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Freizeitangebote für Demenzkranke : Unvergessener Tango

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Carmen nimmt Tangohaltung an, die Hand auf Peters Schulter. Der 69-Jährige dirigiert seine Ehefrau sanft übers Parkett. Dass Carmen an fortgeschrittener Demenz leidet, ist beim Tanzen nicht auszumachen.

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erstellt am 04.Apr.2013 | 07:59 Uhr

Schwerin | Rücken gerade, Ellbogen hoch. Carmen nimmt Tangohaltung an, die Hand auf Peters Schulter. Eins - zwei - Wiegeschritt. Der 69-Jährige dirigiert seine drei Jahre ältere Ehefrau und Tanzpartnerin souverän und sanft übers Parkett. Dass Carmen an fortgeschrittener Demenz leidet, ist beim Tanzen, ihrer beider Leidenschaft seit Kindertagen, nicht auszumachen. Die Schritte sitzen, der Körper nimmt den Rhythmus auf. Carmen lächelt. Auch Peter tun die regelmäßigen Besuche im Demenz-Tanzcafé in Schwerin gut. Er pflegt sein "Carmchen" zu Hause, ganz ohne Hilfe bisher, und beim Tangotanzen fühlt es sich ein bisschen an wie früher - auch wenn Carmen morgen alles vergessen haben wird.

Dass Musik und Bewegung Demenzpatienten gut tun, weiß die Wissenschaft seit Langem. Die Praxis hinkt allerdings noch hinter den Erkenntnissen her. Angebote sind bislang dünn gesät, im ländlichen Raum noch dünner. Tanzcafés für Demenzpatienten und ihre Angehörigen etwa gibt es bislang im Nordosten nur in Rostock und Schwerin. "Jeden Monat kommen in Rostock bis zu 120 Gäste", sagt Jürgen Kantak von der Alzheimer-Gesellschaft Mecklenburg-Vorpommern. Das Restaurant ist dann rappelvoll.

Mecklenburg-Vorpommern hat die Bevölkerung mit dem bundesweit höchsten Altersdurchschnitt. Hochrechnungen zufolge leiden etwa 30 000 der 1,6 Millionen Einwohner an Demenz, wie Stefan Teipel vom Deutschen Zentrum für Neurodegenerative Erkrankungen in der Helmholtz-Gesellschaft (DZNE) sagt. Bundesweit sollen es 1,4 Millionen sein. Die Zahlen werden mit der steigenden Lebenserwartung voraussichtlich zunehmen. Für Mecklenburg-Vorpommern ist bis zum Jahr 2030 ein Plus von 55 Prozent prognostiziert, sagt Teipel.

In Mecklenburg-Vorpommern werde derzeit am Aufbau eines flächendeckenden Schulungsnetzes für pflegende Angehörige gearbeitet, sagt der Rostocker Professor. Ab Ende 2013 sollen Gruppenleiter geschult werden. In den Gruppen können sich die Angehörigen austauschen und Tipps für ihren oft schwierigen Alltag mitnehmen. Für viele sei es jedoch ein Problem, in dieser Zeit ihre dementen Angehörigen betreut zu wissen.

Ehrenamtliche Initiativen sind gefragt. In Schwerin etwa offeriert das "Zentrum Demenz" Betreuungsdienste. Ehrenamtliche Helfer gehen in die Familien, lesen dem Patienten vor oder gehen mit ihm spazieren, erzählt Zentrumsleiterin Ute Greve. "Wir schauen, was die Angehörigen brauchen." Es dauerte einige Jahre, bis sich die Angebote des professionell geführten Zentrums, das auch das Tanzcafé organisiert, herumgesprochen hatten.

Pflegende Angehörige von Demenzkranken sind in der Regel selbst schon älter. "Sie fordern Leistungen und Angebote für sich nicht offensiv ein", sagt Professor Teipel. So nehme nur rund die Hälfte der Demenzpatienten Leistungen aus der Pflegekasse in Anspruch, als die Zahl und Art der Diagnosen erwarten ließen. Dabei sei klar: "Dem Patienten geht es nur so gut, wie es dem Pflegenden geht."

Bundesweit gibt es viele Ideen, Demenzpatienten und ihren Angehörigen das Leben angenehmer und abwechslungsreicher zu machen.

Überall braucht es dafür ehrenamtlich Engagierte. In Baden-Württemberg etwa werden Radtouren für Demente organisiert, die alleine nicht mehr nach Hause finden würden. Im Ruhrgebiet bieten Sportvereine spezielle Gruppen für diese Patienten an. Viele Menschen mit leichter Demenz zögen sich zwar aus ihrem sozialen Umfeld, auch aus ihren Vereinen, zurück, wollten aber weiter aktiv sein, heißt es zur Begründung.

Peter in Schwerin geht deshalb mit seiner kranken Frau Carmen nicht nur zum Demenz-Tanzcafé, sondern auch zum herkömmlichen Seniorentanz. Die Leidenschaft ist stärker als die Krankheit.

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