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Mecklenburg-Vorpommern

23. November 2017 | 03:05 Uhr

Exoten in MV : Unser neuer Nachbar Nandu

vom
Aus der Redaktion der Zeitung für die Landeshauptstadt

Mecklenburg-Vorpommern entwickelt sich schleichend zum Bundesland der Exoten

Immer wieder suchen sich Tiere eine neue Heimat. Manche erobern sich verlorene Territorien zurück, wie momentan die Wölfe, andere wandern dem Klima hinterher, sagen dem Äquator auf Wiedersehen und suchen sich eine neue Heimat. Auch Mecklenburg-Vorpommern gehört zum „Sehnsuchtsland“.

Bereits Anfang der 1970er Jahre erschien aus dem südlichen Europa kommend die Türkentaube bei uns im Norden. Und seit ein paar Jahren breitet sich der unter Naturschützern und Jägern viel diskutierte Marderhund aus.

Die unbeabsichtigte Verbreitung von Einwanderern, auch Neozoen genannt, geschieht meistens über Verkehrswege wie Straßen, Flugverkehr, Flüsse und Meere. Es sei hier an die Wanderratte und die Wollhandkrabbe erinnert. Beide Arten kamen mit dem Seehandel vor Jahrhunderten aus Asien nach Europa. Insekten wie Käfer oder Blattläuse erreichen mit dem Warenhandel andere Kontinente, wie zum Beispiel der Kartoffel- oder Coloradokäfer aus den USA.

Eine weitere Möglichkeit ist die beabsichtigte Einfuhr von Tieren. Hier stehen die Zoologischen Gärten an erster Stelle. Zoos und Tierparke sind gut für die Bildung von Jung und Alt. Darüber hinaus haben diese Einrichtungen wichtige Aufgaben übernommen. Species wie der Orang-Utan finden in den Zoos ihre letzte Zufluchtstätte. Im Darwineum in Rostocker Zoo konnte bereits der erste Nachkomme unter den Orang Utans begrüßt werden. Private Haltung von nicht einheimischen Tierarten ist begrenzt gestattet, soweit die Species nicht dem Washington - Artenschutz Abkommen unterliegen. Um die Jahrtausendwende hielt ein Züchter in Schleswig-Holstein in mehreren Volieren Nandus. Im Jahr 2001 brachen ein Nandu-Hahn und fünf Nandu- Hennen aus. Als die Flucht bemerkt wurde, war Eile geboten.

Aber die Suche verlief erfolglos. Wochen später beobachtete man die Nandu-Truppe zwischen den Orten Schlagsdorf und Rieps, mitten im Biosphärenreservat „Schaalsee“. Die Vögel hatten den Grenzfluss zu Mecklenburg–Vorpommern, die „Wakenitz“, durchschwommen. Seit dieser Zeit beherbergt das Bundesland eine neue Neozoe.

Ungestört von Mensch und Tieren leben die Nandu- Gruppen wie im Schlaraffenland. Nach mehrjährigen Beobachtungen, es gibt inzwischen mehrere Nandu-„Familien“, reagierte das zuständige Umweltministerium. Durch Sterilisation der Eier wollte man die Reproduktion der Art in Grenzen halten. Doch der Versuch misslang, die Umweltschützer hielten die Standorte der Nester geheim.

Im Jahr 2008 vergab man eine Diplomarbeit zum Thema „Nandu-Reproduktion“. Ein mit einem Sender versehener Hahn gab nähere Auskünfte. Er brütete auf 27 Eiern, aus denen im Mai 2008 15 Jungvögel geschlüpft waren. Obwohl Nandus recht standorttreu sind, hat sich die Art über die Jahre von den Orten Schlagsdorf und Rieps, bis zu der Ortschaft Schattin ausgebreitet. Nach jüngsten Beobachtungen vollzieht sich die Migration in die Richtung Müritz- Seenplatte. Im Herbst 2009 wurden insgesamt 118 Nandus gezählt. In dem eiskalten und schneereichen Winter 2009/2010 kam es zur Katastrophe. Die Vögel gelangten durch die hohe Schneelage nicht mehr an die Futterpflanzen. Nur dort, wo der Wind das Rapsfeld kleinflächig schneefrei hielt, stand ausreichend Nahrung zur Verfügung. Am härtesten traf es die Jungvögel. Unerfahren in der Futtersuche bei Schneelagen verhungerten bis auf einen alle Jungvögel aus dem Sommer 2009. Insgesamt überlebte nur 1/3 der im Herbst 2009 gezählten Vögel. Im Winter 2012/2013 wiederholte sich diese Tragödie, es gab erhebliche Verluste.

Auf einer wissenschaftlichen Tagung im „Müritz-Nationalpark“ im Herbst 2010 sagte der Experte Professor R. Kinzelbach von der Universität Rostock Folgendes: „Durch Neozoen sei bisher keine heimische Art erloschen“. Nach seiner Kenntnis „ruckelt sich das wieder zurecht“. Verfolgt man diese Aussage am Beispiel des Marderhundes, dessen Bestände nicht zuletzt durch das verantwortungsvolle Handeln der Jäger etwas verringert werden konnten, so bestätigt sich die Aussage von Kinzelbach.

Im Winter 2009/2010 kam es in der Nähe der Nandu-Einstände zu drei Verkehrsunfällen mit Nandus. Auch wenn nach Ansicht der Ranger des Biosphärenreservates „Schaalsee“ Nandus keine Gefahr für den Menschen darstellen, bleibt die Frage offen, wer den Schaden an den Fahrzeugen bezahlt, bisher unbeantwortet. Nandus stellen im juristischen Sinne kein einheimisches Wild dar.

Während sich im Westen von Mecklenburg–Vorpommern die Neozoe Nandu etabliert hat, entwickelt sich im Osten des Bundeslandes ein neues Problem. Aus dem Tierpark Burg Stargard in der Nähe der Stadt Neubrandenburg konnten mehrere Kängurus entlaufen. Trotz intensiver Suche wurden nur einige der Flüchtlinge wieder eingefangen. Die Restpopulation überließ man sich selbst. In dieser Tiergemeinschaft gab es inzwischen Nachwuchs, die Tiere haben sich bereits bis an den Rand der Ückermünder Heide verbreitet.

Mecklenburg–Vorpommern ist ein Touristenland. Die Neozoen Nandu und Känguru wecken bei den Touristen, Naturfreunden und Ornithologen Interesse und Begehrlichkeit. Die Jägerschaft wird jedoch von diesem Neozoen–Tourismus maßgeblich behindert. Es herrscht etwas Unruhe in den Revieren, die Hege und Pflege der einheimischen Tierbestände wird beschwerlicher und unkontrollierbar.
 


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