Erster Solo-Preisträger der Festspiele MV : ... und plötzlich ein Star

Verabreicht mit seinem Spiel 'eine gehörige Portion Adrenalin'
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Verabreicht mit seinem Spiel "eine gehörige Portion Adrenalin"

Daniel Müller-Schott, 35 Jahre jung, groß gewachsen, athletisch und gut aussehend, ist inzwischen mit seinem Cello auf allen großen Konzertpodien der Welt zuhause. Ein neuen „Stern am Cellohimmel".

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17. Juli 2012, 11:56 Uhr

Daniel Müller-Schott, 35 Jahre jung, groß gewachsen, athletisch und gut aussehend, ist inzwischen mit seinem Cello auf allen großen Konzertpodien der Welt zuhause. Als neuen "Stern am Cellohimmel" betitelte ihn die kanadische Presse nach seinem dortigen Debüt, die New York Times bejubelte ihn als Musiker, der eine gehörige Dosis Adrenalin verabreiche. Als allererster Festspiel-Preisträger überhaupt ist der Solist schon seit 1995 allsommerlich in MV zu Gast. Christoph Forsthoff hat den Cellisten getroffen.

Gab es einen Masterplan für Ihren Aufstieg in den Cello-Olymp?

Müller Schott: Das wäre gerade in meinem Beruf eher kontraproduktiv. Man muss hineinwachsen, auch um über die Jahre feststellen zu können: Wie komme ich zurecht mit dem Leben als Musiker? Denn das bedeutet ja nicht nur, sein Instrument zu spielen, sondern solch eine Tätigkeit betrifft ja das ganze Leben: Wie komme ich etwa mit dem Reisen klar oder auch mit der häufigen Situation, allein zu sein?

Trotzdem noch einmal nachgehakt: Bei Ihnen hat der bei vielen anderen Musikern übliche Wunderkind-Status völlig gefehlt...

…Gott sei Dank!

... und dennoch sind Sie nun ein Star.

Ganz sicher hat mir diese kontinuierliche und vielleicht auch etwas ruhigere Entwicklung nicht zuletzt auch als Person gut getan. Ich konnte als Musiker langsam heranreifen. Zudem hatte ich ein sehr gutes Umfeld, denn meine Eltern haben auch nach meiner Teilnahme mit 15 Jahren am Tschaikowsky-Wettbewerb sehr darauf geachtet, dass ich nicht sofort von allen Agenten-Haien überfallen und mein Talent ausgeschlachtet wurde.

Haben Sie sich niemals wehren müssen, als jungvirtuoser Tausendsassa vermarktet zu werden?

Es gab schon Situationen, wo ich ganz bewusst abgebremst und gesagt habe: Jetzt möchte ich weniger machen und mich aufs Studium konzentrieren. Doch geholfen hat mir zweifellos auch, dass ich mit dem Cello ein Instrument spiele, das nicht so im Fokus steht wie die Geige oder das Klavier. Es besitzt einfach nicht diesen Sensationscharakter. Und soll das Instrument voll zur Geltung kommen, muss man auch ausgewachsen sein und die physische Kraft haben, um das Instrument wirklich ausspielen zu können.

Aber woher rührt es denn, dass das Cello in der öffentlichen Wahrnehmung nicht mit der Wirkungsmacht von Geige oder Klavier mithalten kann - obwohl es doch das viel klangschönere Instrument ist...

...das freut mich, dass Sie das sagen! Zum einen liegt es sicher daran, dass musikhistorisch betrachtet die Komponisten erst relativ spät bemerkt haben, was das Cello eigentlich alles leisten kann. So sind Geige und Klavier im Schaffen der Komponisten weit mehr gewürdigt worden - und das setzt sich fort bis heute, wo mir zwar Konzertveranstalter und Orchesterintendanten zu verstehen geben: Ein Cellokonzert sei immer das Highlight der Saison und sie alle liebten dieses Instrument - doch auf dem Programm findet es sich dann eben doch nur ein- oder zweimal pro Spielzeit.

Dazu kommt vielleicht auch das weniger virtuose Element des Cellos: Es fehlt einfach diese Möglichkeit der völligen Veräußerung - auf der Geige oder dem Klavier lässt sich einfach viel leichter der Eindruck einer vordergründig virtuosen Wirkung erzeugen.

Ein Rezept, um ein Star zu werden, könnten Sie also gar nicht geben?

Das ist ganz schwierig. Natürlich beobachten wir ja alle, dass auch die klassische Musik in eine zunehmende Abhängigkeit von den Medien gerät und auch Veranstalter immer mehr auf einen gewissen Event-Charakter setzen. Doch die Klassik ist nun mal keine Musik für Millionen, sondern hat einfach einen viel intimeren Charakter als etwa Popmusik. Und dessen sollte man sich einfach bewusst sein, wenn man sich für die klassische Musik entscheidet . Will man ein Star werden, ist die Klassik ohnehin das falsche Metier: Da sollte man lieber Fußballer werden. Ich kann eben auch nach einem Konzert vor ein paar tausend Leuten noch allein in ein Restaurant gehen, ohne erkannt zu werden - und das finde ich herrlich...

Vor einigen Jahren haben Sie das 1. Cellokonzert von Schostakowitsch vor 20 000 Besuchern beim Rockfestival im dänischen Roskilde gespielt. War das nur ein netter Gag oder lässt sich auf diese Weise auch neues Publikum für die Klassik gewinnen?

Ich glaube schon, dass das möglich ist. Natürlich haben wir in Roskilde verstärkt gespielt, und der Lärmpegel war gigantisch, denn die Leute unterhalten sich ja weiter. Andererseits hat es richtig Spaß gemacht, dem etwas entgegenzusetzen! Und das hat auch funktioniert, es gab richtig Szenenapplaus. Ich finde solche Aktionen gut und spiele auch gern mal eine Bach-Suite vor Metallica-Publikum.

Geben Ihnen persönlich solche Auftritte einen ganz besonderen Kick?

Es hat eine unglaublich erfrischende Wirkung - und eigentlich ist es auch leichter, vor 40 000 Leuten zu spielen als vor 200, die dann wie in Gralsstimmung vor mir sitzen, niemand darf sich bewegen und schon das kleinste Bonbonpapier stört. Da ist man vor 40 000 Leuten viel freier und bekommt auch eine Ahnung davon, wie sich Rock- und Popmusiker fühlen müssen... ja, das ist schon ein bisschen wie eine Droge, solch eine Energie von zigtausend Menschen unmittelbar vor dir zu spüren.

Gab es Momente, in denen Sie sich insgeheim wünschten, lieber Popmusiker geworden zu sein?

Nein, ich bin sehr glücklich mit dem, was ich tue. Das ist ja auch das Schöne an der klassischen Musik: Ein Rocksong behandelt ein Thema in drei Minuten - in der Klassik hingegen liegt die Herausforderung darin, solch eine Konzentration auf einen deutlich längeren Zeitrahmen zu übertragen. Und zu erleben, dass die Musik auch hierzu imstande ist, das ist schon ein sehr erfüllendes Erlebnis.


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