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Forschungstreffen in Rostock : Unterwegs in der Klimaküche der Erde

vom
Aus der Redaktion der Zeitung für die Landeshauptstadt

Deutschlands Polarforscher treffen sich ab heute in Rostock, um über künftige Projekte in der Arktis zu diskutieren. Prof. Ulf Karsten geht 2017 auf Expedition

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erstellt am 14.Sep.2016 | 12:00 Uhr

Stille. Die Luft ist glasklar. Obwohl der Zeiger auf der Uhr bereits auf der Zwei liegt, ist es hell draußen. Vor zwei Stunden ist die Sonne untergegangen, spiegelte sich Orange-rot in dem verbliebenen Schnee. Sommer in Spitzbergen – Abenteuer Arktis. Prof. Dr. Ulf Karsten und sein Team sind in den Abendstunden zu einer Gletscher-Überquerung aufgebrochen. „In den Sommermonaten bleibt es hell, in den Wintermonaten dunkel. Dann spenden Mond und Sterne ein Dämmerlicht“, erzählt der Biowissenschaftler von der Universität Rostock. Geröll erschwert das Vorankommen, zerrt an den Kräften, fordert die Konzentration. Die Wissenschaftler wollen Proben von Bio-Krusten entnehmen, die „Haut der Erde“ untersuchen.

Ulf Karsten nahm in der Vergangenheit an Expeditionen in die tropischen Mangrovengebiete Mexikos, Australiens und der Okinawa-Inseln sowie in die arktischen Gewässer Spitzbergens teil. Zehn Mal war er mittlerweile auf der norwegischen Inselgruppe im Nordatlantik und Arktischen Ozean, zuletzt im Jahr 2014. „2017 wollen wir erneut zu einer Expedition starten.“ Das Projekt sei bereits bewilligt worden. Wieder sollen Bio-Krusten untersucht werden. „Sie kommen überall dort vor, wo keine höheren Pflanzen wachsen, vornehmlich in Trockengebieten und dort, wo sich die Gletscher zurückziehen“, erklärt der Professor für Angewandte Ökologie. Sie seien vergleichbar mit einem dünnen Teppich, der die Austrocknung des Bodens verhindert, der sogar zur Bodenbildung beiträgt und die Bodenfruchtbarkeit erhöht.

Ulf Karsten ist einer von rund 90 Polarforschern, die ab heute zu einem Netzwerktreffen in Rostock zusammenkommen, um über neue Ideen und die Ergebnisse laufender Forschungsprojekte zu diskutieren. Seit 1981 gibt es in Deutschland eine koordinierte Förderung der Antarktisforschung durch die Deutsche Forschungsgemeinschaft (DFG). Wissenschaftler haben die Möglichkeit dort die Finanzierung für ihre Vorhaben zu erwirken. Einmal im Jahr können Anträge eingereicht werden. Seit 2014 koordiniert Karsten das Schwerpunktprogramm zur Antarktisforschung. Hauptproblem vieler Forscher sei die Logistik: „Wie komme ich ins Polargebiet?“ Wer eine Expedition mit der „Polarstern“ plane, müsse sich mindestens zwei Jahre vorher bewerben. Erst in diesem Jahr hat das Bundesforschungsministerium die Ausschreibung für den Neubau eines eisbrechenden Polarforschungs- und Versorgungsschiffs bekannt gegeben. Die „Polarstern II“ soll 2020 der Wissenschaft übergeben werden. Der Baustart ist für kommendes Jahr geplant.

„Wer sich nach Spitzbergen aufmacht, benötigt außerdem eine Schießausbildung wegen der Eisbären“, erklärt Karsten. Bisher hätte er seine Waffe noch nicht gebraucht, scharf gestellt sei sie aber bereits gewesen. Die Polargebiete gelten als Klimaküche der Erde. „Wir fragen uns, wer die Gewinner und wer die Verlierer des Klimawandels sind“, sagt Karsten. Weil sich die Vegetation in Teilen der Polarregionen stark verändert, gäbe es beispielsweise in Südgrönland Überlegungen mit dem Ackerbau zu beginnen. „Dort wird es womöglich in 100 Jahren so aussehen wie heute in Nordskandinavien“, verdeutlicht Karsten. „Verlierer sind die angestammten Organismen, also die Eisbären, deren Lebensraum verschwindet.“ Immer wieder beobachten die Forscher abgemagerte Eisbären. „Normalerweise leben sie auf Packeis und jagen Robben. Wenn es kein Packeis mehr gibt, gehen sie dahin, wo die Menschen leben. Sie gehen an Müllhalden oder fressen das Gelege bodenbrütender Vögel wie der Seeschwalbe.“ Die Konsequenzen werden nicht lange auf sich warten lassen, prophezeit Karsten.

In der Arktis seien Veränderungen besonders schnell spürbar. „Schon auf kleinen Zeitskalen konnten wir wahrnehmen, dass das Wetter milder und das Wasser wärmer wird, dass es mehr Regen gibt als Schnee, dass die Gletscher zurückgehen, die Erosionen an der Küste zunehmen, mehr Süßwasser einströmt. Auch der Fjord, an dem wir arbeiten, friert schon länger nicht mehr zu“, zählt der Biologe auf.

Prof. Ulf Karsten ist ein Fan der Arktis. „Ich habe gerne in den Tropen gearbeitet, aber die Unberührtheit der Arktis, die Natur, das Eis, die Weite, die Luft, sind nicht zu übertreffen.“ Faszinierend, aber nicht immer ganz ungefährlich seien die Wetterumschwünge. Von einem Moment auf den anderen können sich die Bedingungen ändern: „Wenn ein Sturm aufzieht oder man gerade auf dem Wasser arbeitet und Eis in den Fjord getrieben wird“, beschreibt Karsten. Acht Wochen – so lange bleib der Rostocker bei einer Expedition am längsten in Spitzbergen. Die Wissenschaftler stehen in dieser Zeit immer in Kontakt mit der Forschungsbasis in Ny-Ålesund, die vom Alfred-Wegener-Institut, dem Helmholtz-Zentrum für Polar- und Meeresforschung und dem französischen Polarforschungsinstitut gemeinsam betrieben wird. Dort können sie während des Forschungsprozesses leben und auch arbeiten. Herzstück ist das Atmosphären-Observatorium, das der Beobachtung der Atmosphäre vom Boden bis in die Stratosphäre dient. Dabei wird unter anderem die Konzentration von Ozon gemessen.

In Mecklenburg-Vorpommern wird Polarforschung lediglich von einzelnen Wissenschaftlern betrieben. Bei Ulf Karsten ist die Arktis ein wichtiger Bestandteil von Vorlesungen und Seminaren – sowohl im Bachelor als auch im Master.

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