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Mathe im Neubrandenburger Bonhoeffer-Klinikum : Unterricht am Krankenbett

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Behutsam führt die Krankenhauslehrerin den Erstklässler von Aufgabe zu Aufgabe. Erst Deutsch, dann Mathe. Zehn Stunden pro Woche kommt Dagmar Nelle auf die Kinderstation und kümmert sich um die Erst- bis Neuntklässler.

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erstellt am 04.Feb.2013 | 10:34 Uhr

Neubrandenburg | Auf dem Nachttisch steht eine "Urkunde für Tapferkeit". Am Fußende des Bettes ist eine ganze Flotte von Traktoren und anderen landwirtschaftlichen Geräten aufgereiht. Am Tisch sitzt Hanno, dem das alles gehört. Die flexible Kanüle in seinem Arm scheint der Sechsjährige gar nicht zu bemerken. Lautlos bewegt er die Lippen, während er mit dem Finger unter dem Wort mit der Lücke in der Mitte entlangfährt. "Na Hanno, wie hast du dich entschieden: B oder P?" fragt Dagmar Nelle. "Wenn du es nicht genau weißt, dann lautiere noch einmal."

Behutsam führt die Krankenhauslehrerin den Erstklässler von Aufgabe zu Aufgabe. Erst Deutsch, dann kommt ein Mathe-Arbeitsblatt an die Reihe. Die halbe Stunde vergeht wie im Fluge. "Die restlichen Aufgaben löst du heute Nachmittag zusammen mit Oma, ja?", bittet Dagmar Nelle, während sie den Stapel mit ihren Arbeitsmaterialien aus dem Krankenzimmer auf der Kinderstation im Dietrich-Bonhoeffer-Klinikum trägt.

Vor Hanno hat sie an diesem Tag auf derselben Station schon einen 15-jährigen Förderschüler unterrichtet. Nun geht es eine Treppe höher in die Kinderchirurgie, wo der Zufall drei Mädchen in einem Zimmer zusammengeführt hat, die alle in die achte Klasse gehen. "Hast du alles gut überstanden?", begrüßt die Lehrerin die erste von ihnen. "Sie ist gestern operiert worden, ganz kurz nachdem ich hier war. Da haben wir kaum Unterricht gemacht, sondern stattdessen über ihre Ängste gesprochen", erklärt sie. Das komme gar nicht so selten vor. "Die Krankheit hat hier in jedem Fall Vorrang. Wenn es einem Kind nicht so gut geht, dann machen wir auch keinen Unterricht", erzählt Dagmar Nelle. Viele Mädchen und Jungen wollten dann aber reden, und manche bräuchten auch ganz einfach Trost. "Ich trage keinen Kittel, deshalb fassen sie zu mir hier in dieser fremden Umgebung vielleicht besonders schnell Vertrauen", vermutet die Lehrerin. Dass sie selbst hinreichend Erfahrungen mit Krankheit und Krankenhäusern hat, kommt ihr in solchen Situationen ebenfalls zugute.

Als die Grundschullehrerin vor Jahren aus gesundheitlichen Gründen berentet wurde, bot sie sich selbst für den Unterricht im Klinikum am, denn eine Lehrerin gab es dort bis dahin noch nicht. Zehn Stunden pro Woche kommt sie seither in die Neubrandenburger Oststadt, kümmert sich um Erst- ebenso wie um Neuntklässler. Einen riesigen Stapel von Arbeitsblättern und -materialien hat sich die 58-Jährige im Laufe der Jahre selbst zusammengestellt. "Welche ich davon brauche, erfahre ich erst am Morgen, wenn ich auf die Stationen komme, denn erst dann sagen mir die Schwestern, zu welchen Kindern ich gehen soll."

Viele Mädchen und Jungen sieht die Lehrerin nur wenige Male, es gibt aber auch Kinder, die wochen- oder sogar monatelang im Krankenhaus bleiben müssen. "Ihnen bringen die Eltern meist nicht nur die eigenen Schulmaterialien, sondern Arbeitspläne von ihren Lehrern zu Hause mit, nach denen richte ich mich dann", erzählt Dagmar Nelle. Direkten Kontakt zu den Heimatlehrern habe sie nie. Gedanken über deren Arbeit macht sie sich aber so manches Mal - zum Beispiel, wenn eine 14-Jährige Athen für die Hauptstadt Italiens hält oder wenn ihr ein Kind die Frage, in welchem Bundesland wir leben, mit "Deutschland" beantwortet.

"Ich kann Wissenslücken, die schon da sind, hier nicht in kurzer Zeit schließen", verdeutlicht die Lehrerin. Aber sie würde zumindest versuchen dafür zu sorgen, dass die Lücken nicht noch größer werden. Mit den Kleinen würde sie deshalb in erster Linie Lesen, Schreiben und Rechnen üben. Älteren, so ihre Erfahrung , falle es vor allem in Mathematik schwer, den Anschluss zu halten. Zur Auflockerung gebe es bei den Großen außerdem Lektionen in Geografie.

Auch jetzt, in den Winterferien, wird man Dagmar Nelle im Klinikum antreffen. "Ich hab doch gar nicht so viel Urlaub, dass ich in den Ferien immer zu Hause bleiben kann", meint sie schmunzelnd. In dieser Woche will sie allerdings vor allem Spiele mit auf die Stationen nehmen. "Ein paar Arbeitsblätter aber auch, denn es gibt immer Kinder, die selbst in den Ferien etwas für die Schule machen wollen."

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