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Mecklenburg-Vorpommern

24. November 2017 | 03:13 Uhr

... und schon wieder ein Zwangsumzug

vom

svz.de von
erstellt am 02.Jul.2013 | 10:29 Uhr

Schwerin | Marika Anga ist im Umzugsstress. Eine Woche ist es her, dass die Rentnerin ihre Plattenbau-Wohnung im Schweriner Stadtteil Mueßer Holz unfreiwillig verlassen und in ihre neue Bleibe ein paar hundert Meter weiter ziehen musste. "Mal wieder", seufzt sie. Denn es ist nicht das erste Mal, dass die Schwerinerin von einem Wohnblock in den nächsten umsiedelt: 2006 zog sie in die Galileo-Galilei-Straße 2, weil das alte Haus nebenan abgerissen wurde. Jetzt wiederholte sich das Spiel: Der Eigentümer des Blocks, die Schweriner Wohnungsbaugenossenschaft (SWG), bat Marika Anga und die anderen übrig gebliebenen Mieter im Haus erneut zum Auszug. Morgen ist Übergabetermin, da muss der gesamte Block leer sein. Bis Ende des Jahres soll er abgerissen werden.

Rückbau - was für viele ostdeutsche Wohnungsunternehmen eine wirksame Maßnahme ist, um Leerstandszahlen zu mindern und Kosten zu sparen, ist für betroffene Mieter häufig eine Zumutung - vor allem dann, wenn es eben nicht beim einmaligen Umzug bleibt. Vom Abriss besonders betroffen ist Schwerin, denn die Landeshauptstadt weist bundesweit die dritthöchste Leerstandsquote auf (siehe unten).

So wie Marika Anga geht es auch ihren Freundinnen Sonja Godau, Sabine Gniefke und Annemarie Siegmund. Auch sie sind Mitglieder der SWG und mussten in den vergangenen Jahren zwei-, Sonja Godau sogar dreimal umziehen.

Die Informationspolitik der SWG ist es, die die vier Frauen am meisten ärgert: "Als ich hierher zog, hieß es von der Genossenschaft, dass der Block auf jeden Fall erhalten bleibt", erzählt Marika Anga. Sieben Jahre später hat die SWG ihre Meinung augenscheinlich geändert. Im Frühjahr 2012 lag eine Einladung zur Mitgliederversammlung im Briefkasten. "Auf dieser hieß es dann, der Block Galileo-Galilei-Straße 2 bis 8 und der Nachbarblock in der Hamburger Straße 164 bis 170 werden abgerissen und wir müssten umziehen", berichten die Frauen.

Margitta Schumann, Vorstandsvorsitzende der SWG, kennt die betroffenen Frauen und weiß um ihre Geschichte. Es sei von ihrer Seite aus "unglücklich gelaufen", gibt sie zu. 2006, als Marika Anga in den nun abrissreifen Block zog, habe die SWG die Schwierigkeiten, den Block zu vermieten, noch nicht absehen können. "Unsere Hoffnungen auf Neuvermietung haben sich leider nicht erfüllt. Wir hatten dort zuletzt über 40 Prozent Leerstand", sagt Margitta Schumann. Ein Abriss aus wirtschaftlichen Gründen schien unumgänglich: "Die Nebenkosten stiegen in den fünfstelligen Bereich, lagen bei über 20 000 Euro. Würden wir den Block stehen lassen, müssten wir mit dauerhaften Verlusten rechnen." Auch ein oft vorgeschlagener Teilrückbau, bei dem nur die obersten Etagen abgetragen werden, würde sich nicht lohnen: "Auch dann müssten die Mieter während der Bauzeit ausziehen, zudem würden die Kaltmieten teurer."

Margitta Schumann könne den Ärger der betroffenen Mieter verstehen, sagt aber auch: "Wir haben uns sehr bemüht, es jedem bei der Wohnungssuche recht zu machen, haben die Leute betreut, ihnen ein großes Mitspracherecht eingeräumt und den kompletten Umzug bezahlt." Das können die vier Frauen bestätigen. Mit ihren neuen vier Wänden seien sie "sehr zufrieden", wie sie betonen. Die Wohnungen seien voll saniert, modern ausgestattet und liegen im Erdgeschoss, was den Seniorinnen besonders wichtig ist.

Allerdings gehörten sie nicht zu denjenigen Mietern, die bereits auf der Versammlung im März vergangenen Jahres noch an Ort und Stelle einen Vertrag für eine neue Wohnung unterschrieben. Stattdessen wandten sich Marika Anga und ihre Freundinnnen zunächst an den Schweriner Mieterschutzverein. "Wir wollten mindestens eine gleichwertige Wohnung bekommen und verlangten, dass die SWG den Umzug übernimmt. Das hat ja letztendlich auch alles geklappt", sagen sie.

Dennoch: Ihre alten Wohnungen hätten sie liebend gern behalten. "Je älter wir werden, desto schwerer fällt uns so ein Umzug", sagt Sabine Gniefke. Die anderen pflichten ihr bei. Die Strapazen sind ihnen zu viel, die Behördenlauferei nach einem Umzug ist stressig. Bei dem von der SWG beauftragten Umzugsunternehmen gehen außerdem häufig Möbel zu Bruch, wie sie beklagen.

Früher waren die vier Frauen Nachbarinnen, sahen sich quasi jeden Tag. Inzwischen sind spontane Besuche seltener, zumal sie nicht mehr so gut zu Fuß sind. Zwar ist Marika Anga nur ein paar hundert Meter weiter in die Lise-Meitner-Straße gezogen, und auch Sabine Gniefke und Sonja Godau wohnen nur wenige Straßen entfernt. Einzig Annemarie Siegmund, die zum Laufen einen Gehstock benötigt, hat es in die Wuppertaler Straße verschlagen - zu Fuß kann sie ihre Freundinnen kaum noch erreichen.

Froh sind sie trotz des erneuten Umzugs, dass sie im Mueßer Holz bleiben können. Die oft gehörte Meinung, dass es ein Problemstadtteil sei, in dem sich vor allem ältere Bewohner nicht sicher fühlen, können sie überhaupt nicht nachvollziehen. Selbst, als Marika Anga zuletzt fast allein in ihrem Aufgang wohnte, hatte sie zu keinem Zeitpunkt Angst: "Ich habe mich niemals bedroht gefühlt, wurde noch nie angepöbelt", sagt sie. Auch die anderen hätten bisher keine negativen Erfahrungen gemacht. Sabine Gniefke geht selbst nachts allein mit ihrem Hund Gassi.

Stattdessen betonen sie den freundschaftlichen Umgang in der Nachbarschaft. Das Miteinander mit den anderen Mietern sei sehr herzlich. "Hier kennt jeder jeden, es ist eine große Wohngemeinschaft." Nicht zuletzt sei die Lage unschlagbar: "Wir haben Ärzte, Einkaufsmöglichkeiten und die Straßenbahn direkt vor der Tür. Was will man mehr?" Sie schätzen ihre Wohngegend, würden nie woanders leben wollen.

Dass die alten Blocks neuen Eigentumswohnungen weichen sollen, wie die Frauen erfahren haben wollen, dementiert Margitta Schumann: "Das ist definitiv nicht geplant", sagt sie entschieden. Statt Neubau soll der Abriss in dem Wohnquartier im kommenden Jahr fortgesetzt werden. "In der Magdeburger Straße 11 bis 19 reißen wir zwei Blöcke ab", so Margitta Schumann. Die Mieter seien bereits informiert, auch sie müssen umziehen.

Marika Anga und ihre Freundinnen hoffen nun, dass ihr neues auch ihr langfristig letztes Zuhause bleiben wird und sie nicht in ein paar Jahren wieder ihr Hab und Gut packen müssen. Margitta Schumann kann sie beruhigen: "Wir wollen unseren Fehler von 2006 auf keinen Fall wiederholen und sind mittlerweile in der Lage, besser zu prognostizieren." Die Planungen bis 2020 seien abgeschlossen. "In den nächsten 15 Jahren bleiben die Blöcke definitiv bestehen", verspricht sie den Frauen.

Die zeigen sich aufgrund ihrer Erfahrungen skeptisch: "Sicher sein können wir uns da einfach nicht."

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