Prozess in Rostock : Unflätige Fragen beim Spaziergang

Der Angeklagte auf dem Weg in den Gerichtssaal
Der Angeklagte auf dem Weg in den Gerichtssaal

65-Jähriger soll in Rostock ältere Frauen sexuell genötigt haben

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07. Juni 2017, 21:00 Uhr

Auf seinen Rollator gestützt, schlurfte der Angeklagte in den Gerichtssaal. Die Adresse seiner letzten Wohnung schien er vergessen zu haben, als der Richter danach fragte. Mit zittrigen Händen und unruhigen Beinen folgte der 65-Jährige den Vorwürfen, die der Staatsanwalt gestern am Landgericht Rostock gegen ihn vortrug. Die waren nur schwer mit dem Bild zu vereinbaren, das der Angeklagte bot. Eine versuchte Vergewaltigung und eine versuchte sexuelle Nötigung in Rostocker Grünanlagen wirft die Anklage dem Rentner vor. Außerdem soll er ein elfjähriges Mädchen mit pornografischem Gerede sexuell belästigt haben. Angeklagt ist er zudem wegen diverser Beleidigungen, weil er Frauen mit unflätigen Worten beschimpfte und sie zu unsittlichen Handlungen aufforderte. All die Taten geschahen im vergangenen November im Nordosten Rostocks. Die sieben geschädigten Frauen waren zwischen 22 und 86 Jahre alt.

Früher hätte man einen Mann wie den Angeklagten wohl als Sittenstrolch bezeichnet – vorausgesetzt, dass er die vorgeworfenen Taten begangen hat. Nuschelnd bestritt der ehemalige Reichsbahner und Landwirtschaftsgehilfe allerdings, damit irgend etwas zu tun zu haben. Das habe er bereits der Polizei gesagt und „dabei bleibe ich“.

Seit Dezember 2016 sitzt er in Untersuchungshaft. Einige der Geschädigten hatten ihn auf Fotos wiedererkannt. Er ist einschlägig vorbestraft. Bereits zu DDR-Zeiten erging das erste Urteil gegen ihn. Das vorerst letzte aus dem Jahr 2011 lautete auf drei Jahre Gefängnis.

Nicht alle Geschädigten erkannten vor Gericht den Angeklagten wieder als jenen, der sie bedrängt, belästigt oder angegriffen hatte. „Nein, den Herren kenne ich ganz sicher nicht“, sagte eine resolute 85-Jährige. Zuvor hatte sie berichtet, wie sie auf dem Weg zum Einkaufen von jemanden ein unsittliches Angebot bekam, sie ihn anbrüllte und er davonging. Eine 22-jährige Angestellte, die mit ihrem Hund unterwegs war, als ihr jemand folgte und sie unflätig ansprach, hatte hingegen keinerlei Zweifel, dass der Angeklagte der Täter war. Eine 77-jährige Rentnerin, die auf ihrer Jogging-Strecke belästigt und angegriffen wurde, erinnerte sich, der Täter sei recht vital gewesen, was offenbar auf den Angeklagten nicht zutreffe. Eine 87-jährige wollte vor Gericht nicht die ekelhaften Worte wiederholen, mit denen sie der Täter belegte. Sie habe ihn „ein perverses Schwein“ genannt und hielt es für möglich, dass es der Angeklagte war.

Körperlich verletzt hat der Täter keine der Frauen. Aber in ihren Köpfen hat sich seitdem etwas eingenistet. „Früher bin ich blauäugig spazieren gegangen. Jetzt drehe ich mich häufiger um“, sagte eine 63-Jährige. „Es ist etwas ganz Hässliches, dass man das Erlebte nicht aus dem Kopf herausbekommt“, sagte eine 76-Jährige. „Auf solch eine unflätige Frage ist man ja nicht gefasst! Erst recht nicht in meinem Alter.“ Das Urteil soll Ende des Monats fallen.

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