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Mecklenburg-Vorpommern

25. November 2017 | 10:46 Uhr

Existenzen : ...und was hat das mit MV zu tun?

vom
Aus der Redaktion der Zeitung für die Landeshauptstadt

In der Heimat regieren Frau Antje, Wohnwagen und ein König. Aber was ist das schon gegen Kühe und Torten in MV. Zu Besuch bei Milchbauer Jacob de Vries und Café-Besitzer Ed Schütze, die sich in MV eine Existenz aufgebaut haben

svz.de von
erstellt am 31.Aug.2014 | 08:21 Uhr

Auf diese Chance hat Wilhelm Friedrich nur gewartet. Die Zeit für den Prinzen von Oranien-Nassau ist gekommen, als Napoleons Truppen vor den Preußen und aufständischen Niederländern aus Holland fliehen. Wilhelm Friedrich kehrt zurück aus dem englischen Exil und geht in Scheveningen von Bord. Es ist der 30. November 1813 – und Historiker sprechen davon, dass dies der Auftakt für die Entstehung des Königreichs der Niederlande war. Abgeschlossen wurde sie am 21. September 1815 mit dem Eid des Oranje-Fürsten als König Wilhelm I. auf eine neue Verfassung. 200 Jahre Königreich Niederlande – das feiern die Holländer deshalb auch zwei Jahre lang und zur vierten nationalen Festveranstaltung ist Bundespräsident Joachim Gauck heute in Maastricht zu Gast. Holland und Deutschland – ein oft gespanntes Verhältnis, das seinen Tiefpunkt mit der deutschen Besetzung der Niederlande im Zweiten Weltkrieg fand. Niederlande und Deutschland – durch viele Hochzeiten wurde die Bande aber auch verstärkt. Die niederländische Königin Wilhelmina heiratete Heinrich zu Mecklenburg und sowohl Tochter Juliana als auch ihre Enkelin Beatrix haben ebenfalls Deutsche geheiratet. Heute ist das Verhältnis von regem Handel und ständiger Fußball-Rivalität geprägt. Und davon, dass sowohl gerne Deutsche in die Niederlande reisen und viele Niederländer nach Deutschland. Und einige bleiben gleich ganz hier, so wie Milchbauer Jacob de Vries oder Cafébesitzer Ed Schütze.

Da steht sie nun, die zehnjährige Johanna und schaut ihre Eltern ungläubig an. „Da drin sollen wir wohnen?“, fragt sie und zeigt auf den Wohnwagen und den Container, die neben den maroden Stallungen in Dadow stehen. „Ja“, sagt Jacob de Vries zu seiner Tochter Johanna und ihren sechs Geschwistern und er verspricht: „Es wird schon. Ich mache das.“ Und Jacob und Gattin Leentje machen. Es ist das Jahr 1991. Ein Jahr später steht das Wohnhaus. Die Ställe werden ausgebaut, die Kühe angeschafft und die erste Milch verkauft. Die de Vries-Kinder müssen zur Schule. Johanna ist aufgeregt. 4. Klasse. Grundschule Grabow. Alles neu. Alles fremd. Hoffentlich kommt sie klar, sorgen sich ihre Eltern, die aus der niederländischen Provinz Friesland stammen. Johanna kommt zurecht. „Alle waren nett zu mir, und ich hatte nie das Gefühl, eine Außenseiterin zu sein“, sagt sie. Der Betrieb wächst, die Familie auch. Aus den Kindern werden Erwachsene. Schwiegersöhne und -töchter kommen ins Haus, 13 Enkelkinder im Laufe der Jahre dazu. „Alles kleine Mecklenburger“, sagt Milchbauer de Vries. Harte Arbeit, von früh bis spät, jeden Tag. Dadow, seit die Holländer da sind, leben in dem Dorf fünfmal mehr Kühe und Kälber als Menschen. Seit vergangenem Jahr ist Jacob in Rente. Die Söhne Jelle und Christian haben den Hof übernommen. Es ist ruhiger für ihre Eltern geworden, seit sich die Kinder um die rund 700 Viecher kümmern, dafür sorgen, dass den 450 Kühen jährlich um die 3,5 Millionen Liter Milch abgezapft werden. Und um das Geschäft mit dem Biogas und die 70 Hektar Feldfrüchte, darum kümmern sich die de Vries-Burschen auch.

Jacob ist jetzt 67 Jahre alt, war früher viel unterwegs. Von Weidum in Holland ging der Landwirt nach Deutschland. Ahlen, Beckum, Oelde, Albersloh, Wolbeck und Cuxhaven. Dann ging es nach Mecklenburg. Dort, wo es nach der Wende so viel Land gab, dass ein eigener Betrieb gut auf die Füße kommen konnte. Jacob de Vries hat immer die Ärmel hochgekrempelt. Auch dann, wenn es darum ging, erträgliche Preise für die Milch zu bekommen. Wurde für höhere Literpreise gestreikt, dann fuhr de Vries beim Streikzug vorneweg. Er tuckerte mit dem Traktor zur Agrarminister-Konferenz nach Brüssel und zum Papst nach Rom. Gute Milchpreise, die sind ihm heilig. „Und wichtig für unsere Existenz“, sagt er.

„Hier wohne ich, hier habe ich meine Familie um mich herum, hier bleibe ich“ – Jacob und Leentje de Vries haben sich festgelegt. Mecklenburg, das ist ihre neue Heimat. Und Holland bleiben sie trotzdem treu. Verwandtschaftsbesuche, niederländische Nachrichten im TV, „und als Willem Alexander Ende April 2013 König wurde, da haben wir auf unserem Hof die niederländische Fahne gehisst“, sagt Leentje. Aber nur bis zum 4. Mai. „Da ist in Holland Dodenherdenking“, sagt Jacob de Vries. Am Totengedenktag, fügt der Kirchenälteste der Kirchgemeinde Eldena/Gorlosen hinzu, gäbe es nichts mehr zu feiern.

Gleich geht er die Kälber füttern. Das lässt sich Rentner Jacob nicht nehmen. Um den Nachwuchs kümmert er sich besonders gerne, egal ob er auf zwei oder vier Beinen steht.


Ein süßes Stückchen Mecklenburg


Wenn die Eieruhr klingelt, dann muss Ed Schütze in den Keller und nachschauen, ob seine Tortenkreationen im Backofen aufgehen. Ed Schützes Eieruhr klingelt oft, denn der Niederländer backt viele Torten, um sie in seinem Café „Naschwerk“ in Weberin anzubieten. Weberin, das sind vielleicht ein Dutzend Häuser, viel Wald, ein See und eine Landstraße, die Crivitz mit Brüel verbindet. „Weberin hat 17 Einwohner“, weiß Ed. Zwei von ihnen sind seit knapp acht Jahren Ed Schütze und seine deutsche Frau Ulrike. „Eigentlich bleiben wir immer nur sieben Jahre an einem Ort, aber hier werden es wohl 14 oder 21 Jahre“, sagt der 59-jährige Niederländer. Sieben Jahre waren sie in Lauenburg, sieben auch in Hamburg. Kennengelernt haben sie sich aber in Holland. Ulrike, die erfolgreiche Visagistin, und Ed aus dem nordholländischen Ijmuiden, der gelernte Tischler und Ofenbauer, der jetzt als Maskenbildner arbeitete und so gut Verletzungen aufschminken konnte, dass das Deutsche Rote Kreuz ihn oft für seine Erste-Hilfe-Schulungen engagierte. Spannende Zeiten, glückliche Zeiten – bis Ulrike Schütze schwer erkrankte. Ruhe musste her, ein Ort zum Leben, zum Erholen. Ed wollte Holz bearbeiten, Ulrike malen. Die Wahl fiel auf Weberin. „Eine sehr gute Wahl“, sagt Ed, der eigentlich Ernst Hendrik heißt. Sie bezogen ein Haus, in dem früher mal das Waldcafé war. „Plötzlich standen Leute bei uns im Wohnzimmer und fragten, ob wir Kaffee und Kuchen haben“, erzählt Ed Schütze. Ja, Kaffee hätten sie, aber kein Café. Das hat sich geändert – und Ed probierte das Backen.

Ed Schütze trennen 630 Kilometer von seiner betagten Mutter. Jetzt, da ihr das Reisen schwerfalle, besucht er sie beizeiten in den Niederlanden. Und seine Tochter aus erster Ehe und einen alten Kollegen aus Jugendzeiten auch. Aber in Weberin gibt es viel zu tun. Hier ist der Lebensmittelpunkt, das Café, die Freunde und Bekannten. Ed, der hoch aufgeschossene Holländer mit dem grauen Bärtchen und der runden Brille ist ein humoriger Mensch, kontaktfreudig und redselig. Hier, in Weberin und Umgebung, sagt er, habe er viele liebe und ehrliche Menschen kennen gelernt. Aus dem Sie wurde schnell ein Du, aus Ed für viele Edje. Die Eieruhr klingelt. Ed muss runter. Die Käsetorten sind fertig.

Nächste Woche ist Beatrix zu Besuch in Hitzacker. Leentje und Jacob de Vries fahren hin. „Vielleicht können wir sie ja sehen“, hoffen sie. Ed Schütze fährt nicht nach Niedersachsen. Er muss Torten backen. „Aber wenn Beatrix Lust hat“, sagt er und grinst, „dann kann sie gerne bei mir vorbeikommen und unseren holländischen Apfelkuchen probieren.“

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