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Selbsthilfe für Krebspatienten : Und plötzlich steht das Leben Kopf

vom
Aus der Onlineredaktion

Wer an Krebs erkrankt, braucht Hilfe: Manchmal hilft es, darüber zu reden – zum Beispiel in einer Selbsthilfegruppe

von
erstellt am 24.Aug.2017 | 12:00 Uhr

„Manchmal schafft es auch jemand nicht. Dann gewinnt der Krebs.“ Sabine Kirton widerfährt ein tiefer Seufzer. Einen kurzen Augenblick fehlen ihr die Worte. „Es ist immer ein Schock“, sagt sie leise. „Schließlich wächst einem jeder einzelne ans Herz.“ Sabine Kirton ist Vorsitzende des Landesverbandes „Frauenselbsthilfe nach Krebs“ in Mecklenburg-Vorpommern und Schleswig-Holstein. Die Vereinigung gehört zu den ältesten und größten Selbsthilfeorganisationen in Deutschland. Sie wurde 1976 von einer Handvoll Frauen in Mannheim gegründet. Inzwischen gibt es neben dem Bundesverband elf Landesverbände und bundesweit ein dichtes Netz regionaler Gruppen, in denen etwa 35 000 Erkrankte Hilfe finden. Finanziert wird das Angebot primär durch die Deutsche Krebshilfe.

Neben ihrer Tätigkeit im Landesverband leitet Kirton auch die Selbsthilfegruppe (SHG) „Wolgast“ auf der Insel Usedom. „Wir sitzen nicht im Kreis und erzählen uns unsere Krebsgeschichten“, sagt Kirton. Vielmehr gehe es darum, die Betroffenen aufzufangen, sie zu informieren und auf ihrem Weg im Kampf gegen die Erkrankung zu begleiten. „Die anderen haben das genauso durchgemacht wie man selbst. Man fühlt sich verstanden.“ Kirton spricht aus eigener Erfahrung. 2004 erkrankte sie selbst. Sie durchlitt Chemotherapien und Bestrahlungen, verlor dabei aber nie ihren Lebensmut. „Am 1. Montag nach Neujahr besuchte ich den Wassergymnastik-Kurs der Selbsthilfegruppe Ostseeterme. Das ist jetzt zwölf Jahre her. Ich fühlte mich dort aufgehoben“, erzählt sie. Nur ein Bruchteil der Krebspatienten nutzt die Angebote von SHGs, weiß Kirton. „Dabei lernt man dort, das Leben lockerer zu betrachten.“ Jeder, der zu den Treffs kommt, habe seine eigenen Erfahrungen mit dem Krebs gemacht. „Wir reden miteinander und hören uns zu. Wir geben uns Tipps und vor allem fragen wir uns gegenseitig wie es uns geht.“ Meist würde es ein bis zwei Jahre dauern, bis die Betroffenen in eine SHG gehen. „Viele fallen dann in ein Loch, durchleben Momente, in denen sie einfach nicht mehr weiter wissen.“ Die Stütze der anderen kann in diesen Situationen helfen. „Die Krebsdiagnose ist immer hart und schwer zu akzeptieren. Aber man muss das beste daraus machen.“ Sabine Kirton wirkt resolut: „Als Landesverband-Vorsitzende war ich schon auf zu vielen Beerdigungen.“ Jedes Abschiednehmen berühre sie zutiefst. „Es ist aber auch immer ein Signal dafür, dass man selbst noch da und am Leben ist. Ich denke dann ,mich hat’s noch nicht erwischt’ und dass ich alles dafür tun will, damit das auch so bleibt“, erklärt die ehemalige Lehrerin. „In der Krebsselbsthilfe begegnet man sehr starken Menschen. Einige haben ihre Krankheit bereits überstanden, andere suchen noch einen Weg damit umzugehen“, so Kirton.

Kontakt zum Landesverband der Frauenselbsthilfe nach Krebs: Sabine Kirton, 038378/229 78, 0152/28 65 24 19, s.kirton@frauenselbsthilfe.de

Der Landesverband betreue alle Krebsarten und Patienten, obwohl der Name „Frauenselbsthilfe“ etwas irritiere. „Seit 2015 gibt es sogar eine reine Prostata-Männergruppe“, sagt Kirton. Laut Verbandssatzung könne sich eine Gruppe ab sechs Mitgliedern gründen, von denen drei die Gruppenleitung bilden. „Wir brauchen einen Leiter, einen Stellvertreter und einen Kassierer“, verdeutlicht die Landesverbands-Chefin. Sie kritisiert, dass einige Krankenhäuser im Land kein Interesse daran hätten, ihre Patienten über das Angebot der Selbsthilfe zu informieren. Zum Beispiel sei die Zusammenarbeit mit dem Helios-Klinikum Stralsund eine Katastrophe. „Nach 20 Jahren ist dort der Kontakt abgebrochen. Die Schwestern dürfen nicht einmal mehr unser Material verteilen“, bedauert Sabine Kirton – vor allem, weil sie persönlich wisse, wie gut es tut, in schwierigen Lebensphasen Halt zu finden.

 

gesti
 

Magazin erklärt die Diagnose Krebs

Die Zahl der Krebs-Neuerkrankungen hat sich in Deutschland seit 1970 fast verdoppelt. 2013 erkrankten etwa 482 500 Menschen an bösartigen Tumoren, wie aus dem ersten „Bericht zum Krebsgeschehen in Deutschland“ hervorgeht. Im gleichen Jahr starben knapp 223 000 Menschen an den Folgen. Krebs ist damit nach Herz-Kreislauf-Erkrankungen die zweithäufigste Todesursache. Gleichwohl leben Betroffene nach einer Diagnose heute deutlich länger als noch vor zehn Jahren - dem medizinischen Fortschritt sei Dank. Viele Krebserkrankungen gelten als vermeidbar. So ist jede fünfte Krebserkrankung auf Rauchen und Alkoholkonsum zurückzuführen. Die deutsche Bevölkerung ist außerdem im Durchschnitt zu dick, isst zu wenig Obst und Gemüse, zu viel Fleisch und bewegt sich zu wenig – auch das fördert die Krebsentstehung. Wie der Einzelne sein Erkrankungsrisiko senken kann und wo es Hilfe gibt, wenn die Diagnose Krebs gestellt wird, lesen Sie in der neuesten Ausgabe unseres Magazins „Gesundheit“, das morgen Ihrer Tageszeitung beiliegt.

 

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