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NS-Geschichte : Uni Greifswald forschte zu Kampfstoffen

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Quellen belegen: Wissenschaftler der Uni Greifswald waren in die Rüstungsforschung des NS-Regimes eingebunden. Damit waren sie stärker mit dem System verquickt als bislang bekannt.

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erstellt am 11.Apr.2013 | 06:47 Uhr

Greifswald | Die Universität Greifswald war während des Nationalsozialismus in den Bereichen Medizin, Chemie und Physik in die Kriegsforschung eingebunden. Wie neueste Forschungsergebnisse des Historikers Henrik Eberle aus Halle zeigen, haben Chemiker und Mediziner der Universität Kampfstoffe - teilweise bei Experimenten mit Menschen - erprobt. Das Physikalische Institut habe seit 1941 kriegswichtige Aufträge erhalten. "Seit 1942 galt das von Rudolf Seeliger geleitete Institut als Rüstungsbetrieb", sagte Eberle gestern bei der Vorstellung erster Projektergebnisse. Seeliger, späterer Entdecker des Xenon-Lichtes, war zwischen 1946 und 1948 der zweite Nachkriegsrektor der Universität.

Im Physikalischen Institut wurde für das V2-Waffenprojekt in Peenemünde an Radiosonden gearbeitet, wie Eberle sagte. Mit den Sonden konnten die Peenemünder Ingenieure die Wetterverhältnisse in der Stratosphäre bestimmen und damit entscheidende Daten sammeln, um die Flugbahnen der V2-Waffen berechnen zu können. Seeliger habe zudem Osram bei der Lösung von Grundlagenproblemen mit nicht sichtbarer Strahlung beraten. Diese Strahlung wurde bei U-Boot-Zielgeräten eingesetzt. Eberle untersucht seit 2011 im Auftrag der Universität die Verquickung Greifswalder Forscher mit dem NS-Regime. Als "ethisch fragwürdig" bezeichnete er Experimente mit Senfgas-Kampfstoffen (LOST) an der Universitätshautklinik unter dessen Direktor Wilhelm Richter. In dem 1939 veröffentlichten Werk "Chemische Kampfstoffe und ihre Eigenschaften" beschreibt Richter die Wirkung von Senfgas auf der Haut und dokumentiert die Ergebnisse mit Fotografien.

Im Chemischen Institut forschte Gerhart Jander an einer möglichst feinen Vernebelung von Kampfstoffen. Ziel der Forschung: Die Wirkung auf dem Schlachtfeld zu erhöhen. Jander gehört zu den 54 Universitätsangehörigen, die ein Kriegsverdienstkreuz erhielten - davon allein zehn Dozenten wegen kriegswichtiger Forschungen. Wie Eberle resümierte, leistete Greifswald dennoch im Vergleich zu anderen Hochschulen "einen eher kleinen Beitrag" zur Rüstungsforschung.

Bis Ende 2014 will die Universität alle verfügbaren Quellen zur NS-Geschichte auswerten.

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