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Gedenken an die Opfer des Flugzeugabsturzes vor 67 Jahren : Unser Vater blieb im Kamper See

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Helmut Schütt hat seinen Vater Ernst beim Absturz der Dornier 24 über dem Kamper See verloren. Er war als Copilot an Bord der Maschine, die am 5. März 1945 mehr als 70 Kinder und Erwachsene nach Rügen ausfliegen sollte.

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erstellt am 05.Mär.2012 | 08:39 Uhr

Flensburg/Schwerin | Helmut Schütt hat seinen Vater Ernst beim Absturz der Dornier 24 über dem Kamper See verloren. Er war als Copilot an Bord der Maschine, die am 5. März 1945 mehr als 70 Kinder und Erwachsene nach Rügen ausfliegen sollte (unsere Zeitung berichtete). Zur Gedenkveranstaltung hat der heute 73-jährige Helmut Schütt aus Flensburg Erinnerungen notiert:

Es war Samstag, 11. Februar, als ich am Computer nach "Kamper See März 45" suchte. Warum gerade an dem Tag? Es war wohl Schicksal. Ich traute meinen Augen nicht und rief meine Frau. Und wir sahen Überschriften wie "Die toten Kinder vom Kamper See", "Polen wollen Kriegsflugzeug heben", "Das lange Warten auf den endgültigen Abschied". Ich las von der Tragödie der Familie W., die beim Absturz der Dornier 24 sechs Mitglieder verlor. Und ich las den Namen meines Vaters: Ernst Schütt. Das Frühjahr 1945 war zurück, als wären seither keine 67 Jahre vergangen.

Anfang 1945. Wir lebten seit fünf Jahren in Schleswig, meine Eltern, meine Omi und ich. Mein Vater war Lehrer für Mathematik, Physik und Geographie am Gymnasium für Jungen. Ich wurde am 11. April 1938 geboren, am 30. Geburtstag meines Vaters. Meine Schwester kam im November 1940 zur Welt, da war mein Vater schon eingezogen und als Beobachter (Copilot) in Flugbooten des Seenotrettungsdienstes unterwegs, anfangs in Frankreich. Nach Rückeroberung Frankreichs durch die Alliierten wurde er im Oktober 1944 nach Pillau und im Januar 1945 nach Bug auf Rügen zur Seenotgruppe 81 versetzt.

Ich kann mich an meinen Vater noch gut erinnern. Schön war es immer, wenn er auf Urlaub aus Frankreich kam. Er brachte allen etwas mit. Wenn ich mit ihm im Garten oder auf der Straße spielte, waren gleich auch meine Freunde da, und er spielte mit uns allen. Meiner Mutter schrieb ihm in den Jahren 1944 und 1945 fast jeden Tag einen Brief. Im August 1944 war er zum letzten Mal auf Urlaub bei uns in Schleswig. Unerwartet kam er am 26. August, am Vorabend des 35. Geburtstags meiner Mutter durch die Tür. Er umarmte uns, mich hob er hoch und küsste mich, wobei ich seine stachelige Gesichtshaut spürte. Er blieb einige Tage. Dann war er wieder fort - und sollte nie wiederkommen.

Er schrieb meiner Mutter wieder Briefe, Liebesbriefe. Er schrieb nie davon, welche Grausamkeiten er erlebte. Immer fragte er nach meiner Schwester und mir. "Wie oft bin ich bloß mit meinen Gedanken bei den beiden!" schrieb er. Und: ".. Helmut fragt wohl schon sehr oft nach dem Kriegsgeschehen, gell? Aber teile ihm man nicht so viel davon mit, denn für die Kinderseele ist es besser, wenn sie nichts von den Brutalitäten des Krieges weiß…".

Anfang März blieb die Post aus. Und als es am 19. März an unserer Haustüre klingelte, ahnte meine Mutter Schlimmes. Mein Vater war gefallen. Meine Mutter muss oft geweint haben, denn als ich älter war, sagte sie zu mir, ich hätte sie dann gestreichelt und getröstet. Meiner Mutter wurde auch ein handgeschriebener Beileidsbrief von seinem Staffelkapitän Körner übergeben. "Beim Abtransport von flüchtenden Frauen und Kindern aus dem Osten ist das Flugzeug, in dem Ihr Mann als Beobachter flog, kurz nach dem Start im Kamper See abgestürzt", schreibt er. "Das Flugzeug ist durch den Aufschlag auf dem Wasser restlos zerstört worden und gleich gesunken."

Lange glaubten wir nicht an den Tod meines Vaters. Irgendwie ist er bestimmt da rausgekommen, dachte ich. Vielleicht ist er jetzt in sowjetischer Kriegsgefangenschaft. Und so lauschte ich jahrelang im Radio der Sendung, in der die Namen der Heimkehrer verlesen wurden. "Dr. Ernst Schütt" oder "Ernst Schütt" hörte ich nie.

Aber unser Vater war und ist in unseren Gedanken dabei. Meine Mutter hatte noch ein langes und erfülltes Leben mit Enkeln und Urenkeln. Sie starb vor ein paar Jahren, kurz vor Vollendung ihres 97. Lebensjahres, wie sie es gewünscht hatte im Kreise ihrer Kinder. Eine Woche vor ihrem Tod sagte sie plötzlich: "Jetzt sind alle da, nur einer fehlt noch." Auf unsere Frage "Wer denn?", antwortete sie: "Der Ernst." Hatte meine Mutter damals schon "gesehen", dass Vater jetzt bald wiederkommt?

Heute wissen wir, dass das Flugboot mit all den Menschen noch heute im See liegt. Auch mein Vater ist noch da unten in der Dornier. Aber jetzt kommt er doch noch wieder, zwar ganz anders, als damals gemeint - durch die Initiative "KindervonKamp". Herzlichen Dank dafür.

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