Tierische Invasion : Unerwünschte Exoten

colourbox1227642

Immer wieder entkommen Tiere aus der Gefangenschaft – einige werden für andere Arten zur Bedrohung

von
08. Juni 2016, 12:00 Uhr

Sie ist der Schreck eines jeden Hobbygärtners: rötlichbraun, schleimig, bis zu zehn Zentimeter lang und extrem langsam: Die spanische Wegschnecke. Dreht man ihr einmal im Garten den Rücken zu, hat sie schon den halben Salat aufgefressen. Zunehmend wird das Weichtier mit Schleimspur zum ernstzunehmenden Agrarschädling. Dabei sollte es die spanische Wegschnecke hier eigentlich gar nicht geben. Heimisch ist sie nämlich auf der iberischen Halbinsel. Wahrscheinlich wurde sie durch Obst- und Gemüsetransporte eingeschleppt. Hier fühlt sie sich zumindest pudelwohl. Mittlerweile ist sie auf Platz eins der häufigsten Schneckenarten in Deutschland.

Ähnlich wie die spanische Schnecke sind laut Landwirtschaftsministerium MV in Deutschland bisher einige Tausend neue Tier- und Pflanzenarten durch menschliches Zutun „eingewandert“. Die meisten von ihnen kommen nur unbeständig vor. Etwa 800 gelten inzwischen als etabliert. Doch dann gibt es da noch einen kleinen Anteil, der zum Problem geworden ist. Insgesamt 37 sogenannte invasive Arten könnten die Natur so dominieren, dass die EU vor weiterer Ausbreitung warnt. Anfang des Jahres hat sie erstmals eine Liste veröffentlicht (1143/ 2014), die von unionsweiter Bedeutung ist. Einbringung, Haltung, Vermehrung und Transport dieser Arten sind in der EU verboten.

„Als invasiv bezeichnet man alle Arten, die sich stark vermehren, Lebensräume besetzen und heimischen Arten Platz wegnehmen“, erklärt Bernd Presch vom Landesumweltamt MV in Güstrow. Oftmals würden die Tiere und Pflanzen wirtschaftliche Schäden oder gesundheitliche Beeinträchtigungen beim Menschen verursachen. Nach Schätzung des Bunds für Umwelt und Naturschutz Deutschland (BUND) liegen die Kosten für die Beseitigung der Schäden allein in der EU zwischen 9,6 und 12,7 Milliarden Euro pro Jahr. Daher soll die weitere Verbreitung dieser Arten unionsweit verhindert werden.


Ungewünschte Gäste


Zu den ungewünschten Gästen zählt zum Beispiel der Kamberkrebs, sagt Presch. Der wurde bereits vor 100 Jahren aus Amerika nach Deutschland gebracht. „Damals hat er die Krebspest eingeschleppt und damit den heimischen Edelkrebs fast ausgerottet.“ Für MV ergibt sich aus der EU-Verordnung, dass die Bestandssituation des Kamberkrebs und anderer invasiver Arten zu beobachten ist, teilt das Umweltministerium mit. Und „dass Maßnahmen zu deren Beseitigung oder Eindämmung vorzubereiten sind.“

Der heilige Ibis beispielsweise werde in MV bisher nur ein paar Mal im Jahr gesichtet. Das soll auch so bleiben, so Presch. Der Vogel aus Afrika kommt derzeit vor allem in den Niederlanden in größeren Populationen vor. Er ernährt er sich vor allem von Libellen, Amphibien und Vogeleiern. Ein Problem für die dort heimischen Arten. „Um eine Ausbreitung in MV zu verhindern, soll der Vogel der Natur dann entnommen werden“, sagt Presch. Klartext, er dürfe dann geschossen werden.

Für andere invasive Arten käme die Verordnung zu spät, meint Presch. Sie hätten sich bereits etabliert. Der Waschbär beispielsweise würde in vielen Regionen zur Plage werden. Der Bär, der in den 1920ern in Hessen ausgesetzt wurde, dringt in Siedlungen vor, sorgt für Verkehrsunfälle, frisst Müll, aber auch Eier von Wasservögeln. Dadurch könnten ganze Kolonien – etwa von Kormoranen – ausgerottet werden.

„Der Waschbär darf bejagt werden“, sagt Presch. Das sei im allgemeinen Jagdrecht festgeschrieben. Für andere eingewanderte Plagegeister, wie zum Beispiel den Nutria, gebe es Ausnahmegenehmigungen. Die würden zum Beispiel dann erteilt, wenn das Nagetier Schäden im landwirtschaftlichen Bereich oder in Deichen verursache, so Presch. „Auch in diesem Jahr haben wir bereits mehrmals eine solche Ausnahmegenehmigung erteilt.“

Schwierig sei es, gegen die Arten vorzugehen, die unter Wasser leben – wie etwa die Chinesische Wollhandkrabbe. Sie wurde in Ballasttanks von Schiffen eingeschleppt und hat sich millionenfach in Europa ausgebreitet und ist auch in den Flüssen von MV zu finden. „Der Managementplan sieht es vor, wo es möglich ist, die Tiere sinnvoll zu verbrauchen“, erklärt Presch. Es ginge nicht darum, die Tiere wahllos umzubringen. Die Wollhandkrabbe ist in China eine Delikatesse. Fischer vermarkten sie heute an Asia-Restaurants.


Ochsenfrösche dürfen weiter hüpfen


Die EU-Verordnung 1143/2014 hat jedoch nicht nur Auswirkungen auf die Tiere in freier Wildbahn. Für die gelisteten Arten gilt mit einer Übergangsfrist ein Haltungs- und Handelsverbot. Das könne auch Zoos betreffen, die dann Ausnahmeregelungen beantragen müssten. „Einzelne Tiere sind keine Gefahr, aber bricht eine ganze Gruppe einer Art aus, können sie zum Problem werden.“ So entkamen vor einigen Jahren in einem Zoo südlich von Neubrandenburg chinesische Muntjaks. Die etwa 50 Zentimeter hohe Hirschart frisst Kräuter, Blumen und junge Triebe. Experten gehen davon aus, dass durch die Veränderung der Bodenvegetation das Muntjak zur Bedrohung für die Schmetterlingspopulation wird. „Die Tiere sind hier sehr überlebensfähig“, meint Presch.

Die meisten Arten, die in MV eingewandert sind, stehen nicht auf der Liste der EU. Dazu zählt auch die spanische Wegschnecke. „Der Schaden für das Ökosystem ist nicht so gewaltig“, meint Presch. Der Eindruck des Vielfraßes im Garten täusche. „Bisher gibt es keine messbaren Schäden.“ Nur dann würden Tiere in die Liste aufgenommen werden.

Auch die Population der Ochsenfrösche und Nandus nimmt weiter zu. „Die Einordnung der Buchstaben-Schmuckschildkröte in die Liste ist aktuell noch in Diskussion, teilt das Umweltministerium mit. Die Art könne sich bisher hier noch nicht vermehren.

 

Waschbär

Herkunft: Nordamerika
Lebensraum: am Wasser, größere Vorkommen in ganz Europa
Größe: bis zu 70 Zentimeter
Vorkommen in Deutschland:  Im Jahr 1927 wurden drei Paare in Hessen ausgesetzt. Vor allem in den vergangenen Jahren verbreiten sich die Tiere rasend. Deutschlandweit geht man von Hunderttausenden Tieren aus.
Bedrohung: Der Waschbär ist ein Allesfresser, vertilgt auch Vogeleier und kann so in Vogelkolonien ganze Populationen gefährden.

 

Chinesische Wollhandkrabbe

Herkunft: Ostasien,  kommt  meist mit  Ballasttanks nach Europa
Größe: ausgestreckt bis zu 30 Zentimeter
Lebensraum: in Flüssen und Meeren, starke Verbreitung an den Küsten von MV
Vorkommen in Deutschland: 1924 das erste Mal in der Elbe, 1926 in der Ostsee nachgewiesen
Bedrohung: kleine  Fische, Muscheln, Krebse, ernährt sich auch von Fischlaich und Aas

 

Heiliger Ibis

Herkunft: Afrika
Größe: bis zu 75 Zentimeter
Lebensraum: an Feuchtgebieten, größere Vorkommen vor allem in den Niederlanden, in MV bislang nur einzelne Exemplare
Vorkommen in Deutschland: seit etwa zehn Jahren
Bedrohung: Der Kolonievogel  ist sehr anpassungsfähig. Er kann durch Fraß von Libellen, Amphibien und Vogeleiern verschiedene Arten gefährden.
Sonstiges: Wurde als Ziervogel in Europa eingeführt, einzelne Exemplare entkamen aus Gefangenschaft.

 

Blaubandbärbling

Herkunft: China, Ostasien
Größe: bis zu zehn Zentimeter
Lebensraum:  in Fließgewässern, auch in Seen und Kanälen
Vorkommen in Deutschland: Spätestens seit Mitte der 1980er-Jahre von Züchtern als Besatzfisch oder Köder genutzt, aus Teichen in andere Gewässer entkommen
Bedrohung: frisst vor allem Plankton, was  andere Kleinfische wie Bitterlinge gefährdet
Sonstiges: vermehrt sich schnell (bis zu drei Generationen in einem Sommer).

 

Signalkrebs

Herkunft:  Nordamerika
Größe: bis zu 16 Zentimeter
Lebensraum: in Flüssen und Seen
Vorkommen in Deutschland: wurde gezielt ausgesetzt als Ersatz für heimische Krebsarten, erster Nachweis 1907
Bedrohung: Heimische Edelkrebse werden verdrängt, weil der Signalkrebs gegen die Krebspest resistent ist und einen neuen hoch-virulenten Stamm des Erregers nach Europa brachte.

 

Buchstaben-Schmuckschildkröte

Herkunft: Nordamerika
Größe: bis zu 30 Zentimeter
Lebensraum: an Flussläufen, vereinzelt in Mecklenburg-Vorpommern
Vorkommen in Deutschland: seit den 1950er-Jahren
Bedrohung: frisst Wildpflanzen, Wasserinsekten, Schnecken, Kaulquappen, Krebse, Fische und Muscheln
Sonstiges: lebt vor allem in Tierparks

Kamberkrebs

Herkunft: Nordamerika
Größe: bis zu 12 Zentimeter
Lebensraum: in Flüssen und Seen, lebt in Mecklenburg-Vorpommern, vor allem in Fließgewässern
Vorkommen in Deutschland: erstmals 1890 gezielt ausgesetzt
Bedrohung: heimische Edelkrebse werden verdrängt, weil der Kamberkrebs die Krebspest verbreitet, aber selbst nicht daran zu Grunde geht.

 

Schwarzkopf-Ruderente

Herkunft:  Nordamerika; wurde 1948 nach Großbritannien importiert und ist dort aus Gefangenschaft geflohen
Größe: bis zu 40 Zentimeter
Lebensraum: am Wasser, große Verbreitung in England, in MV bisher  nur einzelne Exemplare
Vorkommen in Deutschland: seit  etwa 1980
Bedrohung: verdrängt  die Schwesternart  Weißkopf-Ruderente.

zur Startseite

Gefällt Ihnen dieser Beitrag? Dann teilen Sie ihn bitte in den sozialen Medien - und folgen uns auch auf Twitter und Facebook:

Kommentare

Leserkommentare anzeigen