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Mecklenburg-Vorpommern

18. Dezember 2017 | 07:58 Uhr

"Unsere Nordkirche wächst zusammen"

vom

svz.de von
erstellt am 24.Aug.2013 | 04:23 Uhr

Schwerin | Noch sind nicht alle Aktenschränke eingeräumt. Und im Büro riecht es nach frischem Holz. Im kurzärmeligen Hemd begrüßt Gerhard Ulrich den Besucher in seinem Reich: Ein großer Schreibtisch, ein Konferenztisch mit Früchten und Keksen - das Büro des Landesbischofs der Evangelisch-Lutherischen Kirche in Norddeutschland im repräsentativen Dienstgebäude des früheren mecklenburgischen Oberkirchenrats wirkt eher schlicht und zweckmäßig. "Ich bin nicht täglich im Büro", sagt Ulrich, als er die fragenden Augen des Besuchers sieht.

Am Sonntag wird der Theologe, der bislang Bischof von Schleswig und Vorsitzender der Kirchenleitung der neuen Nordkirche war, mit einem Festgottesdienst im Schweriner Dom in das Amt des Landesbischofs eingeführt. Womit Schwerin zum Zentrum der neuen Kirche wird: Als sich die bislang eigenständigen Landeskirchen in Mecklenburg und Pommern entschieden, mit der Nordelbischen Kirche zusammen eine gemeinsame Kirche zu bilden, sprachen sich alle drei Partner bewusst dafür aus, den Sitz des ranghöchsten Bischofs in Schwerin anzusiedeln. Und das, obwohl es auch andere Begehrlichkeiten gegeben hatte: Lübeck, das kurz zuvor den seit der Reformation in der Hansestadt angesiedelten Bischofssitz verloren hatte, ging am Ende leer aus. "Für mich ist der Umzug nach Schwerin ein weiteres Zeichen dafür, wie unsere Nordkirche zusammenwächst", sagt Ulrich. Seine Vorzimmerdame hat er aus Kiel mitgebracht, so wie auch andere Mitarbeiter aus dem Kirchenamt in der Schleswig-Holsteinischen Landeshauptstadt nun umgezogen sind: Eine Handvoll neuer Arbeitsplätze ist in Schwerin entstanden.

Zuständig von Sylt bis Usedom

Gerhard Ulrich freilich wird künftig vor allem im Auto anzutreffen sein. Denn der neue Landesbischof, der vor allem die Nordkirche nach außen vertreten soll, wird für die ganze Fläche der neuen Landeskirche zuständig sein. Und die reicht von List auf Sylt bis Heringsdorf auf Usedom. Das riecht nach Reisestress und Herzinfarkt. "Wir werden für jeden der drei Sprengel - Mecklenburg und Pommern, Hamburg und Lübeck und Schleswig und Holstein - bestimmte Tage blocken, so dass ich nicht an einem Tag von Dithmarschen über Vorpommern nach Hamburg muss", beruhigt der Bischof. Dazu wird es eine Arbeitsteilung mit den "Bischöfen im Sprengel" geben: Zu rein landespolitischen Themen werden sich in Mecklenburg-Vorpommern auch weiterhin die Bischöfe Andreas von Maltzahn und Hans-Jürgen Abromeit äußern. Ulrich dagegen wird eher für das "große Ganze" zuständig sein. Zum Beispiel für Themen wie den Religionsunterricht oder die Bäderregelung, die Christen in MV ebenso berühren wie Gemeindeglieder in Hamburg oder Schleswig-Holstein. Hier wird die Nordkirche künftig stärker über die Ländergrenzen blicken, und die Vision eines Nordstaats schon einmal vorweg nehmen. "Bei der Bäderregelung trocknen die Tücher noch", sagt Ulrich. "Für das Land Schleswig-Holstein haben wir eine wirklich gute Kompromisslösung gefunden." Dort einigten sich Kirchen und Wirtschaftsministerium auf einen Sonntagsverkauf von maximal sechs Stunden für Waren des täglichen Bedarfs in der Saison in Badeorten. "Gleichzeitig spüren wir aber in Mecklenburg-Vorpommern, dass man das hier sehr genau beobachtet hat", sagt Ulrich. "Ich muss eben den ganzen Bereich im Blick haben, stimme aber mit der Politik überein, dass für jedes Bundesland eine eigene Lösung gefunden werden musste."

Freiheit und Toleranz in den Alltag hineinbringen

Doch Gerhard Ulrich blickt auch in die Zukunft: Denn in vier Jahren, 2017, wird weltweit das 500. Jubiläum von Martin Luthers Reformation begangen. "Mir geht es da-rum, dass das nicht nur ein großes weltbewegendes Ereignis wird", sagt Ulrich. "Ich möchte, dass das hier vor Ort, in jeder Kirchengemeinde, gefeiert wird." Denn die Reformation habe etwa im Bereich der Kultur oder der Bildung Folgen gehabt, die bis heute im täglichen Leben spürbar seien. Schon seit 2008 begeht die Evangelische Kirche deswegen Themenjahre, die auf das Jubiläum vorbereiten sollen. "Mit dem Jahr Reformation und Musik haben wir große Erfolge gehabt", sagt Ulrich. "Aber ich würde mir wünschen, dass wir auch Themen wie Taufe und Freiheit oder Reformation und Toleranz zugleich in das tägliche Leben der Menschen hineinbringen."

Persönlich bedeutete der Dienstantritt in Schwerin für Ulrich natürlich auch, den Möbelwagen zu bestellen. Mittlerweile sei er aber in Schwerin angekommen, sagt Ulrich. "Wenn man neu anfängt, in einer neuen Stadt, ist es immer ein neues Gefühl." Er habe zwar schon lange gewusst, dass es nach Schwerin gehen werde, "aber Wissen geschieht im Kopf. Das Herz ist jetzt erst angekommen." Die Begrüßung in der Stadt sei außerordentlich freundlich gewesen. "Ich sehe, dass die Menschen hier unvoreingenommen, freundlich und aufgeschlossen sind - und dass das ein ganz großes Geschenk für mich ist."

Wird oft im Theater anzutreffen sein

Und auch über ein Engagement für das Schweriner Staatstheater denkt der Bischof bereits nach. Denn sein Weg in die Kirche wäre ohne die Bretter, die die Welt bedeuten, nicht vorstellbar gewesen. Als eher kirchenferner Schauspieler in Hamburg hörte er den 139. Psalm, begann über den Glauben nachzudenken und studierte schließlich Theologie. "Ein Theaterabo habe ich noch nicht - aber ich habe im Gespräch mit der Oberbürgermeisterin und dem Stadtpräsidenten deutliches Interesse für den Erhalt des Theaters signalisiert", sagt Ulrich. Gerade weil das Schweriner Staatstheater ein Mehrspartentheater ist, sei es für den ehemaligen Schauspieler besonders interessant. "Ich werde natürlich regelmäßig die Aufführungen besuchen", sagt Ulrich. "Und wenn man mich da brauchen kann, dann freue ich mich - so wie ich mich auch auf alle anderen Begegnungen und Aufgaben freue. "

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