namentlich nicht genannten Käufer veräußerten Blocks 4 ist unklar.
  • 2004 ging Block 3 an die Inselbogen GmbH, die den Mietern kündigte und ansässige Museen schließen ließ, weil der Block zu einem Sport- und Hotelkomplex umgebaut werden soll.
  • Die Blöcke 1 und 2 wurden 2006 vom Bund an eine Prora Projektentwicklungs GmbH veräußert, die für 100 Millionen Euro 400 altersgerechte Wohnungen, ein Hotel mit 400 Betten sowie gastronomische und kulturelle Einrichtungen schaffen möchte.

  • Der Investor von Block 1 stieg inzwischen aus dem Projekt aus.

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