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Fischregen Crivitz 1792 : Und ewig fliegen die Stahlfische

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Aus der Onlineredaktion

Der Kunstschmied Heiko Voss erinnert mit einer spektakulären Skulptur an den Crivitzer Fischregen vom 5. September 1792

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erstellt am 02.Sep.2017 | 07:00 Uhr

Fisch und Stahl. Ein größerer Gegensatz ist kaum denkbar. Hier ein pfeilschneller Hecht, ein Schwarm Plötze, ein glitschiger Aal. Dort Härte, Erstarren, Beständigkeit für die Ewigkeit. Soll beides zueinanderfinden, muss Fantasie ins Spiel kommen, Kreativität, Geschick und Handwerk – also Kunst.

Die rechte Aufgabe für einen Schlosser- und Schmiedemeister wie Heiko Voss, der als Kunstschmied Eisenmänner im Sturm tanzen oder stählerne Eulen in Baumwipfel fliegen lassen kann. Doch gleich ein ganzer Fischregen aus grundsolidem Baustahl – alles in allem 40 fliegende Fische? Eiserne Libellen auf Seerosenblättern? Erzfrösche im Sprung? Schilf im Wind? Und überhaupt: Was soll das Ganze? Hat man je von einem Märchen gehört, das „Die fliegenden Fische“ heißt?

Am Dienstag, 5. September 2017, um 11 Uhr wird die Skulptur genau am 225. Jahrestag des Fischregens an der Crivitzer Seepromenade in der Weinbergstraße, gegenüber dem Gymnasium, feierlich enthüllt.

Erster Entwurf für die Skulptur „Crivitzer Fischregen“   Zeichnung: Heiko Voss
Erster Entwurf für die Skulptur „Crivitzer Fischregen“ Zeichnung: Heiko Voss

Von wegen Märchen! Was Heiko Voss in seiner Runower Schmiede seit drei Monaten in mehr als 250 Arbeitsstunden geschweißt und geschmiedet, gehämmert und ausgeschnitten hat, oft an Wochenenden, diesen unglaublich dynamisch anmutenden Tanz der Fische im Sturm, das alles erzählt von einer wundersamen Begebenheit der Crivitzer Stadtgeschichte – einem Fischregen, der die kleine Stadt im Herzen Mecklenburgs am 5. September 1792 heimsuchte. Am Dienstag vor genau 225 Jahren. „Darum muss ich auch unbedingt bis Dienstag fertig werden“, so der hünenhafte Schmied mit den stahlblauen Augen. „Früh um 5 Uhr stellen wir die 3,50 Meter hohe und 300 Kilogramm schwere Skulptur an der Seepromenade auf, um 11 Uhr wird die Arbeit dann enthüllt und den Crivitzern und der Ewigkeit übergeben.“

Als Voss, der vor zwei Jahren die alte LPG-Schmiede im Dörfchen Runow bei Crivitz übernommen hat, zum ersten Mal von jenem unerhörten Naturwunder hörte, keimte sofort die Idee für eine Skulptur. „Das ist doch ein Alleinstellungsmerkmal für Crivitz. Wer kann denn schon von einem ähnlich spektakulären Ereignis in seiner Stadtgeschichte berichten?“

Von Dosensardinen, Haien und alten Weibern mit Keulen

Auch wenn es eher nach Geschichten aus dem Reich der Mythen und Legenden klingt, wird über das Phänomen Tierregen seit Jahrhunderten aus fast allen Weltengegenden immer wieder berichtet. Fische und Frösche führen dabei die Hitliste der flugunfähigen Tiere an, die so mir nichts, dir nichts vom Himmel gefallen sind. Aber auch von Quallen und toten Vögeln wird berichtet. In der Silvesternacht 2011 lagen z. B. in der US-Kleinstadt Beebe, Arkansas, Vögel zu Tausenden in Gärten, Feldern und auf Hausdächern. Eine Vogelkundlerin spekulierte damals über den massenhaften Tod der Rotschulterstärlinge, „dass der Schwarm von einem Hagelsturm in höheren Luftregionen getroffen wurde – oder von Blitzen“.

1974 starben auch in Deutschland Tausende Schwalben nach einem plötzlichen Wintereinbruch an Entkräftung.

In einer mehr oder weniger skurrilen Liste im Internet werden auch Spinnen, Würmer und sogar eine Kuh aufgeführt, die vom Himmel geregnet sein sollen. Von Blutregen, buntem Schnee, blutigen Steaks und Geldscheinen ganz zu schweigen.

Auch in Filmen und Büchern wimmelt es nur so vor Viechern und seltsamen Dingen, die auf der Erde landen. In Terry Pratchetts fantastischen „Scheibenwelt“-Romanen plumpsen etwa Bettgestelle, Kuchen und Dosensardinen auf eine Welt, die auf den Rücken von vier Elefanten ruht. In dem großartigen Film „Magnolia“ aus dem Jahr 1999 regnet es Frösche.  Auch Stephen King erzählt in der Kurzgeschichte „Regenzeit“ von Fröschen mit scharfen Zähnen, die vom Himmel fallen. Sogar Haie sind vor der Fantasie von Filmemachern nicht sicher; gleich in allen drei Teilen der „Sharknado“-Kinofilme regnet es   die titelgebenden sharks.

Über die Wortgeschichte des englischen Ausdrucks „It is raining cats and dogs“ streiten sich allerdings die Wissenschaftler bis heute. Wenn wir im Deutschen sagen, es regnet Strippen oder es schüttet wie aus Eimern, gibt es in vielen anderen Sprachen gleichfalls lustige Entsprechungen – von alten Weibern mit Keulen und Trollen bis zu jungen Katzen und Schubkarren.

Dass es allerdings Männer regnen möge – halleluja – wird wohl für immer ein unfrommer Wunsch liebestoller Damen bleiben.

 

Und es muss wirklich ein ziemlich bedrohliches Schauspiel gewesen sein. Alte Chroniken berichten von einer ungewöhnlichen Wolke, die mit schrecklichem Getöse gegen 3 Uhr nachmittags die Stadt überfiel. „Dann stieg diese Wolke wieder empor, senkte sich, ein einziger wirrer ekstatischer Tanz.“ Eine Windsbraut – heute spricht man von einem Tornado – entwurzelte Bäume, deckte Dächer ab. „Dann stürmte die Windsbraut weiter über den zwischen dem Amtshaus und der Stadt liegenden See und erzeugte in kürzester Zeit eine gewaltige Wasserhose, hob diese steil hoch und brausend fiel die Wasserflut in die Gärten, auf die Felder und Straßen, alles mit sich reißend. In den Gassen paddelten zu Hunderten die Fische“, wusste das Mecklenburg-Magazin zu berichten. Die Mecklenburgischen Gemeinnützigen Blätter titelten „Nachricht von einer Windsbraut, die am 5ten September 1792 das Städtchen Krivitz in banges Schrecken setzte“.

Einer der 40 Fische der Skulptur
Einer der 40 Fische der Skulptur Foto: Hans-Dieter Hentschel
 

Dass die Windsbraut nicht nur Feldsteine, Enten und andere Vögel aufhob und Pferde umwarf, sondern sogar „ein Kalb blökend in die Höhe“ führte, dürfte aber wohl doch eher ins Reich der Legenden gehören. Jedenfalls hätte Schmied Voss mit einem Kälbchen in seiner Skulptur ein Problem mehr gehabt. Allein für den 1,20 Meter langen Aal aus 40 Millimeter Rundeisen reichten seine an sich schon schweren Schmiedehämmer nicht aus. Da musste der gewaltige Lufthammer ran. Von bislang fehlenden Sponsoren für den spektakulären „Fischregen“ ganz zu schweigen.

Auch nach der Einweihung der in den letzten Tagen verzinkten Skulptur will Heiko Voss nicht von den Fischen lassen. Und das nicht nur, weil der bei Kiel geborene Schmied leidenschaftlicher Angler ist. Schon entsteht ein weiterer großer Hecht, der die Hausecke von „Annas Laden“ in Crivitz zieren soll. Voss träumt davon, dass auch andere Künstler auf den Fisch kommen und irgendwann Crivitz nur so wimmelt von erzenen, hölzernen oder tönernen Fischen. Gäbe es dann am Markt auch noch ein Fischrestaurant, das die Bouillabaisse „Crivitzer Fischregen“ als Spezialität anböte, würde der „bange Schrecken“ von anno 1792 doch noch einen späten Segen spenden.

 

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