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Behandlungsfehler : Unerkannter Krebs, falsche Spritze

vom
Aus der Redaktion der Zeitung für die Landeshauptstadt

Nach der OP nicht geheilt, sondern geschädigt – das Risiko gibt es für jeden Patienten / Was tun gegen Ärztefehler?

Auf ein Wort reagieren Vertreter von Deutschlands Medizinern allergisch: Ärztepfusch. Das macht der Vorsitzende der Gutachterkommissionen der Mediziner, Andreas Crusius, bei der Präsentation der neuen Fehlerstatistik klar: „Wir Ärzte machen Fehler, wir sind aber keine Pfuscher.“ Aber wie hoch ist das Risiko für Patienten wegen Ärzte- und Behandlungsfehlern? Was ist zuletzt passiert – und was könnte helfen? Die Ärzte sehen das so: Trotz immer mehr Behandlungen in einer älter werdenden Gesellschaft sind die von den Gutachtern der Ärzteschaft anerkannten Fehler 2013 sogar leicht auf 2243 zurückgegangen. Auch 77 Tote durch diese Fehler waren weniger.

Dabei nehme der Stress in den Kliniken und Praxen zu. Medizin-Fortschritt und Therapie-Neuerungen machten die Behandlungen komplizierter. Krankenkassen wie die AOK, die vor Risiken in Kliniken warnen, wollten Stimmung gegen die Ärzte machen. Die Mediziner selbst aber machten fast alles richtig – und mit den Fehlern, die trotzdem passieren, halten sie nicht hinterm Berg. Ist das so?

Tatsächlich gibt es Anstrengungen in vielen Krankenhäusern im Kampf gegen Fehler. Der Vorsitzende der norddeutschen Schlichtungsstelle, Walter Schaffartzik, berichtet davon, dass Kliniken mit auffälligen Problemen von Expertengruppen aus anderen Häusern besucht werden. Im Internet sind brenzlige Situationen und Fehler dokumentiert, die das Klinik-Personal anonym meldet – zum Zweck des Lernens. Auch Fälle aus der Arbeit der Gutachterkommissionen der Ärzteschaft sind öffentlich. Sie können bei der Lektüre teils durchaus erschrecken.

Zwei Beispiele: Ein 67-jährige Patient hatte einen Muskelfaserriss. Ein Schmerzmittel brachte keine Besserung. Ein Chirurg spritzte örtlich ein Betäubungsmittel. Es kam zu einer Infektion und einer Entzündung. Ein erwogener Eingriff blieb aus. Ergebnis: eine Dauerschädigung mit eingeschränkter Beweglichkeit. Die Gutachter: Es sei nicht mehr nachprüfbar, ob es bei der Injektion an Hygiene mangelte. Der Arzt habe aber die falsche Therapie gewählt.

Eine 47-jährige Frau ging wegen einer Schwellung im Bereich der Hüfte zu einem niedergelassenen Chirurgen, der einen Weichteiltumor feststellte. Der Arzt operierte. Er entfernte flüssige und feste Bestandteile, wenn auch nicht vollständig, ließ das Gewebe aber nicht untersuchen. Erst nachdem die Wunde nach fünf Wochen nicht verheilt war, wurde Gewebe ins Labor geschickt – Ergebnis: ein bösartiger Tumor, der bereits eine Lungenmetastase nach sich gezogen hatte. Die Gutachter gaben der Frau recht: Der Arzt hätte schon vor der OP Verdacht auf den bösartigen Tumor haben müssen.

Der Patientenanwalt Frank Teipel weist den Verdacht zurück, die ärztlichen Gutachter wollten den begutachteten Ärzten möglichst wenig vorwerfen. Die Expertisen seien meist gut. Auch andere Experten haben daran nicht viel zu meckern – doch für sie ist in Klinik und Praxis trotzdem nicht alles in Ordnung. Die Deutsche Stiftung Patientenschutz fordert ein Register für die Behandlungsfehler – wie viele davon es gibt, weiß heute niemand. Die Grünen vermissen eine Verpflichtung für die Kliniken, bestehende Ansätze gegen Fehler auch wirklich anzuwenden. Der Sozialverband VdK macht sich für einen unabhängigen Entschädigungsfonds stark.

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