zur Navigation springen

Gesundheitsrisiko : „Unsere Kirche strahlt“

vom
Aus der Redaktion der Zeitung für die Landeshauptstadt

Unter etwa jedem zehnten Kirchendach in Mecklenburg verbirgt sich ein Mobilfunkmast. Unklar ist, ob die Strahlen Krebs erzeugen

Edeltraut Böttge und Michael Schmitt waren überglücklich, als sie 2012 nach Warsow zogen. Hier wollte das Ehepaar leben. In einem alten Bauernhaus im Dorfzentrum. Ganz in der Nähe ein kleiner Fluss. Idyllisch. Vor allem die kleine Kirche unweit ihres Grundstücks hatte es ihnen angetan. Doch als Michael Schmitt sich den Turm genauer ansah, machte er eine ungute Entdeckung: genau in der Spitze der Kirche befindet sich ein Mobilfunkmast. „Unsere Kirche strahlt“, sagt Schmitt heute.

Unter etwa jedem zehnten Kirchendach verbirgt sich ein Handymast. Das teilte auf Anfrage die Bischofskanzlei Schwerin mit. „Derzeit gibt es im Evangelisch-Lutherischen Kirchenkreis Mecklenburg zirka 70 Mobilfunkverträge für Kirchen und fünf Mobilfunkverträge für Ländereien“, so Christian Meyer. Damit befindet sich die Anlage meist direkt im Dorfzentrum. Der Streit um Gesundheitsgefahren durch Handystrahlung schwelt seit langem.

Wenn man genau hinsieht, kann man von außen sehen, dass in der Mitte des Kirchturmdachs in Warsow die Schindeln anders aussehen. Sie sind glatter, etwas glänzender als die restlichen. „Das sind Plastikschindeln. Damit die Strahlung besser durchgeht“, erklärt Schmitt. Installiert wurde der Mast 1999. „Als ich davon erfuhr, habe ich schon gedacht: hier ziehe ich gleich wieder weg“, erinnert sich seine Frau Edeltraut Böttge.

Das Ehepaar wollte Klarheit. Schließlich engagierte es einen baubiologischen Sachverständigen für Elektrosmog und Erdstrahlen. „Er hat die Strahlung bei uns im Haus und auf den Grundstücken in der Umgebung gemessen“, sagt Böttge. Das Ergebnis: Im Umkreis von 400 Metern seien alle Anwohner von den Strahlen betroffen. Die Messungen hätten einen Wert ergeben, der über dem vom Bund für Umwelt und Naturschutz Deutschland (BUND) empfohlen sei, so Schmitt. „Er liegt unter dem Grenzwert der Bundesregierung. Aber diese Werte sind 50 Jahre alt“, moniert er.

„Viele unserer Nachbarn leiden an Krebs oder sind bereits an Krebs gestorben“, sagt Böttge. Die ehemalige Neurologin ist sich sicher: Das kann kein Zufall sein. Seit 2014 kämpft das Ehepaar nun dafür, dass der Strahlenmast aus der Kirche verschwindet. Bisher vergebens. „Wir wollen das Rad nicht zurückdrehen. Wir wollen nur, dass der Mast nach außerhalb des Dorfes verlagert wird.“

„Die Anlage wird vorerst nicht aus der Kirche verschwinden“, teilt Pastorin
Wiebke Lange mit. Die Kirchengemeinde Gammelin-Warsow hätte sich die Entscheidung nicht einfach gemacht, doch „wir brauchen die Gelder“, so die Pastorin. Der Kirchenrat erhielte von dem Mobilfunkanbieter mehr als 3  000 Euro im Jahr, heißt es aus dem Dorf.

Wie hoch die Einnahmen genau sind, teilt der Kirchenkreis Mecklenburg auf Nachfrage nicht mit. „Das Geld fließt direkt in den Erhalt der Kirche“, sagt Lange. So soll von dem Geld demnächst beispielsweise auch ein Gemeinderaum in dem Gebäude eingerichtet werden. „Die Mieten sind in Zeiten knapper Kirchenfinanzen willkommene Hilfen zum Bauunterhalt“, sagt Christian Meyer von der Bischofskanzlei Schwerin. Die Kirchtürme seien für die Anbieter attraktiv, weil man von außen die Anlagen nicht sehen könnte und die Kirchen im flachen Land oft den höchsten Punkt darstellten. Die Kirchengemeinden seien jedoch angehalten, das Für und Wider beim Einbau einer Funkanlage abzuwägen.

Können die Handymasten Krebs auslösen? Seit Jahren suchen Wissenschaftler nach Klarheit. Eine neue Studie aus den USA liefert nun Anzeichen für ein leicht erhöhtes Krebsrisiko im Tierversuch. Eine große epidemiologische Langzeitstudie aus Australien hingegen findet fast zeitgleich keinen Nachweis für erhöhte Krebszahlen in der Bevölkerung. Die Diskussion um potenzielle Gefahren durch die Mikrowellen-Strahlung von Mobiltelefonen- und den Mastanlagen wird also weiter mit Leidenschaft geführt – und mit unterschiedlichen Forschungsergebnissen.

Familie Schmitt-Böttge ist sich jedoch sicher: „Sowohl die Kirche als auch die Politiker haben eine Vorsorgepflicht der Bevölkerung gegenüber. Wir werden weiter kämpfen.“

zur Startseite

von
erstellt am 16.Jul.2016 | 06:25 Uhr

Gefällt Ihnen dieser Beitrag? Dann teilen Sie ihn bitte in den sozialen Medien - und folgen uns auch auf Twitter und Facebook:

Kommentare

Leserkommentare anzeigen