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Drastischer Anstieg bei OPs : Unnötig unters Messer?

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Viele Patienten kommen laut einer neuen Studie unnötig unters Messer. Abzocke mit überflüssigen Operationen? Künstliche Gelenke, Herz-OP’s - oft nur aus finanziellen Gründen durchgeführt? Hintergründe zu der Studie:

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erstellt am 07.Dez.2012 | 08:38 Uhr

Deutschlands Kliniken haben im vergangenen Jahr so viele Patienten behandelt wie noch nie. Doch viele kommen laut einer neuen Studie unnötig unters Messer. Die Zahl der Behandlungen stieg laut dem neuen AOK-Krankenhausreport innerhalb von fünf Jahren um 1,5 Millionen auf einen Rekord von 18,3 Millionen. Operationen würden oft nur erbracht, damit die Kliniken ihre Einnahmen verbesserten, kritisierten der AOK-Bundesverband und das Wissenschaftliche Institut der AOK (WIdO) in Berlin.

Allein 2011 kamen 300 000 Behandlungen dazu. Nur jeder Dritte der zusätzlichen Fälle sei durch das Älterwerden der Gesellschaft erklärbar. Die Hälfte des Zuwachses entfällt laut Report auf Leiden des Muskel-Skelett-Systems, des Kreislaufsystems und der Harnorgane. Besonders drastisch: Die Zahl der Wirbelsäulenoperationen hat sich bei AOK-Versicherten zwischen 2005 und 2010 mehr als verdoppelt. Es gebe besonders dort starke Zuwächse, wo die Eingriffe Gewinn versprächen, sagte WIdO-Geschäftsführer Jürgen Klauber. Beim Einsatz künstlicher Hüft- und Kniegelenke liege Deutschland europaweit an der Spitze. Dass es gerade bei lukrativen Fällen starke Zuwächse gebe, wertete Klauber als starken Hinweis auf vielerorts unnötige Operationen.

Abzocke mit überflüssigen Operationen? Künstliche Gelenke, Herz-OP’s - oft nur aus finanziellen Gründen durchgeführt? Der große gesetzliche Kassenverband AOK beklagt in seinem neuen Krankenhausreport 2013 eine „enorme Mengenentwicklung bei Krankenhausbehandlungen.“ Die Krankenkasse sorgt sich um ihre Finanzen und das Wohl der Patienten. Die Ärzte wehren sich: Die zunehmende Zahl von Operationen sei gut begründet. Hintergründe zu der Studie von Christoph Slangen:


Wie stark ist die Zahl der Krankenhausaufenthalte gestiegen?
Seit dem Jahr 2005 nimmt die Zahl der Krankenhausfälle stetig zu. Im vergangenen Jahr gab es noch einmal 310 000 mehr, insgesamt 18,3 Millionen – ein Rekordwert. In fast der Hälfte aller Krankenhausfälle geht es um zwei medizinische Bereiche: Erkrankungen des Muskel-Skelett- und des Kreislaufsystems.

Warum vermutet die Kasse medizinisch unnötige Operationen?
Die Steigerungsraten seien gerade bei Operationen hoch, die für die Krankenhäuser lukrativ sind: Bei Wirbelsäulenoperationen oder bei Untersuchungen mit Herzkatheter könne das Ausmaß der Steigerung nicht mit gestiegenem Bedarf erklärt werden. Die Wirbelsäulenoperationen bei den AOK-Versicherten haben sich zwischen 2005 und 2010 mehr als verdoppelt. Seit 2005 ist die Zahl der stationären Behandlungen um 11,8 Prozent je Einwohner gestiegen. Bei bestimmten Eingriffen am Herzen – den Implantationen und Wechseln von Defibrillatoren, also Stromstoßgebern gegen Herzrhythmusstörungen – habe der Anstieg zwischen 2008 und 2010 allein 25 Prozent betragen. Nur zehn Prozent seien mit der demografischen Entwicklung zu begründen – also mit der Zunahme der Zahl älterer und damit krankheitsanfälliger Menschen, heißt es in der Studie.

Ist die Zunahme überall zu beobachten?
Sowohl in relativ kleinen Kliniken mit 100 Betten als auch in Großkliniken wird mehr operiert. Allerdings gibt es starke regionale Unterschiede: In Bayern werden rund 500 Wirbelsäulen-Op’s pro 100 000 Einwohner durchgeführt, in Sachsen 254. Unterscheide zwischen Bayern, wo häufiger operiert wird und dem benachbarten Baden-Württemberg, wo dies seltener geschieht, erklärt man sich unter anderem mit dem Belegbettensystem: In Bayern, wo niedergelassene Ärzte viele Belegbetten in Krankenhäusern haben, sei die Neigung groß, diese auch auszulasten.

Wie reagieren die Krankenhäuser?
Die Krankenhausgesellschaft hält mit einer eigenen Studie dagegen. Ergebnis:
Aus ökonomischen Gründen werde nicht operiert. Steigende Operationszahlen hätten vielmehr mit der viel größeren Zahl älterer Menschen zu tun. Die Kritiker berücksichtigten auch das Zusammenwirken von demografischer Entwicklung und medizinischem Fortschritt nicht. Ein Beispiel: Das Ballon-Kathetersystem für Herzeingriffe ist schonender, aber auch teurer.

„Wenn die gesetzlichen Krankenkassen herzkranken Patienten diese weniger belastenden Operationen streitig machen wollen, sollen sie dies den Menschen auch ehrlich sagen“, fordert die Krankenhausgesellschaft.

Welche Erklärung für die steigenden Operationszahlen geben die Kassen?
Sie machen Fehlanreize verantwortlich. So ist beispielsweise die Zahl der Chefärzte drastisch gestiegen, die über ein Bonussystem im Vertrag einen Anreiz zu möglichst vielen Operationen erhalten – hatten 1995 nur fünf Prozent der Chefärzte eine solche Vertragsklausel, sind es inzwischen 45 Prozent. Die Krankenhäuser haben einen hohen Personalkostenanteil, wegen der Spargesetze in den vergangenen Jahren jedoch vergleichsweise geringe Zuwächse erhalten. Auch die Bundesländer kommen ihren finanziellen Verpflichtungen, Investitionen der Krankenhäuser zu zahlen, nicht immer nach.

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